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Das Thema ist bedrückend. Die Pharmaindustrie verwendet immer noch Tiere für Versuche ihrer Neuentwicklungen. Es ist Tierquälerei: schauderhaft. Wir kaufen die Produkte nichtsahnend welch Schmerz, Qual und wieviel Tod damit einher gingen. Diese Installation schärft das Bewusstsein.

Ein Plattenteller steht vor der Projektionsfläche. Dort laufen im Loop Werbefilme von Produkten und Herstellern, die Tierversuche verwenden. Wenn dann der Plattenteller wie beim DJ hin und her geschoben wird, wenn wir scratchen, dann mischen sich Bilder der Versuche selbst in den Videofilm. Mal sehen wir in Panik kreischende Äffchen, dann in winzigen Käfigen eingeschlossene immer im Kreis sich drehende, verzweifelte Beagle, oder halbaufgeschnittene, noch lebende Mäuse und andere Kleintiere. Es ist ein schauderhaftes Geschäft.

Karol Kensy Student der Kunstuniversität in Linz, Fachbereich „Zeitbasierte und Interaktive Medien“ hat viel Zeit in die Hintergrundrecherche gelegt. Denn die Pharma-, Waschmittel- oder Kosmetikhersteller wollen nicht mit ihren Machenschaften in Verbindung gebracht werden. Nachweisbarkeit und Informationsgenauigkeit spielen eine Rolle. Diese Installation hat politische und gesellschaftliche Relevanz.
http://www.aec.at/aeblog/de/2016/06/10/scratching-wounds/

Ein Hörraum mit an die Sinne tretende Hörbilder, das ist die Installation von Usomo auf der Ars Electronica. Am Eingang gibt es die Kopfhörer und ein Handy für die Ortung und die Geräuschlandschaften. Der erste Raum, ganz weiß bis auf schwarze Kreise am Boden und schwarze Kugeln von der Decke auf Augenhöhe wird betreten. Die Kugeln dienen als Anhaltspunkt, als Koordinaten, als Leitsystem für den Hörer. Sie sind nicht notwendig, aber die Besucher wollen Orientierung im Hörbilderraum. Mit der Annäherung an die Kugeln werden die Geräusche voller, klangstärker, umfassender und vorstellbarer. Der Kreis am Boden sagt, was es zu hören gibt. Auch das ist nicht notwendig, aber eine Hilfe. Denn usomo heißt nicht umsonst unique sonic moments. Es werden Hilfestellungen gegeben. Nicht weil die Besucher des Hörens und Identifizierens nicht mächtig sind, sondern weil das Hören als Vorstellungssprache schwer ist. 
Im Alltag hören wir alle möglichen Geräusche und vor allem versuchen wir in öfter wegzuhören. In diesen Räumen wird das Hören zum Mittelpunkt. Aber wer hört schon ganz genau? Die Kodierungen für Ikonographische Verschlüsselungen kennen wir vielleicht, die der Auditiven Kodierungen weniger. Es geht um Bewusstwerdung der Hörsemiotik. Ein blindes Raumdurchschreiten ist möglich mit diesem System. Denn das System erfasst auf wenige cm die Position des Besuchers und passt nach dem Ort der Hörquelle die zu hörende Distanz an. Bin ich 4 Schritte von einem Hörbild entfernt, dann höre ich es so. Nämlich genau 4 Schritte entfernt. Da werden Töne und Geräusche in einen räumlichen Zusammenhang gebracht. Der Hörer begreift dass etwas weiter hinten steht, oder etwas an der linken Seite oder rechten Seite zu hören ist. Es ist ein horizontal 3 dimensionierter Hörraum.
Eine neue Erfahrung stellt sich ein. Eine intensive unmittelbare Hörerfahrung. So haben wir schon lange nicht mehr gehört. Es ist nicht das Erlebnis in einer Philharmonie, wo der Hörer unbewegt die Klangkulisse erforscht oder genießt. Hier bewegen sie die Hörer um die Kulissen herum und diese regieren auf die Körperposition. Die Hörbilder vereinnahmen den Besucher. Es ist unmittelbar und berührt. Die Bewegungsfreiheit macht das Erleben zu einem Abenteuer. Die Hörräume werden festgelegt, für uns über die Ohren zu erfahren aber doch „dingliche“ Fixpunkte.
Es geht durch einen Flur, ausnahmslos grafisch schwarz weiß gestaltet. Neben den Hörbildern kommen abstrakte Muster und Bildgründe hinzu. Die Übereinstimmung Sehbild und Hörbild erzeugt eine meditative und konzentrierte Stimmung. Jede grafische Musteränderung bedeutet Hörabenteuer. Abstraktion birgt Raum für wilde Tonlandschaften und -Abenteuer. Die Besucher stürzen sich hinein. Sie sind sicher im Umgang und dem Erleben, der inneren Einbindung steht nichts im Wege. Ein holistisches Erlebnis.

Es gibt Streifenbereiche, Felsenbereiche, Tiefenbereiche, Höhenbereiche. An manchen Stellen haben die Künstler tatsächliche Objekte platziert. Steine zum Beispiel, oder ein Video, oder eine Fliege. Wie hören sich Steine an? Mal ein geschliffener Granitstein, oder der mit der eher löchrigen Oberfläche? Dann wäre da noch einer mit einer eher scharfkantigeren Oberfläche. Wer sich fragt, wie sich das anhört sollte sich nach Lichtenberg in die Atelierräume in Berlin bewegen. Denn die Ars Electronica ist vorbei und der Raumwurde dort wieder aufgebaut.

Die Trackingsoft- und Hardware ist selbstentwickelt. Damit werden die virtuellen im Raum platzierten Soundquellen geortet. Wenn der Besucher sich bewegt, berechnet das System den zu hörenden Ton in Echtzeit, in Abhängigkeit seiner Position und Ausrichtung zu den einzelnen Tonquellen. Und das mit großer Präzision. Steffen Armbruster der CEO sagt die „Genauigkeit ist mit 20 cm auf der Webseite angegeben, wir sind aber im Normalfall 10 cm genau oder besser “ und 1 Grad in der Rotation bestimmten. Diese Bezeichnung sei aber die schlechteste zu erwartende, in der Regel erfasst das System bis auf ca. 4 cm die Position. 4 cm! Das lassen wir uns mal auf der Zunge zergehen. Das ist sehr exakt, exakter als viele andere Systeme. Wer sich minimal dreht wird es tonal wahrnehmen.
Mal abgesehen von diesem erlebten Raum von der Ars Electronica, das System kann einiges mehr.

Zusätzlich zu einzelnen Tönen können auch beliebig viele Soundscapes in definierten Bereichen im Raum geschaffen werden, die der Benutzer durchläuft. Die Anordnung der Soundquellen ist räumlich. Die Soundscapes werden erforscht. Das macht Spaß. Und hier macht sich das Füllhorn an Einsatzmöglichkeiten auf. Hier geht alles was in Räumen ist. Sei es für Wirtschaft und Industrie auf Roadshows, für erlebnisgetriebene Räume wie in Museen oder Messen, Expos oder sei es im Bildungsbereich. Und wenn Sprachen wichtig werden, dann steht dem logischerweise auch nichts im Weg.
Auf der Website steht „Hören wird Fühlen“. Stimmt.
Ich danke Steffen Armbruster für seine Zeit im Lichtenberger Atelier. Seine Frau Ulli und er haben sich über eine geschlagene Stunde Zeit genommen. Vielen Dank.

Credits:
Idee und Konzept: Steffen Armbruster – FRAMED immersive projects GmbH & Co KG
Spacial Soundsystem: usomo
Sounddesign: Antye Greie-Ripatti – AGF (Link: http://www.antyegreie.com)
Spacial Design: Marc Osswald

Die Beschreibung der Tafel spricht von Launenhaftigkeit, Unberechenbarkeit, Wildheit der Kleidung. Einer Kleidung der Unsicherheit. Die Kleidungsstücke reagieren auf Stimmen. Bei Tönen reagieren die nach aussen gerichteten Stecknadeln mit Bewegung. Sie wenden sich nach links, neigen sich nach rechts, legen sich ein wenig an oder stellen sich auf. Sie drehen sich nicht nach Innen. Der halbtransparente Stoff in einem gebrochenen Weiss zeigt die Stecknadeln. Sie sind zu einem fünftel der Nadel im körpernahen Bereich, dann durchbrechen sie den Stoff und die Spitze zeigt nach aussen. Sie sind nicht nach einem erkennbaren Muster oder Design eingesteckt. Sie sind im Vorderteil des kurzen Kleides, das Rückenteil ist nadelfrei. Die Säume sind nicht vernäht, der Schnitt einfach, eher ein Überwurf. Es ist ein nicht tailliertes Hängerkleid, ein Prototyp. Es ist es ein witziger Kommentar zur Modewelt und elektronischer Technik. Denn die Stecknadeln sollen sich bei Gesprächen unkontrolliert bewegen, ausschlagen, Antworten geben, in Konversation verstricken, Fragen und Missverständnisse aufwerfen und sich Drehen. Diese Reaktionen sind dem Zufallsprinzip unterworfen.

Der Test wird gemacht. Das Kleid wird angesprochen, ein aufgeregtes Sprechen, monotones, bewegtes, ein Flüstern oder Kreischen wird durch moderate Bewegungen der Kleidung am Saum des Kleides kommentiert. Das Kleid hängt an einer Modepuppe, die ist unbeweglich, so wird die Veränderung mit Adleraugen verfolgt und entdeckt. Wenn von „unkontrollierten“ Reaktionen des Kleides auf Gespräche in der Beschreibung gesprochen wird, so ist das eine Übertreibung. Wenn ein Mensch diese Kleider trägt, wird eine Grundbewegung vorhanden sein. Dann sind die durch Ausseneinflüsse und Technik hervorgerufenen Nadelbewegungen ein Gemisch mit der menschlichen Bewegung und werden nicht mehr als das was es ist, als Reaktion, erkannt. Das Experiment ist obsolet. Als künstliches Exponat ist es ein humorvoller Betrag von Technikspielerei im Verbund mit Mode.

Environment Dress ist ein intelligentes Kleidungsstück. Es misst die Aggressivität der Umgebung und analysiert, wie sie sich auf die Stimmung und das Verhalten seiner TrägerInnen auswirkt. Das Kleid und die Haube erfassen Lärmvariationen, Temperatur, Luftdruck, UV-Strahlung oder den Kohlendioxidanteil. sie werden mit einer App mit der aktuellen Gefühlslage der Träger verbunden. Es ist mit Open Code entwickelt.

Der Aufbau ist martialisch. Ein Geflecht von Kabelbindern und Kabeln jeder Couleur, Breite und Dicke, 3 D Drucker hergestellte Halterungen, Drehknöpfe, Arduino, Mikrocontroller, Licht, Akkus: Technik am Rücken des Aufbaus. An den Seiten in rot befinden sich spitze Streben. Die stellen sich bei Gefahr auf. Wie das Fell des Tiers.

Eine ebenso mit 3D Drucker hergestellte Halskrause aus mehreren eng ineinander verschachtelten Halbmonden. Wenn sie sich aufklappen formen sie einen geschlossenen Helm um den Kopf. Das Gesicht verschwindet. Ein Sensor auf der Brust, ebenfalls mit 3 D Drucker gemacht, einer Kamera misst die Aussenbedingungen. Darunter der Mensch. Viel bleibt nicht von ihm übrig. Ein moderner Chador oder Nicap. Aber für Mann und Frau gleichermassen geeignet.

Fragen nach der Ermittlung der Gefühle der Träger werden nicht gestellt. Das ist verwunderlich. Sich selbst fehlerfrei zu lesen ist das Themenfeld der Psychologie, Studien und Forschungen werden seit 100 Jahren in die Frage nach dem Gefühl, der Authentizität, Individualität und inneren Geschlossenheit investiert. Da soll eine Maschine und eine APP im Handumdrehungen eine Lösung schaffen?

Die Beschreibung und die Absicht der Künstler ist spielerisch. Die Formspracbe prototypisch, im Rohzustand befindlich. Technologien verändern das Miteinander. Ein Blick nach innen, der Blick nach aussen, das Abgleichen und kontextuelle Zusammenführen formen die Kenntnis des Menschlichen und stellen Erfahrung her. Diese Lebenserfahrung macht den Menschen klüger und vielleicht weiser.
Es wird ein Versteck in schwierigeren Umgebungen angeboten und zeitgleich Lernen und Erfahren verzögert, verhindert, verstellt. Die Abschottung führt zu Dummheit, Naivität und Fehleinschätzung. Dann wird das Lernen mühsam, noch schmerzhafter als es schon ist. Es entsteht eine egozentrierte, handlungsunfähige, diskursunfähige Species von Weichlingen.

Dieses Werk kann als Kunst klassifiziert werden, denn es erzählt von Ängsten und Unsicherheiten der Menschen. Spitzt den Gedanken einer Technologieabhängigen Gesellschaft zu.
Die Umgebung scheint von Tag zu Tag gefährlicher und unlesbarer zu werden. Dabei steht es um uns von Jahrhundert zu Jahrhundert besser. Wir verstehen die Aussenbedingungen, erschrecken nicht bei Blitz und Donner, müssen keine Gottesurteile fürchten, können sprechen, uns wehren und uns entfalten. Können wählen, entscheiden, mitbestimmen. Wenn die Umwelt verschmutzt, können wir dagegen angehen. Wenn Politiker lügen, können wir abwählen (gut das ist nicht einfach), wir werden nicht so oft ausgeraubt, auf offener Strasse getötet (gut, in Amerika als Schwarzer und in Deutschland als Muslim im Mecklenburg Vorpommern wird das schwer), unsere Eltern dürfen uns laut Gesetz nicht mehr züchtigen, Lehrer und Vorgesetzte auch nicht, Frauen werden geachtet (gut in US Unis gibt es Einführungskurse für Frauen für Verhaltensvorschläge um Vergewaltigungen zu verhindern, für junge Männer keine Kurse die sagen: Vergewaltigt bitte keine Kommilitoninnen; da könnte man was machen), wir haben in der Regel genug zu essen (gut, wir essen vielleicht zu viel und schädigen so unser Wohl), wir können lernen, wir können sogar Kurztips zum Shoppen in ferne Städte am Wochenende mit dem Flieger machen (da kommt die Frage nach der Umweltverschmutzung auf: Konsum und Konsequenz). Es lässt sich unendlich weiter spinnen. Dieses Dress verhindert.

Sculpture Factory
Postcity als Ausstellung- und Konferenzort an sich ist eine Attraktion. Urbane Architektur. ehemals der Post zugeordnet jetzt jedoch sind die Hallen, Gänge, Zimmer umfunktioniert. Überall befinden sich Aktionen, Infodesks, Installationen, Demonstrationen. Mit Blick auf die Gleisanlagen befindet sich dieses Exponat am Anfang, ganz in der Nähe der Information und der Pressestelle.

Es sind grosse Styroporquader, auf Säulen präsentiert. Aus ihnen schälen sich gepixelt, in Stufen oder schon geglättet die Skulpturen der Laocoon Gruppe von Michelangelo. Sie werden von einem Industrieroboter geschnitten. Das Material allein ist leicht und schnell zerstörbar. Hier wird ein für die Ewigkeit in der italienischen Renaissance geschaffenes, mühsam in jahrelanger händischer Arbeit in Stein gemeisseltes Kulturwerk, zügig in poröses, federleichtes, weisses Material geschnitzt. Der Industrieroboter übernimmt die Arbeit. Es ist kein Gedanke an Kreativität vorhanden, der führt aus. Die Fähigkeiten sind dem der Maschine angemessen. Wie auch bei Michelangelo sind die Skulpturen unvollendet. Sie wachsen aus den Blöcken heraus. Manchmal nur rudimentär zu erkennen, manchmal genau und imposant. Die Idee des „non-finito“. Die Figuren sind unvollendet.

Die Meisterhaftigkeit der Originale werden durch die Herangehensweise des Industrieroboter nicht vernichtet. Die Kopie hat eine Eigenheit, geschuldet dem Material und der Roboterhandhabung. Vielleicht auch gegenüber dem Code, der Programme. Es ist eine Kopie in wertloses Material geschnitten. Die Faszination der automatisierten Welt steht im Vordergrund. Der grosse Roboterarm wirkt imposant. Manchmal wird dem Arm Persönlichkeit zugesprochen. aber so sind Menschen. Wir lieben auch unsere Autos, Kaffeemaschinen und Toaster, solange sie funktionieren. Davide Quayola bewegt sich im Themenbereich der Realität im Gegensatz zum Abstrakten, des Alten im Gegensatz zum Neuen, dem Originalen im Gegensatz zur Kopie.
Es ist eine Rauminstallation aber eigentlich ist es die Präsentation eines Industrieroboters der nach einem Schnittmuster, was zugegebenermassen bekannt und der Schönheit verpflichtet ist, imitiert.

