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Category Archives: Kunst

„Schlemmer Beats“ von der Studioproduktion Event Media, Hochschule der Medien, Stuttgart.

Schlemmer Beats. Kraftvolle Beats empfangen mich in der Staatsgalerie Stuttgart. Das von James Frazer Stirling erbaute Haus, 1984 eingeweiht und heute einer der wichtigsten Bauten der Postmoderne in Deutschland, bebte am vergangenen Freitagabend (14.2.2020). Am Valentinstag hieß es „Schlemmer Beats“. Zu diesem Event hatten Staatsgalerie und Hochschule der Medien Stuttgart (HdM) eingeladen. Eine Veranstaltung, die im Nachgang zu den 100-Jahr-Feiern des Bauhauses 2019 zu verstehen ist, die – und das ist das Besondere – das Bauhaus tatsächlich in unsere heutige Zeit transportierte und erfahrbar machte. Denn wenn im vergangenen Jahr das Jubiläum einer Institution begangen wurde, die gerade einmal 14 Jahre, nämlich von 1919 bis 1933, existiert hat, muss es, dieser Logik folgend, Dinge geben, die bis heute nachwirken. „Schlemmer Beats“ machte diesen Umstand dank der Interventionen der 12 Studierenden der Studioproduktion EventMedia an der Hochschule der Medien immersiv erlebbar und ließ die Bauhaus-Zeit, wo an der Reformhochschule das Experiment großgeschrieben, die Gemeinschaft gepflegt und Partys gefeiert wurden, für einen Moment aufleben.

Die erhaltenen Original-Figurinen des „Triadischen Balletts“ in der Staatsgalerie Stuttgart Fotografie©IlkayKarakurt

Das Besondere an „Schlemmer beats“ ist vielleicht weniger, dass man in der Staatsgalerie zu heißen Rhythmen abrocken (wobei… der Musentempel wurde ja für einen Abend zur Party-Location!), sondern dass man Oskar Schlemmers „Triadisches Ballett“ quasi in Aktion erleben konnte. Das allerdings nicht über rekonstruierte Aufnahmen der Aufführungen des Balletts oder über Filme aus der Bauhaus-Zeit (wenngleich Schlemmers erster Film – und der einzige, bei dem er selbst unter dem Pseudonym Walter Schoppe in Aktion trat – als historische Referenz gezeigt wurde), sondern über drehbare Säulen, Animationen und Neuinterpretationen der Kostüm-Nachbauten. 

Eingangsbereich der Stirling Halle. Drei farbige Auswahlsäulen, Stelen. Fotografie©Ursula Drees
Die drehbaren Säulenteile ermöglichen die Konfiguration eines eigenen Triadischen Tänzers Fotografie©IlkayKarakurt
Eine schwarze, magenta farbige und gelbe Säule/Stele lassen die Besucherinnen einen eigenen Triadischen Tänzer konfigurieren Fotografie©IlkayKarakurt

Gleich im Eingangsbereich der Stirling-Halle empfangen mich drei bunte Stelen, deren oberer Teil jeweils in drei drehbare Würfelaufsätze unterteilt ist. Die erhabenen Ikons, die sich darauf befinden, deuten darauf hin, welche Formen ich an der Wand zu sehen bekomme: Ich kreiere meine eigene Figurine, indem ich die verschiedenen Möglichkeiten für Kopf, Arme/Rumpf und Beine, die Schlemmer für das insgesamt 18 Figurinen umfassende Original vorgesehen hatte, miteinander kombiniere. Die auf diese Weise mit modernster Technik entstandene Kunstfigur erhält einen Namen, der in irgendeiner Form mit dem Bauhaus in Verbindung steht, und per Knopfdruck wird sie auf die Wand im nächsten Raum übertragen. Dort steht sie zunächst groß im Rampenlicht, dann beginnt sie, mit den weiteren, von Besuchern gestalteten Figurinen zu interagieren – ich davor, imitiere unwillkürlich die merkwürdig abgehackten Bewegungen, die sich durch die unförmigen Kostüme unvermittelt einstellen, die aber auch durch die Musik inspiriert sein können. 

Abrockende Figurinen Fotografie©IlkayKarakurt
Die virtuellen Tänzer inspirieren zum Nachahmen Fotografie©IlkayKarakurt

Apropos Musik: Schon Oskar Schlemmer wollte zeitgenössische Klänge für die Uraufführung seines „Triadischen Balletts“. Arnold Schönberg sagte ab, deshalb fand die Uraufführung in Stuttgart 1922 zu Klängen von Enrico Bossi statt; später wurden die Tänze auch zu Musik von Debussy oder Hindemith aufgeführt. Das Bauhaus war Avantgarde, auch im Musikbereich – warum also diese Avantgarde nicht mit „Schlemmer Beats“ in die Musik unserer Tage übertragen? Das passt, und wie das passt! Die Electronic Beats, aufgelegt vom Waltraud Lichter Kollektiv, heizen ein, übertragen die abgehackten Bewegungen, die zwangsläufig durch die Volumina der Kostüme, durch die Sperrigkeit des Materials zustande kommen, in unsere heutige Zeit. 

Es ist sicher kein Versehen, dass die Bewegungen, die die Figurinen vollführen können, an Roboter erinnern, wie ja überhaupt das Wort „Roboter“ 1920 im Drama „W.U.R.“ des tschechischen Schriftstellers Karel Čapek eingeführt wurde. Filme von Maschinenmenschen füllten die Kinos der 1920er Jahre – allen voran Fritz Lang, der über das DJ-Pult, wie mir scheint, ebenfalls eine kleine Hommage erhält: Die kühlen Glaskuben erinnern in ihrer Staffelung an Langs Film „Metropolis“. Es scheinen visuelle Anleihen an nächtlich illuminierte Hochhäuser zu sein, die zugleich einen Kontrast zu der knallbunten Farbigkeit der auf den Wänden tanzenden Figurinen bilden. 

Kühle Staffelung von Lichtkuben à la Fritz Lang – der Ursprung des Schlemmer Beats Fotografie©Ursula Drees
DJ’s in Aktion. Fotografie©IlkayKarakurt

Und um das Event wieder in die analoge Welt zurückzuholen sind im letzten Raum die Nachbauten der Figurinen zu bestaunen. Es sind Kostüme, und als solche werden sie dann auch von den Teilnehmern des Workshops „Schlemmer Tanzen“ in Aktion vorgeführt. Sie machen Lust darauf, die Klänge aufzunehmen, das Alter Ego – selbst kreiert in Bauhaus-Manier – zu imitieren. „Wir sind die Roboter“ intonierte die Düsseldorfer Elektropop-Band Kraftwerk bereits 1978. Wie sich das anfühlen kann, war in der Staatsgalerie Stuttgart jetzt live zu erleben!               

Figurinen – live in Aktion! Fotografie©IlkayKarakurt
Figurinen – Einführung in die Möglichkeiten der Bewegungen. Fotografie©IlkayKarakurt

Beitrag von Prof. Dr. Chris Gerbing

Prof. Dr. Chris Gerbing, Honorarprofessorin für Kulturwissenschaft am Karlsruher Institut für Technologie (KIT) ist freiberuflich tätig als Kuratorin, Autorin, Redakteurin, Lektorin und Dozentin – kurzum: sie ist mit allem, was mit Kunstgeschichte im engeren und weiteren Sinn zu tun hat, beschäftigt, wobei ihre Schwerpunkte u.a. auf Kunst und Architektur des 20./21. Jahrhunderts liegen und sie vor allem die Randbereiche ihrer Disziplin interessieren.

Die Teilnehmer der Studioproduktion EventMedia: Studierende: Niels Keller, Andrea Guerrero, David Waldow, Daniel Zinser, Ria Goller, Shari Mölges, Svetoslav Mitsev, Julia Koken, Franca Bittner, Sophia Schimpgen, Torben Rumpf und Corbinian Pfeiffer. Betreuung: Professorin Ursula Drees, Nadja Weber und Steffen Mühlhöfer.

weitere Links: Schlemmer Beats am 14.2. in der Staatsgalerie Stuttgart

„SCHLEMMER X BEATS“ – INTERACTIVE ART CLUB BY STUDIOPRODUCTION EVENT MEDIA, AT STAATSGALERY STUTTGART

SCHLEMMER X BEATS“: VIRTUELLE WELT DES TANZES

Schlemmer Beats: Neues Weekend Warm-up in der Staatsgalerie

Schlemmer Beats: Weekend Warm up

WEEKEND WARM UP: SCHLEMMER BEATS

Erinnerungslücken von Katharina Kohl

Kunstbezirk, Stuttgart, Ausstellung „Expanded Media“, Teil des 33. Stuttgarter Filmwinters, Festival for Expanded Media. Motiv: Ausschnitt der Installation „Erinnerungslücken“ von Katarina Kohl. Fotografie von Ursula Drees

Der diesjährige Filmwinter, Festival für Expanded Media in Stuttgart behandelt das Thema „Abwesenheit“. „Die Festival-Edition bewegt sich an die Schnittstelle zwischen der hypermedialisierten Gesellschaft in all ihren Facetten und all den Dingen, die durch das Raster einer solchen Gesellschaft fallen oder verwischt werden: Das nicht Ausgesprochene, das nicht Aussprechbare, das nicht Darstellbare, das Verdrängte oder Verweigerte. Wir sehnen uns nach der Abwesenheit und ihren Spuren. Wie ein Teststreifen taucht unser Festival ein in das große Haus der Abwesenheit und stellt sie in den Makrofokus.“ (Zitat: Filmwinter) Es werden Preise für unterschiedliche Kategorien vergeben.

Katharina Kohl hat mit dem Werk „Erinnerungslücken“ (Video-Installation, 2Kanal-Installation und Monitor, 2018) den 1. Preis in dem Bereich „Spaces“ gewonnen.

Foto: H. Heye / Wo Kunst entsteht. Künstlerateliers in Hamburg, Revolver Publishing, Berlin, 2013

Wir gratulieren. Die Begründung der Jury lautet wie folgt:

  • „Das Thema der Abwesenheit findet sich in dieser Arbeit. Abwesenheit von klaren Umständen. Abwesenheit von Gerechtigkeit, von Wahrheit, von Informationen, von Gewissheit und von Beweisen. Diese Abwesenheit ist schwarz und geschwärzt. Diese Darstellung offenbart die kraftvolle Macht und den Wunsch, sich nicht erinnern zu wollen. Die Verantwortlichen wollen für die Auswirkungen ihrer Handlungen nicht einstehen. Sie ziehen die Unwissenheit und das Vergessen dem Gewicht der eigenen Positionen vor. „
  • „Der Gestaltungswille und Ausdruck der Arbeit ist auf das Notwendige reduziert. Alles wird auf den Punkt gebracht. Jedes ikonografische Element spiegelt scharfsichtig die Botschaft. Es gibt nicht das „Zuviel“ oder das „Zuwenig“.  Dieses Werk, Teil eines viel grösseren, ist konzeptionell und gestalterisch durchdacht. Die Jury ist begeistert und absolut überzeugt, dass nicht nur das Thema des Festivals punktgenau reflektiert, sondern auch dass die inneliegende Botschaft mit grosser Eindringlichkeit und Genauigkeit getroffen wurde. “ (Jurymitglieder: Robert Seidel, Helen Varley Jamieson und Ursula Drees)

Die Autorin hatte die Gelegenheit, mit der Künstlerin vor Ort zu sprechen.

Frage 1. Was gab den Ausschlag für das Werk Erinnerungslücken?

Die Arbeit zu den „Erinnerungslücken“, in der analogen Handruck-Version „Gedächtnislücken“ genannt, begann 2017, nach 6 Jahren intensiver Auseinandersetzung mit dem NSU-Komplex im Rahmen meines Projektes „Personal-Befragung/Innere Sicherheit“. Ich habe sehr viele Akten gelesen und Untersuchungsausschüsse besucht. Die Formulierung „Das ist mir nicht erinnerlich“, die mir in diesem Zusammenhang so oft begegnete, war für mich befremdlich, vor allem weil sie in ihrer Passivform das Erinnern wie eine Kraft von außen erscheinen ließ. Ich begann daraufhin, systematisch die Zeugenbefragungen nach verschiedenen Formulierungen des Nicht-Erinnerns zu durchforsten. Dadurch kam ich dann auf die Form der Arbeit: Protokollseiten des Untersuchungsausschusses des Bundestages zu schwärzen und nur die Stellen sichtbar zu lassen an denen die Zeugen sich nicht erinnern. (Link: http://personal-befragung.de/erinnerungsluecken-druck)
2018, nachdem die „Personal-Befragung“ zum ersten Mal öffentlich gezeigt wurde, griff ich ein altes Motiv auf, das Motiv der Aktenordner, das ich zu Beginn meiner Arbeit zum NSU schon einmal in einem Video verarbeitet hatte. „Fallakte“, 2012

Da inzwischen so viel Zeit vergangen war, kam ich auf die Idee des sich „ewig“ drehenden Akten-Karussells und verband dies mit den Erinnerungslücken.

Frage 2: Wenn sie Menschen portraitieren, was sehen sie durch die genaue Betrachtung?

Ich beschäftige mich seit 1994 intensiv mit dem Thema Porträt, bzw. der Frage, was ich sehe, wenn ich einen Menschen sehe. Ausgelöst wurde diese Frage durch das Porträt von Innozenz X, 1650, Diego Velázquez. Über die Jahre hat sich für mich die Suche nach einer Art Haltung als zentrales Element herauskristallisiert. Unter Haltung verstehe ich dabei die Verortung und Orientierung eines Menschen in einem mentalen Raum, den ich als „Blickraum“ begreife. Die Präsenz eines Menschen greift in diesen Raum ein, verändert ihn. So kann es sein, dass ich mich in Gegenwart eines Menschen z.B. groß, klein, unbedeutend, oder, oder, oder… fühle.

Kunstbezirk, Stuttgart, Ausstellung „Expanded Media“, Teil des 33. Stuttgarter Filmwinters, Festival for Expanded Media. Motiv: Ausschnitt der Installation „Erinnerungslücken“ von Katarina Kohl. Fotografie von Ursula Drees

Dieser Zustand entsteht durch die Art, wie sich jemand in den Raum einbringt und damit diesen „Blickraum“ erzeugt. Bei den „Personal-Befragungen“ habe ich diese Räume als berufliche Haltungen versucht zu erfassen. Deswegen habe ich in den meisten Fällen nach Videos gearbeitet, da dieses Phänomen nur durch die Bewegung des Porträtierten im physischen Raum und im Verhältnis zu anderen Anwesenden sichtbar wird.  So gibt es z.B. einige der Porträtierten, die durch ihre Präsenz einen Raum erschaffen, der sofort ein Gefälle erzeugt. (August Henning, Wolfgang Geier, Klaus-Dieter Fritsche). Andere ordnen das Blickfeld so, dass immer nur sie selbst gespiegelt werden (Lutz Irrgang, Wilhelm Kanther) und so weiter.
Ich versuche also, kurz gesagt,  die „Ordnung im Raum“ zu erfassen, die die Präsenz eines Menschen erzeugt
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Kunstbezirk, Stuttgart, Ausstellung „Expanded Media“, Teil des 33. Stuttgarter Filmwinters, Festival for Expanded Media. Motiv: Ausschnitt der Installation „Erinnerungslücken“ von Katarina Kohl. Fotografie von Ursula Drees

Frage 3: Wie lange bewegt sie das Thema der NSU Fälle?
Das Thema NSU bearbeite ich seit Januar 2012, seit ich den ehemaligen Präsidenten des Landesamtes für Verfassungsschutz Thüringen, Helmut Roewer, in einer Fernsehaufzeichnung sah, sein Gesicht nicht „lesen“ konnte und mich dann entschloss ihn zu malen, um mehr über ihn zu erfahren.

Wir bedanken uns herzlich für die Zeit und die Geduld, die uns Katharina Kohl entgegen brachte. Vielen Dank.

„Seit über 30 Jahren widmet sich der Festival den Grenzübergängen von Kino und Medienkunst mit einem experimentierfreudigen internationalen Programm aus Filmen, Workshops, der Expanded Media Ausstellung und Performances. Kern des Festivals sind die internationalen Wettbewerbe für Kurzfilm, Medien im Raum und Network Culture flankiert von einem generationsübergreifenden umfangreichen Programm.
Jedes Jahr steht der Stuttgarter Filmwinter unter einem bestimmten Motto. Dieses findet sich in der Gestaltung, Rahmenprogramm und der gesamten Aura des Festivals wieder. Bei der Festivaledition im Januar 2020 erforscht der Stuttgarter Filmwinter das Thema Abwesenheit.“

Zum Filmwinter: Das Festival wird empfohlen. Es verfügt über eine sehr anziehende und erfrischende Kraft. Es wirkt belebend, die Werke, Ausstellungen und Performances an den jeweiligen Kunstorten zu sehen. Die Positionen, die Werke und Festivalleitung, Kuratoren und Mitarbeiter zeigen Format, sie entziehen sich dem kommerziellen Mainstream. Diese Position ist attraktiv und überraschend.

Beitrag von Prof. Ursula Drees

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Bjørn Mehlhus: Can You See My Art?

Im Kindl Museum Neukölln Berlin sind einige Exponate des Künstlers Bjørn Mehlhus zu sehen. Das Kindl Museum selbst gibt es noch nicht so lange. Seit 2016 werden in dem Gebäudekomplex der ehemaligen Kindl-Brauerei in Neukölln wichtige Positionen internationaler Gegenwartskunst gezeigt. Das Ausstellungsprogramm unter der künstlerischen Leitung von Andreas Fiedler umfasst mehrere große Ausstellungen pro Jahr und wird durch Veranstaltungen wie Künstlergespräche, Vorträge und Konzerte ergänzt. Bereits im ersten Jahr zählte der neue Kulturstandort über 30.000 Besucherinnen und Besucher. Hier auszustellen bedeutet in grosszügigen Hallen mit toller Beleuchtung wenn erforderlich sein Werk zu präsentieren.

In der Ausstellung Free Update zeigt der norwegische Künstler Bjørn Melhus Arbeiten aus den letzten Jahren. Melhus beschäftigt sich mit Filmen und Videoinstallationen mit Phänomenen der Medienwirklichkeit. In oft überzeichneten, zum Teil absurd-komischen Kurzfilmen hinterfragt er Motive und allgemeine Strategien der Massenmedien und reflektiert ihren Einfluss auf unsere heutige Gesellschaft. Grundlage seiner Arbeiten sind Audiofragmente aus verschiedenen Kanälen der vorwiegend westlichen Pop- und Kinokultur wie US-amerikanischen Filmen, TV-Sendungen oder YouTube-Videos. Ausgehend von diesen Tonsequenzen entwickelt der Künstler Erzählungen, in denen stereotype Figuren in eigenartige Kontexte versetzt werden. Dabei verkörpert Melhus die unterschiedlichsten und oft höchst bizarren Akteure seiner Filme selbst. Neben Arbeiten wie The Theory of Freedom (2015) und Can You See My Art? (2018) ist in der Ausstellung Bjørn Melhus’ neuester Film Sugar (2019) zu sehen.

Gleich zu Beginn wird „Can You See My Art“, ein Video präsentiert. Auf grellen, sich ständig ändernden Mustern steht eine Person. Sie bewegt sich hin und her, affektiert und übertrieben. So ist auch die Stimme, die Sprache ist nicht synchronisiert. Es wird immer wieder mantrahaft gefragt: „Can You See That? Can You See My Art“. Aufdringlich, kreischend, ohne Unterlass. Und dahinter wechseln die Muster. Mal Wellen, mal Streifen, was der Computer und die Effekte hergeben, immer in grellen Farben. Die Wahrnehmung wird herausgefordert.

Das Szenario ist anstrengend. Die Wiederholungen, Bewegungen und Muster…, alles ist anstrengend. Der Besucher steht vor der Projektion, betrachtet das Treiben, sinniert über die zeitversetzte Sprache, über die Bewegungen und die Aussage. Die Kunst wird gesehen, die Frage ist überflüssig, denn wir sind in einer Kunstausstellung.

Eine Selbstbeweihräucherung, eine Eitelkeit, eine Arroganz. Es spricht ungebrochenerer Narzissmus aus dem Video. Die Botschaft kommt an. Medial vernetzt, überall erreichbar, zu jeder Zeit und an jedem Ort lassen sich Menschen im virtuellen Raum vervielfältigen, legen ihr Dasein offen, beweihräuchern sich mit Selfies, zeigen Food Porn, ihre Katzen und Hunde, ihre Reisen, ihre Mode, alles. Meistens mit Instagram Filtern verschönert oder verunstaltet. Aber immer im Mittelpunkt und auf der Suche nach den 10 Seconds of Fame. Sie fragen sich, ob sie gesehen werden, kontrollieren die Menge der Kommentare, der Likes, der Hits. Ihre Wichtigkeit soll Resonanz aufweisen. Sie tun etwas, sei es noch so trivial, profan und verlangen Aufmerksamkeit. Sie wollen da sein.

Bjørn Mehlhus: Can You See My Art?
Photo mit Handy direkt von der Projektion@udrees

Der Künstler steht vor der Kunst, bewegt sich hin und her, verlässt nie den Mittelpunkt des Bildausschnitts. Die Farbe der Kleidung wechselt und mit dem Kommentar: „It is super impressive. The colors change“ begleitet. Selbst wenn die hintergründigen Farben, zu einem irrelevanten Rauschen degenerieren, verblasst die Person im Vordergrund keineswegs. Die bleibt im Mittelpunkt. Und verbrät die vordergründige Botschaft. „Can You See My Art?

Beitrag von Prof. Ursula Drees

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Plastikschafe am ZKM

Wer sie machte, woher sie kommen, warum sie aufgereiht an der Wand stehen, ist unklar. Vielleicht eine Arbeit der Studierenden am ZKM. Wahrscheinlich.

Kurzes Innehalten, Material prüfen, Schafqualität vergleichen und an Greta denken. Die Plastikflut erstickt den Menschen. Je öfter darauf verwiesen wird, desto sinnvoller. Prof. Ursula Drees

„The Long Now“ von Verena Friedrich

Diese Installation steht im ZKM in der Ausstellung „3Rooms“.

Verena Friedrich “ The Long Now“ im ZKM Fotografie mit Handy©M.v.T.

Ein dunkler Raum in dessen Mitte der Aufbau steht. Ein Plexiglaskubus, eine Seifenblasenmaschine, ein CO2 Messgerät, ein Labortisch und Industriestaubsauger, diverse Plastikschläuche, irgendwo im Plexiglaskubus auf dem Boden liegt Trockeneins und Seifenlauge. Auf der Tafel wird der Besucher über das Arduino Board, Relais, Verkabelung und Stromversorgung aufgeklärt. Das ist soweit alles Sichtbare.

Und natürlich der Aufsichthabende, mit weißen Handschuhen, der beim Eintritt das Experiment startet. Der Kohlenstoffdioxidanteil, die Temperatur und noch das ein oder andere wird kontrolliert. Wenn die Atmosphäre stimmt, geht es los. Der Staubsauger wird nach der Prüfung bedient, und eine Seifenblase entsteht im Inneren des Plexglaskubus. Sie wächst zu einer Ordentlichen heran, der Aufsichtshabende zeigt sich mit dem Ergebnis zufrieden und das Kunstwerk ist vollendet. Die Seifenblase steht im Trockeneisglasraum, bewegungslos, inmitten des Kubus in ihrer ganze Schönheit. Prismafarben spiegeln die Oberfläche, vollkommener Stillstand. 

Verena Friedrich “ The Long Now“ 2016 Ars Electronica Festival

Einegefrorene Seifenblase. Sie ist für einen erstaunlich langen Zeitraum ein Objekt, schwebend scheinbar inmitten eines leeren Raums. Je länger geschaut wird und das Experiment nach einer Erkenntnis ruft, desto klarer werden Metaphern und Assoziationen im Kopf formuliert.

Seifenblasen zerplatzen, eine Sprichwort für verlorene Träume. Ebenso aus der Kunstgeschichte ein in der Zeit der Stilllebens des „Momento mori“  oft genommenes Symbol für die Vergänglichkeit des Seins. Bekannt sind Totenschädel, abbrennende Kerzen, verwelkende Blumen, zerbrochene Spiegel, aufgeschnittene Südfrüchte und auch Seifenblasen. 

Mit dieser Arbeit stellt sich sie in die Tradition der KünstlerInnen wie Douglas GordonUrs FischerNam June PaikManuela Kasemir oder etwa Jeroen de Rijke / Willem de Rooij. Es ist eine akademische Arbeit durch und durch.

Wenn eine Seifenblase platzt, bleiben nur einige Spuren der Seifenlauge übrig. In „The Long Now“ wird Lebensdauer verlängert. Manchmal um Minuten, es kann aber wohl auch länger sein, Stunden oder ein ganzer Tag. Aber irgendwann platzt sie; ihr Lebens Zyklus endet. Sie stirbt. 

Verena Friedrich “ The Long Now“ im ZKM Fotografie mit Handy©©M.v.T.

Die Künstlerin verbindet Wissenschaft und Kunst. Sie trägt den Titel der Diplom Designerin der Hochschule für Gestaltung in Offenbach (bei Professor Heiner Blum und Professorin Ulrike Gabriel), dann noch an der Akademie der Bildenden Künste in Wien. An der Kunsthochschule in Köln kommt noch ein Diplom dazu.  Hinzu ein Forschungsaufenthalt am „SymbioticA – Centre of Excellence in Biological Arts“ in Australien und an das „Laboratory of Stem Cell Bioengineering“ in Lausanne.

Sie arbeitete im Max Planck Institut für Biologie in Köln, ihr Thema „Das Altern“, kooperiert mit der Kölner Kunsthochschule und das Werk nimmt Form an. Es wird auf der Ars Electronica mit einer Honorary Mention (2016)  geehrt.

Beitrag von Dr. Margarete von Trifft