Dieses Werk wurde in der Neuen Nationalgalerie gezeigt.

Andächtig knien oder sitzen die BesucherInnen in der Neuen Nationalgalerie, Berlins, vor dem abgesperrten Areal, in dem die Roboterhunde mit menschlichen Köpfen umherfahren. Zu sehen sind Pablo Picasso, Andy Warhol, Elon Musk, Mark Zuckerberg, Jeff Bezos, Kim Jong-un und der Künstler selbst. Eine wilde Mischung prominenter Figuren – bis auf Beeple, den man außerhalb der Kunst- und Technologiewelt kaum als Celebrity bezeichnen kann.


Die Roboter bewegen sich vor und zurück durch den Raum, bleiben gelegentlich stehen, um ihre Batterien nachzuladen, oder drucken Bilder aus. Der Vorgang erinnert an Hunde, die Kot absetzen. Die Ausdrucke bleiben auf der abgesperrten Fläche liegen. Wer versucht, eines mitzunehmen, wird sofort von den Aufsichten zurückgepfiffen.
Die Installation gewinnt die Aufmerksamkeit des Publikums. Sie bedient alles, was derzeit Konjunktur hat: wohl bekannte Persönlichkeiten, Robotik, künstliche Intelligenz und eine leicht provokante Inszenierung. Dagegen lässt sich wenig einwenden.
Ob daraus jedoch Kunst entsteht, bleibt offen. Das zentrale Konzept der Gesichter erschließt sich nicht. Warum gerade diese Auswahl? Was verbindet Kim Jong-un mit Zuckerberg, Warhol, Picasso oder dem Künstler selbst? Eine nachvollziehbare Antwort liefert die Arbeit nicht. Die Zusammenstellung wirkt eher beliebig als begründet. Dadurch bleibt die Aussage unscharf und verliert an Präzision.


Hier wird keine klare Position bezogen. Was bleibt, ist ein technologisches Spektakel: schön modellierte Köpfe auf Roboterhunden der letzten Generation, die den Raum bevölkern und das Publikum in Bann ziehen. Die technische Umsetzung ist gut – die inhaltliche Aussage hingegen nicht.
Zum Künstler:
*Beeple, bürgerlich Mike Winkelmann (1981 in Wisconsin, USA), ist ein US-amerikanischer Digitalkünstler, Grafikdesigner und Animator. Er studierte Informatik an der Purdue University und entwickelte seine künstlerische Praxis zunächst außerhalb des klassischen Kunstbetriebs. Seit 2007 realisiert er mit dem Projekt Everydays täglich ein neues digitales Bild und wurde damit zu einem der prägenden Vertreter der zeitgenössischen digitalen Bildkultur.
Seine Arbeiten verbinden 3D-Computergrafik, Animation, digitale Medien, Virtual und Augmented Reality sowie zunehmend künstliche Intelligenz und Robotik. Charakteristisch ist eine satirische Auseinandersetzung mit Popkultur, Medien, Konsum, Technologie und politischen Machtstrukturen. Seine Arbeit überschreitet die Grenze zwischen digitaler Kunst, Design, Entertainment und Installation.
Internationale Bekanntheit erlangte Beeple insbesondere durch Everydays: The First 5000 Days, eine digitale Collage, die 2021 bei Christie’s für 69 Millionen US-Dollar versteigert wurde und zu einem Schlüsselmoment für die institutionelle Anerkennung von NFT- und Digital Art wurde.
Mit Regular Animals (2025) führt Beeple diese Entwicklung in den physischen Raum weiter: Autonome Roboterhunde, ausgestattet mit hyperrealistischen Silikonporträts prominenter Persönlichkeiten, beobachten ihre Umgebung, verarbeiten die aufgenommenen Bilder mittels KI und erzeugen daraus physische Drucke. Die Arbeit thematisiert Algorithmisierung, maschinelle Wahrnehmung, Autorschaft und die Macht technologischer Plattformen.
Die Staatlichen Museen zu Berlin stellen Regular Animals in eine kunsthistorische Linie mit Nam June Paik und Andy Warhol und verstehen Beeples Arbeit als Fortführung der Auseinandersetzung mit Technologie, Massenmedien, Celebrity Culture und Autorschaft – nun unter den Bedingungen von KI und algorithmischer Bildproduktion.
Offizielle Beeple-Website
Staatliche Museen zu Berlin – Regular Animals
Beitrag von Ursula Drees (Die Beschreibung des Kunstwerks und die Kritik)
Die Biografie zum Künstler ist von Chat GPT
Die Bilder sind von Ursula Drees
Marina Abramović (*1946, Belgrad) zählt zu den prägenden Persönlichkeiten der internationalen Performancekunst. Seit den 1970er Jahren untersucht sie den menschlichen Körper als künstlerisches Medium und erforscht Themen wie Schmerz, Ausdauer, Verletzlichkeit, Vertrauen und die Beziehung zwischen Werk, Künstlerin und Publikum. Ihre Arbeiten verschieben die Grenzen zwischen Kunstobjekt und Handlung und haben die Entwicklung performativer und partizipativer Kunst nachhaltig beeinflusst.

Abramovićs Werk darf mit ihrer Biografie verbunden werden. Sie beschreibt ihre Kindheit als von militärischer Disziplin, emotionaler Distanz und Kontrolle geprägt. Ihre Eltern, ehemalige Partisanen im sozialistischen Jugoslawien, erzogen sie mit großer Strenge. Gleichzeitig prägten die religiösen Rituale ihrer Großmutter, bei der sie ihrer ersten 6 Lebensjahre verbrachte, früh ihr Interesse an Spiritualität, Konzentration und Wiederholung. Diese gegensätzlichen Erfahrungen – Kontrolle und Transzendenz – bilden einen zentralen Referenzrahmen ihrer künstlerischen Praxis.
In ihren frühen Performances setzte Abramović den eigenen Körper extremen physischen und psychischen Belastungen aus. In Rhythm 0 (1974) überließ sie sich vollständig den Handlungen des Publikums und machte Mechanismen von Macht, Verantwortung und Gewalt sichtbar. Gemeinsam mit dem Künstler Ulay entwickelte sie zwischen 1976 und 1988 Arbeiten, die Vertrauen, Kommunikation und zwischenmenschliche Beziehungen untersuchten. Mit The Artist Is Present (2010) verlagerte sie den Fokus von körperlicher Grenzerfahrung auf die Intensität von Präsenz und stiller Begegnung und demonstrierte die emotionale Wirksamkeit minimaler performativer Mittel. Abramović hat den Begriff der Performancekunst nachhaltig erweitert. Ihre Arbeiten zeigen, dass der menschliche Körper selbst zum Medium werden kann und dass künstlerische Erfahrung nicht allein durch Objekte, sondern durch Präsenz, Zeit und die aktive Beteiligung des Publikums entsteht.
Was findet sich in der Berlinischen Galerie?
Der Einfachheit halber wird der Text der Berlinischen Galerie zitiert.

Gleich zu Beginn wird die Ausstellung mit einer riesigen LED Wand eröffnet. Sie steht in der zentralen Halle im Erdgeschoss. Diese Eröffnung ist gelungen. Die Frauen schlagen sich in festgelegten Rhythmus auf die Brust. Der Bedeutungsraum ist vielseitig. Er reicht von „Ich bin es“ zu „Ich mache mich stark“. In den Traditionen des Balkans und anderer Regionen Europas wird die Erde als lebendiger Organismus verstanden. Erotische Gesten und Beschwörungen dienen nicht der Provokation. Sie gelten als existenzielle Praktiken zur Sicherung von Fruchtbarkeit, Ernte und kollektivem Wohlergehen. Symbole wie Penis und Vulva werden als Ausdruck schöpferischer, kosmischer Energie verstanden.
Sexualisierte Rituale als Zeichen von Fruchtbarkeit und der Leben schenkenden Fähigkeit findet sich in der Deutschen Kultur auch. Von romantischen Naturvorstellungen über Richard Wagners mythische Opernwelten bis hin zur nationalsozialistischen Ideologie des »Blut und Boden« wurde der weibliche Körper immer wieder mit Vorstellungen von Erde, Volk und Fortpflanzung verknüpft. Die Frau wird als Gefäss für Fruchtbarkeit angesehen, nicht als Subjekt. Sie ist ein Objekt der männlichen Phantasien ihrer eigenen Fruchtbarkeit. Weiblichkeit wird nicht aus der Perspektive weiblicher Selbstbestimmung gedacht, sondern als biologisches und kulturelles Versprechen, das sich in den Dienst eines größeren Ganzen stellt.

Es wird die Installation Magic Potions „Zaubertränke“ ausgestellt.
Der Raum wird in drei Teile geteilt. An der Stirnseite gibt es die grosse schwarz weiss Projektion einer vernebelten Landschaft aus der Penisse wie Pilze spriessen. Im Mittelraum werden die Penisse in überdimensionale Skulpturen überführt und da hinter befindet sich die Projektion einer flämischen Wissenschaftlerin. Sie analysiert sexuelle Riten als Forschungsbeitrag: sachlich, trocken, emotions befreit.

Wer etwas länger hinschaut erhält tiefe Einblicke in das Ritual der Fruchtbarkeit bei Männern und Frauen. Das Ganze erscheint ein bisschen absurd, aus der Zeit gefallen. Aber das ist es nicht. Mythen, Religion und Glauben halten sich starr in der Gesellschaft, bestimmen die grundlegenden Moralvorstellungen. Damit ist das alles schockierend, abstossend, Individualitätsenteignend. Die Frau als Objekt, nicht als Mensch. Das Patriachat gibt, die Frau empfängt und schweigt.

Eine weitere Installation heisst Slawic Soul, die Slawische Seele.
Es ist nur ein Teil einer Serie aus dem Jahr 2005. Ein Video. In der Mittel singt die jugoslawische Filmikone Olivera Katarina. Es handelt sich um ein russisches Lied aus dem montenegrinischen Epos Der Bergkranz, von Peta Petrovic Njegos aus dem Jahr 1846. Eine getragene Melodie, traurig, schwermütig. Es geht darin um die gewaltvolle Zwangsvertreibung und Ermordung muslimischer Gemeinschaften. Sie wurden in früheren Jahren für eine Durchsetzung des serbisch orthodoxen Glaubens angesiedelt. Es scheint ein propagandistischer Text zu sein. Es verherrlicht rassistische Gewalt nach dem Zusammenbruch Jugoslawiens. Gleichzeitig auch die Männlichkeitsvorstellungen des Nationalismus, eines jeden Nationalismus. Auf den ersten blick fällt die alles überspannende Figur der Sängerin auf. Sie ist flankiert von Männern in traditionellen Trachten.

Auf den zweiten Blick habe ich zumindest die erigierten Penisse bemerkt. Das hat bei mir zu etwas Erheiterung geführt. Habe ich mich doch gleich gefragt, wie die Männer es schaffen, bei dem Liedgut überhaupt noch an Sex denken zu können, geschweige denn sexuell zu reagieren. Aber die Frage wurde beantwortet, es wurden Pornodarsteller engagiert. Sie scheinen wohl auch in widrigsten Umgebungen noch performen zu können. Wobei auch die Idee im Raum stand, ob ein Cockring geholfen hat. Das kann hier nicht beantwortet werden. Jedoch ist die Botschaft dieser Arbeit sehr klar. Die Direktheit der Erzählung ist auch für einfach gestrickte Gemüter nachvollziehbar. Eine Qualität sicherlich.

Abramović gilt zudem als eine der Künstlerinnen, die den weiblichen Körper als autonomes künstlerisches Medium etablierten. In einer Zeit, in der Frauen in der Kunst häufig Objekt männlicher Darstellung waren, machte sie ihren eigenen Körper zum Ort der Selbstbestimmung und künstlerischen Handlung. Ihre Performances thematisieren Verletzlichkeit und Stärke gleichermaßen und hinterfragen gesellschaftliche Vorstellungen von Weiblichkeit, Macht und Kontrolle. Obwohl sie sich selbst nie konsequent als feministische Künstlerin positionierte, gilt ihr Werk als wichtiger Beitrag zur feministischen Kunstgeschichte. Sie etabliert den weiblichen Körper als selbstbestimmtes Instrument künstlerischer Forschung und nicht als passives Bildmotiv im kunsthistorischen Diskurs.
Fotos und Beitrag von Ursula Drees
NOVA Inc. hat einen Silbernen Nagel im Bereich Recent Technology erhalten. Wir freuen uns riesig.


Und gleichzeitig eine Auszeichung im Bereich „Design von Raumerlebnissen“ erhalten. Doppelte Freude.
Die interaktive Installation NOVA Inc. hat sich das Thema Fake News vorgenommen. Aktuelle Ereignisse bieten den Stoff für die Idee. Die Erde ist in einem schlechten Zustand. Der Klimawandel schreitet unaufhaltsam voran. Aber es gibt einen Ausweg. Die Corporation NOVA Inc. hat sich die Rettung der Menschheit auf die Fahnen geschrieben. Sie stellt eine Raumschiffflotte zur Verfügung. Denn der ferne Planet Luminos B ist für Menschen bewohnbar. Und dorthin wird die erste Reise gehen.
So begeben sich die BesucherInnen in das Innere des Raumschiffs und schlüpfen in die Rolle von Besatzungsmitgliedern der allerersten Luminos B Mission.

Das Raumschiff ist im Stil des Retro-Futurismus der 70er Jahre gestaltet . Es verfügt über eine große Schaltzentrale mit Blick auf den Weltraum. Es gibt ein Kommunikationszentrum mit integrierter LED-Beleuchtung, dort spricht die Künstliche Intelligenz AVA von einem Holoscreen mit den SpielerInnen. Ein Newsfeed im Stil der sozialen Medien und Live-Videoübertragungen von der Erde und Luminos B befinden sich direkt im Raum.

Werden die BesucherInnen den perfiden Plan durchschauen und erkennen, dass die Mission eine Lüge ist? Oder werden sie tun, was man ihnen sagt, und auf Luminos B ankommen und dort verenden?
Auf ihrer Reise werden die Besucher mit weiteren widersprüchlichen Informationen konfrontiert: Offizielle Nachrichtenquellen, die von NOVA Inc. kontrolliert werden, und verschlüsselte Insiderinformationen, die von dem Whistleblower Theodor Messerschmidt geliefert werden, zeichnen zwei sehr unterschiedliche Bilder der Realität.


Werden die BesucherInnen den perfiden Plan durchschauen und erkennen, dass die Mission eine Lüge ist? Oder werden sie tun, was man ihnen sagt, und auf Luminos B ankommen und dort verenden?
Die meisten verende leider auf dem neuen Planten. Ja es muss gesagt werden. Es ist bedauerlich.
Beitrag von Ursula Drees
alle Bilder unterliegen dem ©Hochschule der Medien, Studioproduktion Spatial Experience
U-Turn Bitte wenden hat eine Auszeichung im Bereich Recent Technology erhalten. Wir freuen uns riesig.

UND GRATULIEREN!
Mit der immersiven Spiel-Installation U-Turn, bitte wenden! treten wir zwei Teams gegeneinander an. Die einen Spieler*Innen bewältigen die Challenges im Auto, die anderen in der Bahn.
Wir beschäftigen uns mit der Frage, ob das Auto oder die Bahn besser ist. Die Bahn hat Vorteile, das Auto aber auch – ab und an. Bei der Bahn geht es meistens ziemlich zügig, wenn sie fährt, ist sie verlässlich. Und man kann noch arbeiten, schnell was lesen oder abschalten. Man kann morgens total verschlafen, noch halb im Bett ohne den Verkehr zu gefährden prima überall hinkommen. Und kostengünstig ist es auch. Toll. Aber mit dem Auto, selbst wenn es manchmal ziemlich Stress ist, kann man irre viel transportieren. Halbe Bibliotheken, das ganze Sportzeug, Wasserkästen, einen Grosseinkauf und der Hund kann entspannt im Kofferraum kringeln. Das hat was. Ausserdem kommt man an die entlegenen Stellen.
Trotzdem. Beim Auto gibt es den Stau, kein Weiterkommen und man verballert Geld für Sprit und Zeit. Von den Parkplatzproblemen reden wir besser nicht. Wer sich für die Bahn entscheidet, fährt günstiger, aber die Geleise werden garantiert erneuert oder es gibt ein Problem mit der Leitstelle. Wahlweise müssen wir umsteigen und wenn das auch noch am Charlottenplatz ist, dann wird es erstzunehmend kniffelig. Darum geht es bei der Installation. Die Teams spielen gegeneinander und wer zuerst am Funkturm ankommt, der hat gewonnen.
Beitrag von Ursula Drees
Bilder der Studioproduktion Event Media
Constanza Macras, geb. 1965 in Buenos Aires, ist eine argentinisch-deutsche Choreografin und Tänzerin, die seit den 1990er-Jahren in Berlin lebt und arbeitet. 2003 gründete sie das Ensemble DorkyPark, das sich durch experimentelle, gesellschaftskritische Performances auszeichnet. Macras’ Arbeiten verbinden Tanz, Gesang, Performance, ein mit Medien aufgewertetes Set Design. Ihr Stil ist exzessiv. Die Bildsprache, die Elektrobeats, die Körperlichkeit, die Vielfalt, alles assoziativ. 2025 feierte DorkyPark sein 20-jähriges Bestehen. Ab September 2026 endet ihre Tätigkeit als Hauschoreografin an der Volksbühne am Rosa-Luxemburg-Platz. „Goodbye Berlin“ ist ihr letztes Stück.

Die Inspiration zu diesem Stück kommt aus unterschiedlichen Quellen. Es ist der Abschiedsroman von Christopher Isherwood, ein halb-autobiografischer Roman aus dem Jahr 1939 mit dem Titel „Goodbye to Berlin“. Es wird die Dekadenz, künstlerische Blüte und der politische Umbruch der ausgehenden Weimarar Republik einfangen. Der Roman ist ein Abschiedsbrief an ein Berlin, das kurz vor seinem Untergang steht – eine Momentaufnahme einer Ära. Die soziale und politische Zerrissenheit der Zeit – Armut und Reichtum, sexuelle Freiheit und Unterdrückung, künstlerische Experimentierfreude und der aufziehende Nationalsozialismus wird porträtiert. Er beschreibt die Atmosphäre von Berlin, die sich im Rausch der Moderne verliert, während im Hintergrund die Bedrohung durch den Faschismus wächst.
Ebenso wird Kate Elswits Essay „Watching Weimar Dance“ (2014) zu Rate gezogen. Elswit verbindet Tanzgeschichte, Performance-Studies, Kulturwissenschaft und Theorie und zeigt, wie Tanz in der Weimarer Republik nicht nur als Kunstform, sondern als Forum für breitere Debatten über Körperlichkeit, Technologie und Moderne fungierte. Ihr Buch gilt als bahnbrechend für die Tanzhistoriografie, da es die traditionellen Herausforderungen der Tanzforschung (flüchtige Performances, lückenhafte Archive) in Stärken verwandelt – etwa durch die Fokussierung auf die Vielfalt der Zuschauerperspektiven.
Constanza Macras bezieht sich auf diese Zeit, zieht eine Parallele zu unserer Wirklichkeit. Sie deutet die Weimarer Republik als Spiegel der heutigen Zeit: Exzess, politische Polarisierung und die Bedrohung demokratischer Werte. Das Stück ist ein „Totentanz“.
Ein fulminantes Werk. 2 Stunden dauert es und ist nicht langweilig. Wenigstens fast nie langweilig. Natürlich gibt es ab und an Fragen, ob diese oder jene Szene wirklich so langatmig ausgebreitet werden müsste. Aber gemessen an der Tatsache, dass die Sitze in der Volksbühne an Unbequemlichkeit kaum übertroffen werden können und ich nur selten herumrutschen musste, ist das Stück absolut toll.

Die Szenografie wird klug gestaltet. Wenn ich bedenke, dass die kulturellen Einrichtungen an jeder Ecke knapsen müssen, es immer an Geld fehlt, ist es eine Leistung, die Medien so gekonnt einzusetzen, dass sie inhaltlich unterstützen, entsprechend gross sind, sonst machen sie keinen Sinn, schnell zu ändern sind und die Szenen Abwechslung erfahren. Die Bühne muss trotzdem leer sein, es muss Aktionsraum geben, und das bedeutet, es muss mit dem was bleibt, klug umgegangen werden. Dann lebt das Stück auf. Das hat hier statt gefunden. Effektlicht, Requisite, Bühnenaufbau, Toninstallation sind gut gesetzt und gleichzeitig auf das Notwendigste reduziert. Wobei beim Ton, das ist ein ausgesprochener Mangel, dröhnen die Lautsprecher, wummern vor sich hin und die Audioebenen vermatschen. Da fehlt es an moderner Technik und natürlich Geld. Schade auch.
Manche Techniken sind bekannt. Wie die Anfangszene, nachdem der Phönix die Bühne verlassen hat und ein erzählender Tänzer, Sänger, Schauspieler auf der Treppe die gleichzeitig als Fluggastbücke verstanden werden darf, die Geschichte eröffnet und im Hintergrund Aufprojektionen des alten Berlins zu sehen sind. Schön gemacht, aber alles andere als besonders.

Es ist ein wilder Strom durch die Möglichkeiten: durch Lust, Missbrauch, Tanzen, Präsentieren, Geniessen, Völlern; ein wildes Stoplern durch ein Leben mit vielen Drogen. Ein bewusstloses sich dem Strom des nahenden Untergangs ergeben. Alles tanzt und kolportiert, niemand denkt und kritisiert.


Die TänzerInnen sind wunderbar anzuschauen. Grossartige Interpretationen, man spürt die Kraft, die Wucht, die Entfesselung in den kraftvollen Bewegungen. Poledancing stellt ein starkes Bild dar. Ist es Prostitution und Kunst, Tanz oder Schau.


Die Nazis waren eine oppositionelle Partei im Bundestag ,nein Reichstag. Haben die wahren Gelüste hinter Gut Menschentum versteckt. So wie die AfD heute. Der Wunsch nach Macht und Anerkennung, nach Selbstbereicherung und Herrlichkeit treibt die AfD genauso an wie die damalige NSDAP. Leni Riefenstahl wird zitiert. Der Körper, die Kraft wird zu einer ätherischen Reinheit. Griechische Frauengestalten preisen die Ästhetik, gekleidet in leichten Gewändern der Antike.

Die blaue Marmorwand wird gedreht. Alles verkehrt sich ins Gegenteil. Von der Idealisierung des Menschen bleibt nichts übrig. Bondage, Schlagen, Kneten, Stampfen, Masochismus, Sadismus, die animalische, ungezügelte Körperlichkeit agiert zu Techno.

Die Stadt sucht sich selbst und mit ihr die Menschen. Alles tanzt, springt, zappelt und bewegt sich. Wild, rot und gefährlich, aber auch gefährdet. Wer sich betäubt, erkennt die Zeichen der Zeit nicht.


Und so kommt es zur Germanisierung. Es wird weiter geprügelt und vernichtet. Nur diesmal mit Propaganda und Programm.
Nach dem Krieg, wenn die Stadt hungert und sich erneut aufstellt, wird es lustig. Die Menschen tanzen wie eh und je. Verkaufen sich an die Amerikaner, sie werden zur Hure der Amerikaner. Sind im grünen Glashaus oder Käfig, reden wie John Wayne und verschenken sich erneut. Wieder mal wird die Medienebene zur Erzählebene.
Im kleinen Glaskasten sind die jetzt in neuer Verkleidung gefangenen Berliner, mit Perücken und Kimono tarnen sie sich, sie sind im Puff, nur diesmal müssen sie selber ran. Ein Kameramann nimmt alles auf, die Videoschleife projiziert das Bild auf eine davor schwebende Leinwand. Was klein ist, ist eigentlich gross.

Dann kommt Disco „Saturday night fever, night fever“. Bunt, exaltiert und als Paar. Es wird gesungen, dabei geschlagen, getreten und verdammt. Und immer ist die Lust körperlich. Ein heißes Treiben, ein sich zur Schau stellen, lieben, kränken, trösten, treiben, sich vereinen oder einfach nur animalisch zu spüren.



Bilder wiederholen sich, die Farbwelten wieder erkannt. Kaum ein Unterschied zur Vergangenheit und der Gegenwart. Macras deutet die Weimarer Republik als Spiegel der heutigen Zeit: Exzess, politische Polarisierung und die Bedrohung demokratischer Werte. So wird „Good Bye Berlin zum Wiedersehen, eine Mahnung, ein „Totentanz“. Die Vergänglichkeit von Freiheit steht auf dem Spiel, wir Vergessen die Vergangenheit und wiederholen uns erneut.

Es wird die Dekadenz der Goldenen Zwanziger bis zur heutigen Gentrifizierung und politischen Spannungen reflektiert. Good Bye Berlin sagt uns, dass wir am Abgrund stehen. Diesmal mit Matcha Latte im To Go Becher, mit androgynen Menschen in Glitter und Gold, die blind durch die Stadt stolpern, vor sich hin plappern, nicht s hörend und sehend und sich vor allem selber toll finden. Dabei leider das Denken ausschalten und im Taumel die AfD Propaganda nicht hören und nicht verhindern.

Im letzen Bild wird uns der Spiegel vorgehalten, wir sind verschwommen, aber wir sind es. Wir sind dran.
Beitrag und Fotos von Ursula Drees

