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Können Roboter moralisch handeln?

Patrick Tresset©Zeichnender Roboter namens Paul 2

ein Essay von Xaver Werhahn

Roboter üben schon lange eine große Faszination auf die Menschen aus. Seit geraumer Zeit machen sich Menschen Gedanken über die Chancen und Risiken, die einher gehen mit der Thematik der Roboter. Ob in düster gemalten Dystopien der Zukunft, Universitäten, großen Wirtschaftsunternehmen oder direkt im eigenen Heim: überall halten Roboter Einzug in die Lebenswelt der Menschen und beeinflussen diese maßgeblich. Der Reichweite der Einsatzbereiche von Robotern scheint keine Grenze gesetzt zu sein. Es scheint als wenn sie viele Aufgaben, die von Menschen verrichtet werden, besser erledigen könnten. Wenn wir davon ausgehen müssen, dass sich in den nächsten Jahrzehnten Roboter immer weiterverbreiten werden, erscheinen die dystopischen Zukunftsversionen in denen Menschen von Maschinen als Sklaven gehalten oder nahezu ausgerottet werden auf einmal sehr viel drängender. Aber was ist wirklich dran an diesen Vorstellungen? Sind Roboter kurz davor sich die Menschheit untertan zu machen? Im Moment beschränken sich solche Szenarien noch auf Science-Fiction und das wird vermutlich auch noch für gewisse Zeit so bleiben. Dennoch werden Roboter immer raffinierter und vielseitiger einsetzbar. Wenn die U-Bahn in London oder Tokio fährt, sitzt kein Mensch mehr am Steuer. Das gleiche geschieht, wenn im Flugzeug der Autopilot eingeschaltet wird. Bald werden vermutlich sogar unsere Autos nicht mehr von uns gesteuert werden müssen, sondern sie fahren von alleine.

Ursula Drees© Arduino und Breadboard

Nun drängt sich die Frage nach der Kontrolle bzw. der Verantwortlichkeit auf. Denn was passiert, wenn sich ein selbstfahrendes Auto entscheiden müsste zwischen dem Tod seiner Insassen und dem Tod von Unbeteiligten? Befürworter der Eigenständigkeit von Robotern halten ihre Wahrnehmungsfähigkeit und die Fähigkeit mit ihrer Umwelt in Interaktion zu treten für ausreichend, um Roboter in der Kategorie der intelligenten Wesen einzuordnen (Keil 1998: 108-109). Das hätte zur Folge, dass Roboter durchaus zur Verantwortung gezogen werden könnten für ihre Taten. Gegner dieser Position bestreiten, dass ein Roboter freie Entscheidungen treffen kann. Dafür wäre Willensfreiheit nötig, aber alle „Faktoren, die es […] unmöglich machen, begründet seinen Willen zu bilden, tangieren die Willensfreiheit“ _und davon gäbe es beim Roboter genug (Keil 2013: 5). Auch diese Position wird in Frage gestellt, da manche behaupten, dass die Willensfreiheit nicht der ausschlaggebende Faktor sei. Es gehe vielmehr darum, wie autonom und ethisch sensibel ein Roboter ist. Bei voller Ausprägung dieser beiden Eigenschaften, werden Roboter als „trustworthy moral agents“ _bezeichnet (Colin Allen, Wendell Wallach 2010: 26). Die Frage ist also, ob Roboter in der Lage sind moralisch zu handeln oder nicht. Ich werde die Position vertreten, dass Roboter nicht moralisch handeln können, da sie nichts weiter als besonders vielseitige Maschinen sind und insofern gar keine Handlung vorliegt. Um dies darzulegen versuche ich über die Begriffe von Verantwortung und Absicht zu zeigen, dass die Selbstständigkeit und die Möglichkeit aus einer Reihe von Alternativen zu wählen uns an die Illusion eines autonomen Akteurs glauben lassen, der eigenständige Entscheidungen fällen kann. Das ist allerdings ein Trugschluss, denn Roboter treffen keine Entscheidungen, sondern führen lediglich die Entscheidungen aus, die Menschen bei ihrer Konstruktion getroffen haben. 

Ursula Drees© Arduino und Breadboard

Roboter entscheiden sich nicht dafür Autos zusammen zu setzen, sondern sie werden von Menschen so konstruiert und programmiert, dass sie genau das tun. Anhänger Frankfurts könnten hier einwenden, dass, nur weil sie keine Alternative haben, sie nicht trotzdem genau das tun wollen. Genau da liegt der Knackpunkt, denn Roboter wollen nicht. Genauso wenig wie der Toaster toasten, der Mixer mixen und der Taschenrechner rechnen will, will ein Roboter Autos zusammensetzen. Beim Toaster, Mixer und Taschenrechner würden die meisten mir vermutlich zustimmen. Beim Roboter würden mir aber vermutlich auch einige widersprechen. Woran liegt das? Wo liegt der Unterschied zwischen Roboter und Toaster? Weder der Toaster noch der Roboter können sich fortpflanzen. Weder der 2 Toaster noch der Roboter können eine andere Aufgabe erfüllen als die für die sie gebaut wurden. Weder Toaster noch Roboter können sich entscheiden welche Aufgabe sie erfüllen und welche nicht. 

Wir schreiben dem Toaster keine böse Absicht zu, wenn das Toast verbrennt, weil der Mensch für die Hitzeeinstellung selber verantwortlich ist. Schreiben wir dem Roboter böse Absicht zu, wenn er wie vorgesehen funktioniert und dabei jemand zu Schaden kommt? Dem Saubermach-Roboter schreiben wir wohl keine böse Absicht zu, wenn er uns beim Gehen aus dem Gleichgewicht bringt, weil er genau in dem Moment seine Putzroutine durchführt. Was wäre, wenn der Saubermach-Roboter nun Sensoren und Programmierung besitzt, die ihn solche Situationen erkennen und vermeiden lassen? Was wäre, wenn der Saubermach-Roboter trotzdem dem Menschen in die Quere kommt und ihn zu Fall bringt? Nun scheint der Fall anders zu sein als zuvor. Der Roboter hat die Vorgabe dem Menschen nicht in die Quere zu kommen und dennoch passierte genau das. Ist die Ursache dafür die Entscheidung des Roboters, seine Vorgaben zu missachten, oder liegt einfach ein Fehler im System der Maschine vor? Auch hier würden mir vermutlich die meisten zustimmen, wenn ich sage, dass ein Fehler im System die wahrscheinlichere von den zwei genannten Optionen ist. 

Ursula Drees© working

Aber was ist, wenn dem Roboter vorgegeben wird, niemals seiner Umgebung zu schaden? Eines Tages kommt es zufällig zu einer Situation in der sich so viele Personen in direkter Nähe des Saubermach-Roboters aufhalten, die ihn nicht beachten und gleichzeitig alle dem Roboter in den Weg treten, dass dem Roboter nichts übrigbleibt als einer Person zu schaden. Diese Person landet mit einem gebrochenen Bein im Krankenhaus und verlangt nun eine Entschädigung. Ich bin mir sicher, dass auch in diesem Fall keine vernünftige Person auf die Idee kommen würde, ernsthaft den Roboter für die Geschehnisse verantwortlich zu machen. Denn es handelt sich um eine simple Ursache-Wirkung Beziehung. Die Ursache, dass der Roboter auf dem Boden in Bewegung war, hat bewirkt, dass ein Mensch zu Schaden kam. 

Wären Ursache und Wirkung die ausschlaggebenden Kriterien für eine Handlung hätten wir allerdings ein Problem. Denn dann wären auf einmal das Umkreisen der Sonne oder das Fallen von Tropfen allesamt Handlungen. Das ist per se noch nicht unlogisch, würde aber die Begriffe Handlung und Verantwortung entwerten bzw. ad absurdum führen, da nun alles was passiert eine Handlung wäre. Nicht mehr die Person, die unachtsam eine glimmende Zigarette auf den Boden wirft wäre für das entstehende Feuer verantwortlich, sondern die Zigarette selber oder aber die allererste Ursache, die es gab. Würde ich nun fragen, wer oder was gehandelt hat, würde ich schlussendlich bis zum Urknall kommen und ab dann warten müssen, dass im Bereich der Physik deutliche Fortschritte gemacht werden. 

Eine Handlung scheint also nicht durch Ursache und Wirkung definiert zu sein, sondern durch die Absicht. Die Erde hat keine Absicht, wenn sie sich um die Sonne dreht. Der Wassertropfen hat keine Absicht, wenn er zu Boden fällt. Der Toaster hat keine Absicht, wenn er Weißbrot kross macht. Warum schreiben wir dann dem Roboter eine Absicht zu? Ich denke es liegt daran, dass der Eindruck entsteht, Roboter würden Entscheidungen treffen. Allerdings trifft nicht der Roboter die Entscheidungen, sondern die Menschen, die ihn konstruiert haben trafen die Entscheidungen im Voraus. Würde allein die Möglichkeit zwischen verschiedenen Alternativen zu wählen, ohne dass jemand während des „Wahlmoments“ _Einfluss auf diesen Prozess nimmt, schon eine hinreichende Bedingung für autonomes Handeln sein – _und damit aus einer Maschine einen Akteur machen – _könnte ich jederzeit einen „Killerroboter“ auf die Menschen loslassen und wäre nicht verantwortlich. 

Die vom Menschen scheinbar unabhängige Funktionstüchtigkeit sowie die Möglichkeit aus verschiedenen Alternativen zu wählen suggerieren die Existenz eines autonomen Akteurs, der selber Entscheidungen treffen kann, wie es ihm beliebt. Das führt dazu, dass dem Roboter auf einmal Absicht und (moralische) Handlungsfähigkeit zugerechnet wird, obwohl nichts anderes passiert als bei einem 3 

Thermostat, das auf die Umgebungstemperatur reagiert. Ich denke die Wenigsten würden einem Thermostat, das die Temperatur ihrem Sollwert angleicht, irgendeine Absicht unterstellen. Zumindest halte ich es für sehr unwahrscheinlich, dass ein vernunftbegabter Mensch das Thermostat dafür zur Verantwortung ziehen würde, seinem Zweck zu entsprechen. 

Roboter sind weiterhin Maschinen, die ihrer Konstruktion entsprechend funktionieren und keine Absichten irgendeiner Art besitzen. Damit sind Roboter nicht in der Lage irgendwelche Handlungen geschweige denn moralische Handlungen auszuführen. 

Die Thematik von Robotern ist mittlerweile in so vielen Bereichen der Lebenswelt angekommen, dass selbst der Laie davon gehört bzw. selber Zugang dazu hat. Roboter nehmen schon heute maßgeblichen Einfluss auf das Leben vieler Menschen. Teilweise hat das eine positive Konnotation, wenn man darüber nachdenkt, dass Menschen nun weniger schwere Arbeiten verrichten müssen. Teilweise hat es aber auch eine deutlich negative Konnotation, weil viele Menschen ihre Arbeit verlieren und möglicherweise sogar ruiniert werden. Dieser Prozess wird sich vermutlich trotzdem weiter fortsetzen, da die Möglichkeiten und Annehmlichkeiten, die den Menschen dadurch entstehen zu verlockend sind. Deswegen sollte in diesem Essay der Frage nachgegangen werden, ob Roboter moralisch handeln können. Denn wenn die Menschen immer mehr und immer wichtigere Bereiche ihres Lebens in die Hände von Robotern geben, scheint es wünschenswert, dass die Roboter auch achtsam damit umgehen.

Ursula Drees©Fotografie

Ich habe auf den letzten Seiten die Meinung vertreten, dass wir Roboter nicht verantwortlich machen können, da sie keine autonomen Akteure, sondern Maschinen sind. Begründet habe ich diese Position damit, dass Menschen fälschlicherweise Roboter personifizieren, weil sie scheinbar frei Entscheidungen treffen. Die scheinbare Möglichkeit Entscheidungen zu treffen in Kombination mit der scheinbaren Selbstständigkeit verleiten zu dem Fehlschluss, dass Roboter autonome Akteure mit Handlungsfähigkeit wären. Handlungen sind aber mehr als eine Beziehung zwischen Ursache und Wirkung sondern erfordern Absicht. Allein die Auswahlmöglichkeit aus verschiedenen Alternativen macht keine absichtliche Entscheidung aus, sondern stellt lediglich den Einsatzbereich dar, den die Konstrukteure der Maschine einräumen. Deswegen sind Roboter nicht in der Lage moralisch zu handeln, da sie keine handlungsfähigen Akteure sind. 

Literaturverzeichnis: 

-Geert Keil „Was Roboter nicht können“ in: Der Mensch in der Perspektive der Kognitionswissenschaften, Kognitionswissenschaften, Frankfurt am Main 1998. 

– Geert Keil: „Willensfreiheit“, Berlin 2013. 

– Wendell Wallach, Colin Allen: „Moral Machines“, Oxford 2010. 

Zum Referenten:

Xaver Werhahn, geboren 1989 in Bremen, studiert Philosophie, Politikwissenschaft und Geschichte an der Universität Regensburg.  Individualität, Autonomie und fortschreitende Algorithmisierung der Lebenswelten stehen im Fokus seiner Forschung.

Malerei: Adam Hernandez.

Er lebt in Basel, in der Schweiz. Er malt und zeichnet. Ein Sujet sind Kühe, genauer gesagt er malt Kuhportraits. Folgende Anekdote erzählt er der Autorin beim Atelierbesuch. Eine Dame tritt bei seiner letzten Ausstellung an ihn heran, entrüstet, und weist darauf hin, dass seine Kühe keine Hörner haben! Wie kann das sein? Kühe haben Hörner.

In der Tat, sie haben keine. Soll er welche malen, wo keine sind?

Photografie und Malerei©Adam Hernandez
Tempera, Akryl auf Papier

Im letzten Jahr wurde in der Schweiz darüber abgestimmt, ob Kühen aus ökonomischen Gründen weiterhin nach der Geburt die Hornanlagen, ein Mittel zur Kuhkommunikation, ausgebrannt, ein schmerzhafter Prozess, werden sollen. Der Bergbauer Armin Capaul trat die Diskussion los und verlangte aus Tierwohlgründen eine Abstimmung, die jedoch von den Schweizern abgelehnt wurde. Denn die Tiere brauchen dann größere Ställe, also mehr Platz und dafür braucht es Subventionen. 

Der Anblick von Kühen mit Hörnern ist uns fremd, obwohl doch natürlich. So wie über Hundegenerationen Hundeschnauzen zurück gezüchtet wurden, Ruten coupiert und Hinterläufe schräg abfallend wurden. Ob dem Tier damit geholfen wird, stand nicht zur Debatte. 

Photografie und Malerei©Adam Hernandez
Tempera, Akryl auf Papier
Photografie und Malerei©Adam Hernandez
Tempera, Akryl auf Papier
Photografie und Malerei©Adam Hernandez
Tempera, Akryl auf Papier

Der Künstler malt was er sieht: das Leben so wie es ist. 

Eine scheinbar humorvolle Geschichte. Aber ganz unversehrt bleibt die Zuhörerin nicht. Sie schaut die Bilder erneut an, erkennt, dass hier nicht eine pittoreske Heimatmalerei von Statten geht. Das selbe bezieht sich auf die Darstellungen der Hunde und Pferd und Hähne, die von Adam Hernandez auf Papier oder Leinwand gebannt werden. Es geht hier nicht um eine Darstellung der Tierwelt, es geht um eine Darstellung von der Seelenhaftigkeit der Geschöpfe. Das können Tiere sein, es können auch Menschen sein. Es ist vielleicht sogar auch die Welt der Objekte. Das Stillleben. 

Photografie und Malerei©Adam Hernandez
Tempera, Akryl auf Papier

Adam Hernandez betrachtet das Leben ganzheitlich, alle Lebewesen werden einbezogen. Nicht der Mensch als überlegener Herrscher der Erde, sondern als Betrachters der Natur und des Natürlichen. Und deshalb sehen wir in den Bildern einen Versuch das Wesen der Kühe, Pferde, Hähne und Hunde zu verbildlichen. Tiere mit Gefühl und individuellem Ausdruck. Jedes Portrait ist Spiegel einer Seele. Die Sanfte, Störrische, Wütende, Bockige, Liebenswürdige, Feurige, Wartende….Die Motive erscheinen auf den ersten Blick liebenswürdig und schön anzusehen, vielleicht sogar profan, auf den zweiten Blick, wird ein Umstand adressiert, den die heutige Welt der Massentierhaltung, der Entfremdung mit der Tierwelt oftmals gerne vernachlässigt. Die Erde wird von profitwütigen, kapitalistischen Menschen an den Rand des Abgrunds geführt und Gattungen werden ausgerottet. Wir sehen in Adam Hernandez‘ Bildern nicht Tiere oder Viehzeugs, sondern Portraits. Jedes für sich und mit eigenem Ausdruck.

Photografie und Malerei©Adam Hernandez
Tempera, Akryl auf Papier

Diese Porträts erlangen die Bedeutung eines tierischen Charakterbildes, das ganze Wesen des Dargestellten gelangt lebensnah zum Ausdruck. In technischer Hinsicht setzt der Maler einen entsprechenden Strich und Farbgebung ein.  Weichheit und Wärme des Fells werden nicht mit photorealistischer Akkuratesse, sondern mit einem impulsiven kraftvollen Pinseleinsatz vermittelt. Seine Farben bringen eine humorvolle oder experimentelle fast schon impressionalistische Stimmung in das Bild.

Photografie und Malerei©Adam Hernandez
Tempera, Akryl auf Papier

Ein weiteres Sujet des Künstlers ist das Stillleben. 

Photografie und Malerei©Adam Hernandez
Tempera, Akryl auf Papier

Es ist nicht eine Darstellung von Reichtum und Wohlstand, sondern ein Dokument der industriell hergestellten Artefakte eines schnelllebigen Daseins. Nicht aufwändig arrangierte Kompositionen von Früchten, Speisen, Blumen oder leblosen Objekten wie Kelchen, Flaschen, Tellern, Musikinstrumenten sind zu sehen, sondern jeweils nur ein Objekt. Dazu gehört der Starbucksbecker, die Cappuccinotasse, Wein- oder Ketchupflaschen. Alltäglichkeiten aus dem Supermarkt oder Café. Diese Objekte werden in ihrer Normalität festgehalten und finden Raum im Format . Geht es um inne halten? Geht es darum, etwas zu sehen, das längst nicht mehr bemerkt wird? Das Format entspricht Din A 2, mal hochkantig oder querformatig, je nachdem was das Model vorgibt. Das Motiv steht mittig, der Hintergrund wird in der Regel als farbige Fläche angedeutet. Keine Tischtücher, Tischkanten, keine Dekoration. Es geht um das Ding, so wie es ist. Alltäglich, einfach, unprätentiös.

Photografie und Malerei©Adam Hernandez
Tempera, Akryl auf Papier

Selbst die Warholschen Campelldosen hat Adam Hernandez ins Visier genommen. Das ist ein humorvoller Akt, denn als Warhol mit den Abbildungen von 100 Campell-Dosen den Widerstand gegen die Warengesellschaft thematisieret und sie durch das schnelle Medium Siebdruck unendlich vervielfältigt, macht er nicht nur das Thema, sondern die Kunst im Allgemeinen zur Warengesellschaft. Die Avantgardebewegungen der 60iger Jahre rufen einen Bruch mit dem überlieferten Darstellungssystem aus, in den Hoffnung die Institution Kunst aufzuheben. Damals handelt es sich um etwas „Neues“. Es ist nicht nur qualitativ unterschieden vom Vorhergehenden, sondern auch durch die künstlerischen Verfahrensweisen und sogar durch die Veränderung des Darstellungssystems.

Hernandez sieht Kunst nicht als Kommerz und steuert dem entgegen. Deshalb malt er eine einzige Dose und nur eine. Die ist das Original und nicht reproduzierbar. Der Künstler lässt sich mit seiner einzelnen Campelldose auf tradierte Kunstbegrifflichkeit ein. Im Kontext des 21. Jahrhunderts wird das Original an und für sich zur Seltenheit und deshalb ist es ein humorvoller Akt nur eine Dose zu malen. Der Farbauftrag ist gesättigt, oft gibt es eine Führungsfarbe, sie wird durch komplementär Kontraste ergänzt. Einige Male wird der flächige Strich durch sehr feine Linien aufgebrochen und akzentuiert. Es ist gesättigt, lebensfreudig und vermittelt Energie. Der Künstler selbst sieht sich als Mensch in den Bildern. Seine aktive Hingabe, seine Energie will er im Werk manifestieren. Der Betrachter kann diese Energie spüren. Mehr hier…

Beitrag von Ursula Drees

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insights-Monster im Kopf

von Dr. Margarete von Trifft

Was macht ein Erlebnis in einer künstlich erstellten Umgebung zu dem was es ist? Wir sprechen viel vom Erleben. Erlebnisreisen, Erlebnispfade, Erlebnisarchitektur, Erlebnisküche, Erlebnisbad, Erlebnisgeschenk, Erlebnispädagogik… Es scheint, als sei das Erleben eine seltene Beschaffenheit geworden. Es wird in artifiziellen Umgebungen reproduziert, in der Hoffnung, Erleben zu thematisieren.

Sicherlich ist es teils der Virtualität der heutigen Lebensweise geschuldet. Auch wenn der Mensch sich im Alltagsleben durch Wirklichkeiten bewegt, so darf gefragt werden, ob die Aufmerksamkeit diesem oder einem anderen Umfeld gewidmet wird. Diese Wirklichkeit wird durch eine parallele Informationsquelle begleitet. Mobile Medien lassen einen zweiten tragbaren Realitätsraum zu. Er wird nah am Körper getragen und nicht aus den Augen gelassen. Bei Ruhe und scheinbarer Impulslosigkeit, bietet diese Wirklichkeit Reize. In vielen Fällen beschäftigt sich der Mensch dann mit Lesen, Bilder schauen, liken, spielen, Film schauen, Schnappschüsse irgendwo hoch laden, etwas kommentieren, kurz mit Ablenkung von dem Hier und Jetzt. Der Fokus ist in eine Parallelrealität gerichtet und verhindert das Zusammenkommen mit Zufälligkeiten. Eine Abschottung für das Unerwartete.

Ist das der Grund für die fortscheitende Erlebniskultur? Und wenn Erlebnis, dann von was? Erlebnisse, die alltäglich sind, wie Einkaufen, Aufstehen, Spazieren gehen, Gewitter erleben oder Geschenke öffnen? Oder sind Erlebnisse gemeint, die selten hautnah gemacht werden wie Autounfall, Aufenthalt im Gefängnis, Leben in einem Kriegsgebiet, Leben als Homosexueller, Verfolgung, Hunger, Isolation….? Oder ein Beleben von Vergangenem? Wie war es mit Dinosauriern, wie als Jane Austen oder Schafhirt im 15. Jahrhundert? Kann ein schwieriger Sachverhalt in künstlichen und inszenierten Umgebungen zu einem Erlebnis werden?

Studioproduktion Event Media©insights-Monster im Kopf. Impressionen

In der Studioproduktion Event Media an der Hochschule der Medien in Stuttgart wurde das Thema Zwangsstörungen und daraus resultierende Folgekrankheiten behandelt. Es sind unsichtbare Behinderungen, ohne Gips, Krücken, Pflaster, Nähte, Operationen und an der Oberfläche sichtbaren Indizien. Da wird nicht gehustet, es gibt keine Ausschläge oder laufende Nasen. Leidende unterscheiden sich äußerlich nicht von den Gesunden. Dennoch: Leidende mit unsichtbaren Krankheiten werden durch Gedanken, Handlungen und Zwängen abgelenkt und irritiert. Stressmomente arten zu chronischen Krankheiten wie z.B. Migräne, Gürtelrose, Schüttelfrost usw. aus.

Die Studioproduktion Event Media beschränkt sich auf zwei Präzedenzen. Zwangshandlung und Migräne. Zwangshandlungen wie das Abzählen von Autos am Morgen, Hände waschen, Kleidung im Schrank in DinA4 auszulegen, Elemente im rechten Winkel ordnen, Reihenfolgen einhalten ohne Grund, Abläufe schematisieren. Das allein mag nicht hinderlich im Alltag sein, aber wenn der Zwang Ängste, Unsicherheiten und Verwirrung auslöst, dann gewinnt er die Oberhand, drängt Normalität zurück. Dinge werden immer wieder auf ihre Richtigkeit kontrolliert, nachrücken, nach justieren, es lässt den Leidenden nicht los, verhindert ein Fortschreiten. Das Selbstverständliche wird zum Ausnahmezustand. Es führt zu Druck, Stress, Empfinden des Gejagtseins und zu Folgeerkrankungen wie z.B. Migräne.

Migräne will niemand erleben. Der Kopf scheint zu platzen. Die Augen werden durch helle weiße Blitze vom Sehen abgehalten, die Balance funktioniert nicht, plötzlich steht ein Türrahmen im Weg und es reicht nicht um auszuweichen, Tassen fallen aus der Hand, manchmal kommt es zu kurzen Erblindungserscheinungen. Das Hörvermögen wird über beansprucht, alles dröhnt in zehnfacher Lautstärke. Die Ohren, die Augen, selbst das Kauen oder gar Atmen bedeutet erhebliche Schmerzen. Keine Bewegung, keine Impulse, nichts funktioniert, Stillstand, ein kleiner Tod. Es helfen Triptane, Tabletten, oder / und eine isolierte dunkle Zelle weit ab vom Leben.

Wie kann eine solche Krankheit in einem Erlebnisraum vermittelt werden? Wie kann der unbedarfte Zuschauer sich einer solchen Situation nähern?

In der Produktion „insights – Monster im Kopf“ wird ein Versuch unternommen, die sakrale Einheit des Menschen beim Auseinanderbrechen, nachvollziehbar zu machen. Ein verwirrendes  Raumgefüge ist die Grundlage dieser Installation. Dabei beginnt alles so einfach und überschaubar, ja harmlos. Ein geordneter Raum wird betreten. Viel gibt es nicht zu begreifen, ein Schlüsselboard, ein Tassen-, ein Schubladenschrank. An der Seite Kleidung- und Schuhsäcke, sehr aufgeräumt, sauber, geordnet. Eine Stimme kommt von irgendwo her, es ist die Stimme des Inneren, eine Stimme als introspektives Selbstgespräch. Oder gilt die Stimme auch dem Besucher? Muss gehört und verstanden werden was gesagt wird? Wer wird gemeint? Wer wird angesprochen? Vielleicht ist sie ein wenig zu schrill, denn so weit sind die Besucher im Eintauchen noch nicht voran gekommen. Wäre eine leisere Stimme mit Nachdruck als Beginn wirkungsvoller?

Studioproduktion Event Media©insights-Monster im Kopf. Raum der Ordnung. Aufgabe: Kontrolliere die Reihenfolge der Schlüssel.

„Ist der Schlüssel in der richtigen Reihenfolge?“ Kennen wir die Reihenfolge? Ist sie wichtig, warum sollte etwas in dieser Art von Belang sein? Der Besucher wird von der inneren Stimme angeleitet, sich einer fremden Perfektion,  einer unbedingten Notwendigkeit, einer nicht erkennbaren Ordnung anzugleichen. Das fällt schwer, denn die verlangte Ordnung ist unverständlich. Hier läuft etwas schief. Je uneinsichtiger die Umgebung wird, desto mehr begreift der Rezipient, dass eine Unterordnung notwendig ist. Wer die Stimme nicht als seine eigene begreift, bleibt stecken, kommt nicht weiter.  Dann gelingt der Schritt zur nächsten Station nicht.

Studioproduktion Event Media©insights-Monster im Kopf. Raum der Ordnung. Aufgabe: Bringe die Tassen in die korrekte Stellung und Ausrichtung.

Ein Regal. Dort gilt es erst eine, dann drei Tassen in die exakte Reihenfolge, Positionierung zu setzen. Nicht hochnehmen, nicht wegstellen, nur drehen. Jetzt ist die Stimme zur eigenen geworden. Sie weist keine Befremdlichkeit auf. Ein Verschmelzen findet statt.

„Öffne die nächste Station“. Ein Schubladenschrank. Alle drei Laden werden hintereinander geöffnet und geschlossen. Die Dinge sind wunderbar geordnet an ihrem vorgesehen Platz. Ausgerichtet zur vertikalen Schubladenseite und im rechten Winkel zu anderen Objekten.

Studioproduktion Event Media©insights-Monster im Kopf. Raum der Ordnung

Es gibt nur diese eine Ordnung. Wenn Etwas durcheinander kommt, dann geht nichts mehr. Der Besucher will der inneren Stimme entfliehen, handelt wie aufgetragen.  Erst dann verlässt er das Zimmer, oder die Wohnung. Es wird hell, er tritt heraus auf Straße. Eine normale Szene. Die Wohnstraße mit parkenden Autos, vereinzelten Bäumen und einem vorbei fahrenden Transporter. Aber nichts ist normal. Blitze ziehen durch das Bild. Bildebenen verzerren sich, werden kurzfristig unsichtbar. So hell das Licht, es schmerzt, es ist gleißend. Sieht so Migräne aus? Dies ist kein Ort zum Verweilen, der Besucher sucht einen Ausgang, durchschreitet eine Tür und befindet sich im Raum der Ordnung (so bezeichnet von der Autorin). Gerade noch befreit und schon wieder gefangen.

Fotografie Ursula Drees©insights-Monster im Kopf. Straßenszene

Die Perspektive hat sich geändert. Alles geht von vorne los. Die Störung, die innere Stimme zwingt die Gäste, die Handlung zu wiederholen, zu kontrollieren, ob beim ersten Durchgang alles richtig war. Alles zu öffnen und zu schließen. Es wird dringlicher, sogar drohend und verzweifelt. Der Schlüssel als Metapher, ist er da, findet er den ihm angestammten Platz, hat er eine Funktion, kann er etwas öffnen? Der Tassenschrank? Die Schubladen, das Schubladendenken. 

Erneut befreit sich der Besucher, und wird auf die Straße gespült. Dort werden die Blitze, die Auslassungen, die Veränderungen im Sichtfeld intensiver und gefährlicher. Eine fremde Innerlichkeit taucht aus den Tiefen hervor, wird an die Oberfläche geschwemmt. Und diese Oberfläche ist fremd. Abweichungen und Unsicherheiten verändern das Bild. Der Besucher betritt ein verwirrendes Spiel von fast gleichen Räumen und Situationen, verliert sich in Details. Auf subtile Art wird der Rezipient in die Welt eines zwangsgestörten Geistes beordert. Unsichtbare Krankheiten finden einen erlebbaren Raum. Die Monster im Kopf schreien an der Oberfläche nach Aufmerksamkeit, überschatten alles andere. Eine gelungene Installation: „insights – Monster im Kopf“.

Fotografie Ursula Drees©insights-Monster im Kopf. Straßenszene

Und wer die Fotografien betrachtet hier im blog, begreift während des Lesens, dass diese Abbildungen das Erlebnis nicht wiedergeben. Bei dieser Installation geht es darum, die Dinge zu fühlen, eigenständig zu handeln, dabei zu sein. Anwesende werden angeleitet, wie betroffene Kranke zu verfahren. 

Ein hoher Grad an Interaktivität bestimmt das Entschlüsseln. Objekte werden berührt, gezogen, gedreht, geschoben, geöffnet und verschlossen. Die innere Stimme ist gleichermaßen Erzählung wie auch Feedback. Die Beleuchtung setzt das Stimmungsbild, Führungslichter helfen beim Verstehen und dienen als Wegeleitsystem. Effektlichter, Farben, Sprache, Geräuschteppiche verdichten. Gäste werden zu Durchreisenden eines unbekannten Phänomens. Sie tauchen in eine andere Wirklichkeit ein und schließen den Besuch unversehrt ab. 

Die Gäste bewegen sich schrittweise aus ihrer Welt in eine andere, ein Gefühl und Erleben wird nicht aufgezwängt, sondern angeboten. Dieser Offerte geben die Anwesenden gerne nach. Und ganz zum Schluss werden die Eingeladenen in den Regieraum geleitet. Hier wird der Grad der Vernetzung und Verschaltung präsentiert. Die technischen Medien stellen sich als differenziertes Spiel von Monitoren, Schaltern, Kabeln, Impulsen und Controllern dar. Ein eigenes Gehirn, so scheint es, ist dieser Bereich und der Gast begreift die artifiziell hergestellte Erlebnisumgebung, hier ist die Kontrollzentrale. 

Fotografie Ursula Drees©insights-Monster im Kopf. Kontrollraum

Leider wird der Semesterabschluss auf der MediaNight an nur einem Tag der Öffentlichkeit präsentiert. Danach werden die Türen geschlossen und der Rückbau beginnt. So auch bei dieser Produktion, die vielleicht eindrücklichste und aufwändigste von allen. Denn die Medien in ihrer interaktiven Vernetzung im begehbaren architektonischen Raum verlassen die Leinwand. Der Betrachter schreitet durch diese Inszenierung und bestimmt sein Erlebnistempo. Manche verweilen länger, andere wiederum nicht. Diese von den Studierenden angebotene Narration will verstanden werden. Das Thema betrifft jeden, es ist allgegenwärtig, aber tabuisiert. Abweichungen des Normalen in der Psyche zu beschreiben und zu beleben, bedeutet mit Wissen und Sensibilität vorzugehen. Die Besucher wollen nicht bedrängt, erschreckt oder verstört werden, sie wollen verstehen und dafür braucht es den Wunsch und die Offenheit anwesend zu sein. Wer als Gestalter brachial vorgeht, wird das Gegenteil erzeugen. Hier jedoch funktioniert alles. Eine wahrhaft gelungene Komposition und Inszenierung.

Fotografie Ursula Drees©insights-Monster im Kopf. Kontrollraum

Eine Rezension hilft das Erlebnis nahe zu bringen, aber die tatsächliche Inszenierung wird in Worten nicht erreicht. Vielleicht unterstützt die Verschriftlichung eines Ereignisses das Niveau der Arbeiten zu beschreiben und ein Kommen zur nächsten Medianight zu unterstützen. Lohnenswert wurde der Aufenthalt an dieser Veranstaltung empfunden und überstrahlt mit ihrer Qualität die ein oder andere künstlerische Aktivität, die in Galerien, Pop Up Stores oder Zwischennutzungen gezeigt werden.

Margarete von Trifft

Zur Autorin:

Dr. Margarete von Trifft studierte Soziologie und Kunstgeschichte, später freie Kunst. Sie promovierte in den Bildwissenschaften. Es ging um die Virtualität der bildlichen Ausdrucksformen, des flüchtigen Bildes. Dr. Margarete von Trifft lebt sowohl in Baltimore, als auch in Berlin. Professor Ursula Drees lud sie ein, auf der MediaNight der Hochschule der Medien den Erlebnisraum „insights-Monster im Kopf“ der Studioproduktion EventMedia für den MediaArtBlog plusinsight zu beschreiben und zu kommentieren.

Museo Atlantico Teil 4: zwei Skulpturen von Jason deCaires -Taylor

Ein 5 minütiger Film, der sich durch Nahaufnahmen den Skulpturen als lebende Mahnmale nähert. Das Werk wurde am 5. Juli 2015 veröffentlicht und zeigt nicht nur Installationen im Museo Atlantico, sondern auch in Grenada, Bahamas und Mexico. Die Bilder wurden mit einer 7D und Sigma Lenses aufgenommen. Es wurde durch Jason deCiares Taylor publiziert.

Jason DeCiares – Taylor’s Skulpturen halten einen Spiegel vor. Er zeigt die Gesellschaft, wie sie ist: in nazistischen Posen und vollständiger Abwesenheit des Bewusstseins. Der Betrachter weiß gar nicht was zuerst gesehen werden soll: die anbahnende Umweltkatastrophe, menschliche Beschränktheit und Selbstverliebtheit, die skulpturale Ausdrucksstärke, die Umgebung. Die Underwater Museen befinden sich an wenig interessanten Stellen im Meer. Der Meeresboden ist dort verkastet, Sand, Wasser, keine Pflanzen, Fische oder andere Meerestiere. Die Skulpturen ziehen die Taucher und Schnorchelgäste weg von den natürlichen Riffen hin zu seinen Figuren. Sie ziehen nicht nur den Menschen an, auf und an den Skulpturen findet sich neues Korallenwachstum.

“But you’ll get coral spawning; it lands on his nose, anchors and starts growing. It’s a bit like our own lives – part of it is what flows in your direction, what nutrients come your way, and part of it is random experience.”[2]

Die Skulpturen in der Fondamente Zittere

Photographie©Jason deCaires Taylor / CACT Lanzarote

In der Fondamente Zittere in Venedig werden zwei Skulpturen gezeigt. Es ist eine Dokumentation: Material, Herstellungsvorgang und Form werden für den Besucher vorstellbar. Die Skulpturen werden aus pH-neutralem Wasserzement- oder Beton gegossen, sind schneeweiß, bieten Unterwasserlebewesen bereits Nischen und Verstecke als Behausung an.

Ein Kind, ob Mädchen oder Junge spielt keine Rolle, hockt mit Armen über den Knien aufgelehnt auf einem mit allerlei kantigen Gegenständen bedeckten Boden. Genau lässt sich nicht sagen, was diese Dinge sein sollen. Es können sowohl Scherben, Holzblocke, Schutt oder alles davon sein. Die andere Skulptur zeigt ein Mädchen mit Schwimmflügeln und Schwimmbrille. Zöpfchen an den Seiten, mit Badehose und Flipflops. Auch sie sitzt auf allen möglichen Gegenständen und jetzt langsam formt sich das Bild. Denn der Sockel wurde anfangs ganz übersehen, er spielt eine Rolle. Es ist vielleicht ein Startblock, aber nein, dazu passen die Gegenstände nicht. Es ist ein Teil eines Landvorsprungs, ein natürlicher Startblock. Es ist ein Modul einer größeren Installation. Die Blöcke werden auf dem Meeresboden aneinander gestellt und zu einem Kreis geformt. Letztendlich bilden die Module einen Kreis mit am Landvorsprung sitzenden Kindern.

Photographie©Jason deCaires Taylor / CACT Lanzarote

Ägypten, Lanzarote, vielleicht sogar Mexico in Cancun, das Australische Great Barrier Reef oder die kleinen oder großen Antillen werden vom Massentourismus im großen Stil erschlossen. Diese Urlaubsreisen sind nicht mehr den oberen 10.000 vorbehalten? Es wird ein Boot gechartert, und in abgelegenen Gegenden wird an Riffen entlang getaucht oder geschnorchelt. Im Roten Meer bei Hughada oder Sharm el Sheikh zum Beispiel entstanden in den letzten Jahrzehnten Hotelstädte, die für den Mittelstand ausgelegt wurden. Dank Easy Jet und anderen Billigfliegern ist es ein Leichtes dort hin zu kommen und ein oder zwei Wochen am Pool oder Meer die Zeit verstreichen zu lassen. Dort kauft man sich Schnorchel und Taucherschlappen, bucht vielleicht eine Bootstour zu schönen Korallen Riffen und genießt die Unterwasserwelt. Die Motorboote ankerten noch vor 10 Jahren direkt am Riff, das ist mittlerweile verboten, oder sie gehen auf Schleppanker. Dort springen die Badenixen ins Waser und paddeln durch die Unterwasserwelt. Heute ist es verboten, die Korallen zu berühren, oder etwas abzubrechen, aber noch vor 20 oder 30 Jahren war das problemlos möglich. Und da wo Touristen sind, da ist auch Müll. Plastiktüten, -Flaschen –Deckel, Dosen usw. mäandern in den bereits abgestorbenen Küstenregionen neben Seegurken auf dem Meeresboden. Da gibt es nichts zu entdecken. In einigen Gegenden treten immer noch die reichen Touristen aus Oligarchenländern oder Staaten, die nichts von Umweltschutz halten, auf Korallenriffe, rauchen ihre Zigaretten und werfen die Stummel ins Wasser.

Photographie©Jason deCaires Taylor / CACT Lanzarote

Was nur geschieht im großen Stil: Wasserverschmutzung durch Industrien, wenn Mineralöle oder Pflanzenschutzmittel, andere Giftstoffe konstant in Wasser abgeführt werden? Der Mensch zerstört systematisch seinen Lebensraum. Der Künstler Jason DeCiares – Taylor adressiert das Vorgehen. Seine Skulpturengruppen zeigen Boatpeople im Schlauchboot auf dem Meeresboden gestrandet, Menschen mit Fotoapparat, die auf alles halten, Menschen mit Handies, die das Drum gar nicht sehen nur noch den Bildschirm, Menschen in Gruppen, die irgendwo hin gehen, nach unten, oben und nach vorne schauen, aber nicht inne halten, Selfie schießende Paare, selbstverliebte Gruppen, die einen Partner umarmen und die davor liegenden Nackten nicht sehen.

[1]Mit der Erwärmung des Meereswassers sondern Korallen spezielle Algen (Zooxanthellae), die in ihrem Gewebe leben ab, die Koralle wird weiß. Dieser Prozess wird Korallenbleiche, Coral Bleaching genannt. Es ist eine Auswirkung des, durch die globale Erderwärmung hervorgerufenen Anstiegs der Temperaturen des Meerwassers. Diese gebleichten Korallen leben noch einige Zeit weiter. Dennoch ist ihr Todesurteil unterschrieben, denn die Algen versorgen die Korallen mit Sauerstoff und Energie. Wird dieses symbiotische Zusammenleben von Alge und Koralle unterbrochen, stirbt die Koralle. Die Korallenbleiche ist ein Anzeigen für den Zusammenbruch der Symbiose. Seit 1980 wird ein weltweites Absterben der Korallenriffe festgestellt.

Meistens betrachtet der Mensch das Meer vom Land aus, schaut auf die Wasseroberfläche und zum Horizont, beobachtet die, in das Wasser eintauchende Sonne. Unter der Wasseroberfläche verändert sich die Lebensperspektive. Wer dort ist, erlebt Schwerlosigkeit, er schaut nach oben in die Helligkeit. Die Welt wird umgedreht. Die Skulpturen Parks erlangen den Status eines Museens, eines Unterwasser Museums eben, sie sind damit Teil eines Kulturellen Ausdrucks. In Granada wurde seine erste große Unterwasserinstallation 2006 versenkt und zu einem geschützten Meerespark ernannt. Sie wird vom National Geographic zu den 25 Weltwundern gezählt. Mal abgesehen davon, dass Fischer auch zu Museumswärtern werden. Sie bringen Touristen zum Museum und achten auf die Erhaltung der neuen Landschaft. Die zusätzliche Geldquelle gibt  ein Gefühl von Verantwortung und von Besitz. Land Art, Arterhaltung, ökologisches Gleichgewicht herstellend, selbstreflektierend. Wie gerne wäre die Autorin Taucherin.

Ursula Drees

Anmerkungen

Susan Smillie schreibt für den theguardian.com und für G2. Ihre Berichte sind in den Kategorien Reise Kunst, und Essen angesiedelt. Ihr Buch „The Last Sea Nomads, Inside the Disappearing World of the Moken“ wurde bei Guardian Shorts verlegt.

Das CACT (los Centros de Arte, Cultura y Turismo del Cabildo de Lanzarote) stellt ein Netzwerk verschiedenster Museen zum Schutz der natürlichen Umwelt und der besonderen Landschaft der Kanaren dar. Das Kunst-, Kultur- und Tourismus Zentrum ist ein lokales öffentliches Unternehmen. Sie verantworten einen unübersehbaren Anteil der wachsenden Wirtschaft der Kanaren dar. Es geht um die Verbreitung und Vermittlung einer nachhaltigen und erhaltenden Entwicklung zum Schutz des durch die durch die UNESCO ernannten einzigartigen Biosphären Reservats.  Das Museo Atlantico fungiert als artifizielles Riff zur Verbesserung und Aufbau der Flora und Fauna des Meeresraumes. Das Museum befindet sich in 12 Meter Tiefe südlich von Lanazarote, den Bahía de Las Colordas. Mit 2.5000 qm avanciert es zur Haupt Attraktion für Taucher und Schnorchler.

ein 3.04 minütlicher Film, durch das Museo Atlantico am 6. Mai 2017 veröffentlicht. Der Film beginnt mit Schwarz WEiss Aufnahmen, illumieniert die Skulputen in der Nacht und endet mit farbigen Eindrücken der Installationen..

https://youtu.be/oip5M3IJ4bI

ein  6.36 minütiger Film  von Jason deCaires Taylor und Mario AC Navarro über das MUSA (Museo Subacuatico de Arte) mit Skulpturen aus CanCus / Isla Mujeres, Mexiko und Grendada, West Indies. Das Werk heißt „Silent Evolution“. Neben der Dokumentation werden Making off Szenen zum Herstellungsprozess eingebunden.

[1] http://bildungsserver.hamburg.de/natuerliche-oekosysteme-nav/3611198/korallenriffe/ am 28.10.2017 „Tropische Korallen leben in Symbiose mit einzelligen Algen, den Zooxanthellen, die auf den Skeletten wachsen und so den Eindruck verleihen, es handle sich insgesamt um Pflanzen. Diese Symbiose kommt beiden Seiten zugute: Die Korallen beziehen durch die Algen Sauerstoff und Energie, die Algen von den Korallen Kohlendioxid, Stickstoff- und Phosphatverbindungen. Korallenriffe sind geologisch gesehen sehr alt und wachsen nur langsam.“ 

[2]Susan Smillie (2016): „Drowned world: welcome to Europe’s first undersea sculpture museum”, The Guardian, UK https://www.theguardian.com/artanddesign/2016/feb/02/drowned-world-europe-first-undersea-sculpture-museum-lanzarote-jason-decaires-taylor am 23.11.2017

Museo Atlantico Teil 3: „Bleached“ von Jason deCaires -Taylor

 

Vier Photographien – Portraits: es sind Nachtaufnahmen mit Blitz, der Hintergrund ist schwarz, die Kontraste scharf. Zwei Abbildungen sind Detailaufnahmen der Skulptur „The Raft of Lampedusa“, eine stellt ein Detail aus „Crossing the Rubincon“ dar und die Vierte ist eine Teilaufnahme aus einer in Mexico befindlichen Gruppe mit dem Titel „The Silent Evolution“.

Abb. 01: Crossing the Rubicon, (Detail), Lanzarote, Spain.  Image © Jason DeCiares – Taylor /CACT Lanzarote

Dieses Bild wurde von einer auf der Biennale in Venedig ausgestellten Fotografie mit dem Handy gemacht. In diesem Blog wird es nur deshalb verwendet, weil kein anderes vergleichbares vom Museo Atlantico gestellt werden konnte und der Künstler auf Reisen war und nicht erreichbar. Dennoch erscheint uns diese Aufnahme trotz der Reflektieren aussagestark. Die Hell und Dunkelkontraste machen das Bild lebendig, der Blick wird auf das Gesicht gelenkt . Die Aufnahme geht nah an das Motiv und die kleinsten Schalentiere und Muscheln lassen sich wunderbar erkennen.

Was hat das Meer mit dem Antlitz gemacht?  Das Gesicht mit geschlossenen Augen, Nasenrücken und Glatze. Der Körper leicht vorgebeugt und unbekleidet. Ist es Mädchen oder ein Junge? Der Blick scheinbar nach Innen gerichtet, ganz für sich, meditierend. Auf der Oberfläche haben sich feine, grüne Algen auf dem Kopf, zwischen Augen und Nasenrücken niedergelassen. So auch auf der Brust und den Schultern. Eine Art Bewuchs von Seepocken (kleine muschelartige Lebewesen) oder Ablagerungen, weiß, als sei Kopf und Körper mit kleinen Würmern befallen ist erkennbar. Sie liegen auf den Augenlidern, den Lippen im Nasenloch. Eine Invasion von Wasserwesen nimmt die Skulptur, den Körper ein.


Abb. 02: Crossing the Rubicon, (Detail), Lanzarote, Spain.  Image © Jason DeCiares – Taylor /CACT Lanzarote
Diese Fotografie wurde vom Museo Atlantico geschickt. aber es handelt sich hier nicht um eine Nachtfotografie, die Farben entwickeln einen lebendigen und saturierten Eindruck. 

Die Aufnahmen versprühen eine eigenartig anziehende und gleichzeitig abschreckende Wirkung. Wie nur sehen diese Skulpturen in den Fotografien aus? Ein Bärtiger wird gezeigt. Ist es Krieger oder Gott der Antike? Die große Nase, wulstige Augenbrauen, der Backen – und Oberlippenbart weisen aus dem Bild, die Aufnahme ist rückgewandt. Die Skulptur scheint zurück zu schauen. Stirn und Kopf sind ohne merklichen Bewuchs oder Befall, im Nacken grüne Algen, sie sehen wir Haare aus. Die Vermutung drängt sich auf, dass diese Skulptur bekleidet zu sein scheint. Verschieden farbige Meeresbewohner bilden eine zweite Oberfläche, werden zu Kleidung. In gleißendem Rot strahlt eine Koralle, dort wo der Bart, die Lippen, das Kinn sind, weiß die Nase, gerade noch die Augenhöhlen und der obere Kopf, Teile der Schultern, der Brust. andere Bereiche, wie der Hinterkopf oder die Schläfen sind bewachsen. Und auf der Brust ein stacheliger Seeigel. Er sitzt hoch auf dem Brustbein. Ist es eine Anlehnung an den [1]„Kopf des blinden Homers“ oder eine Fiktion an einen blinden Seher? Wer wird abgebildet?


Abb. 03: The Silent Evolution, (Detail), Mexiko Image © Jason DeCiares – Taylor /CACT Lanzarote


Abb. 04: The Silent Evolution, (Detail), ;Mexico. Image © Jason DeCiares – Taylor/CACT Lanzarote

Die Photographien strahlen eine eigenartige Faszination für diese Unterwasser Skulpturen aus. Fragen kommen auf. Welche Person soll das sein? Sind es Heroen, mythische Personen, Zitate an die römische oder griechische Antike, an die italienische Renaissance oder sind es Bildnisplastiken vom Menschen unserer Ära? Das lässt sich nicht sagen, aber Assoziationen dieser Art klingen bei der Betrachtung an. Die Übernahme der Natur durch Muschel und Schalentiere, durch Algen und Korallen fesselt die Vorstellung. Ist es eine feindliche Übernahme oder eine freundliche? Stehen sie als Mahnmal dort unten, verborgen für die Augen der Menschen? Bilden sie einen Lebensraum für die durch Menschenhand bedrohten Ozeane?  Werden die Plastiken durch die Ablagerungen zu unkenntlichen Formen? Erobern Meeresbewohner Raum zurück? Wird die menschliche Abbildung und Einmaligkeit verdeckt, werden Ecken und Kanten unscharf und schwammig? Sollen diese Skulpturen im Laufe der Jahre nicht mehr erkennbar sein? Oder werden sie aus toter Starre zu lebenden Abbildern, sollen sie wachsen, sollen sie zu Unterwasserlebewesen werden? Soll erst die Tiefe des Ozeans Leben einhauchen?

Sie kommen als tote Abbilder aus der Überwasserzivilisation und beginnen erneut in der Tiefe zu leben. Im Laufe der Jahre werden sie von Schalentieren und Korallen, von Algen und anderen Ablagerungen eingenommen. Alles Eckige  verschwimmt, geht ineinander über, wird sukzessive übernommen und integriert. Die Gesichter schmilzen, Brustkörbe, mit Krabben übersät, Seeigel bewegen sich langsam an Nacken und Hälsen in das Gesicht, Blasenalgen hängen sich an Schultern oder anderen Gliedmaßen. Die Tiere und Lebewesen formen Taylor’s Skulpturen nach, und hauchen ihnen ein anderes Leben ein. Die Skulpturen werden zu weichen Abstraktionen der Menschen.

Susan Smillie schreibt für den Britischen Guardian, taucht, kennt den Künstler, berichtet in regelmäßigen Abständen über ihn.  Sie besucht die Arbeit The Silent Evolution zwei Jahre nach dem Versenken ein zweites Mal und berichtet von roten Schwämmen, die das Gesicht bedecken und den Anschein von Narbengewebe machen. Es erscheint ihr als wären Gesichtsausdrucke sanfter; Nase, Lippen und Augen stechen hervor. Die Farbe ist strahlend und wirkt belebt. Eine violette Koralle hat sich unter einem Kinn angesiedelt, einige Hummer entdeckt sie am Fuß einer Skulptur. „Dies sind gute Zeichen für die Wiederbelebung eines Korallen Riffs“, schreibt sie.[2]

[1] Homer, Epimenides-Typus. München, Glyptothek

[2] https://www.theguardian.com/artanddesign/2016/feb/02/drowned-world-europe-first-undersea-sculpture-museum-lanzarote-jason-decaires-taylor