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Marina Abramović: „Balkan Erotic Epic“ in der Berlinischen Galerie

Marina Abramović (*1946, Belgrad) zählt zu den prägenden Persönlichkeiten der internationalen Performancekunst. Seit den 1970er Jahren untersucht sie den menschlichen Körper als künstlerisches Medium und erforscht Themen wie Schmerz, Ausdauer, Verletzlichkeit, Vertrauen und die Beziehung zwischen Werk, Künstlerin und Publikum. Ihre Arbeiten verschieben die Grenzen zwischen Kunstobjekt und Handlung und haben die Entwicklung performativer und partizipativer Kunst nachhaltig beeinflusst.

Abramovićs Werk darf mit ihrer Biografie verbunden werden. Sie beschreibt ihre Kindheit als von militärischer Disziplin, emotionaler Distanz und Kontrolle geprägt. Ihre Eltern, ehemalige Partisanen im sozialistischen Jugoslawien, erzogen sie mit großer Strenge. Gleichzeitig prägten die religiösen Rituale ihrer Großmutter, bei der sie ihrer ersten 6 Lebensjahre verbrachte, früh ihr Interesse an Spiritualität, Konzentration und Wiederholung. Diese gegensätzlichen Erfahrungen – Kontrolle und Transzendenz – bilden einen zentralen Referenzrahmen ihrer künstlerischen Praxis.

In ihren frühen Performances setzte Abramović den eigenen Körper extremen physischen und psychischen Belastungen aus. In Rhythm 0 (1974) überließ sie sich vollständig den Handlungen des Publikums und machte Mechanismen von Macht, Verantwortung und Gewalt sichtbar. Gemeinsam mit dem Künstler Ulay entwickelte sie zwischen 1976 und 1988 Arbeiten, die Vertrauen, Kommunikation und zwischenmenschliche Beziehungen untersuchten. Mit The Artist Is Present (2010) verlagerte sie den Fokus von körperlicher Grenzerfahrung auf die Intensität von Präsenz und stiller Begegnung und demonstrierte die emotionale Wirksamkeit minimaler performativer Mittel. Abramović hat den Begriff der Performancekunst nachhaltig erweitert. Ihre Arbeiten zeigen, dass der menschliche Körper selbst zum Medium werden kann und dass künstlerische Erfahrung nicht allein durch Objekte, sondern durch Präsenz, Zeit und die aktive Beteiligung des Publikums entsteht.

Was findet sich in der Berlinischen Galerie?

Der Einfachheit halber wird der Text der Berlinischen Galerie zitiert.

Seit 2005 arbeitet die Künstlerin an dem umfangreichen Werkkomplex „Balkan Erotic Epic“, nach dem die Ausstellung benannt ist. Inspiriert ist das Werk von regionalen Volksmärchen und -liedern; die darin überlieferten Rituale beruhen auf dem Glauben, dass menschliche Sexualorgane und Körperflüssigkeiten einen positiven Einfluss auf das alltägliche Leben haben können. Seit Beginn ihres künstlerischen Schaffens ist Abramović von naturreligiösen Ritualen fasziniert – vor allem von der Vorstellung, dass der menschliche Körper darin nicht als privates oder rein sexuelles Objekt erscheint, sondern als kollektive Ressource: ein Medium, mit dem Menschen gemeinsam dem Tod begegnen, Fruchtbarkeit sichern und das Gleichgewicht der Natur wiederherstellen.

Berlinische Galerie, Marina Abramović, Balkan Erotic Epic

Gleich zu Beginn wird die Ausstellung mit einer riesigen LED Wand eröffnet. Sie steht in der zentralen Halle im Erdgeschoss. Diese Eröffnung ist gelungen. Die Frauen schlagen sich in festgelegten Rhythmus auf die Brust. Der Bedeutungsraum ist vielseitig. Er reicht von „Ich bin es“ zu „Ich mache mich stark“. In den Traditionen des Balkans und anderer Regionen Europas wird die Erde als lebendiger Organismus verstanden. Erotische Gesten und Beschwörungen dienen nicht der Provokation. Sie gelten als existenzielle Praktiken zur Sicherung von Fruchtbarkeit, Ernte und kollektivem Wohlergehen. Symbole wie Penis und Vulva werden als Ausdruck schöpferischer, kosmischer Energie verstanden.

Sexualisierte Rituale als Zeichen von Fruchtbarkeit und der Leben schenkenden Fähigkeit findet sich in der Deutschen Kultur auch. Von romantischen Naturvorstellungen über Richard Wagners mythische Opernwelten bis hin zur nationalsozialistischen Ideologie des »Blut und Boden« wurde der weibliche Körper immer wieder mit Vorstellungen von Erde, Volk und Fortpflanzung verknüpft. Die Frau wird als Gefäss für Fruchtbarkeit angesehen, nicht als Subjekt. Sie ist ein Objekt der männlichen Phantasien ihrer eigenen Fruchtbarkeit. Weiblichkeit wird nicht aus der Perspektive weiblicher Selbstbestimmung gedacht, sondern als biologisches und kulturelles Versprechen, das sich in den Dienst eines größeren Ganzen stellt.

Es wird die Installation Magic Potions „Zaubertränke“ ausgestellt.

Der Raum wird in drei Teile geteilt. An der Stirnseite gibt es die grosse schwarz weiss Projektion einer vernebelten Landschaft aus der Penisse wie Pilze spriessen. Im Mittelraum werden die Penisse in überdimensionale Skulpturen überführt und da hinter befindet sich die Projektion einer flämischen Wissenschaftlerin. Sie analysiert sexuelle Riten als Forschungsbeitrag: sachlich, trocken, emotions befreit.

Wer etwas länger hinschaut erhält tiefe Einblicke in das Ritual der Fruchtbarkeit bei Männern und Frauen. Das Ganze erscheint ein bisschen absurd, aus der Zeit gefallen. Aber das ist es nicht. Mythen, Religion und Glauben halten sich starr in der Gesellschaft, bestimmen die grundlegenden Moralvorstellungen. Damit ist das alles schockierend, abstossend, Individualitätsenteignend. Die Frau als Objekt, nicht als Mensch. Das Patriachat gibt, die Frau empfängt und schweigt.

Eine weitere Installation heisst Slawic Soul, die Slawische Seele.

Es ist nur ein Teil einer Serie aus dem Jahr 2005. Ein Video. In der Mittel singt die jugoslawische Filmikone Olivera Katarina. Es handelt sich um ein russisches Lied aus dem montenegrinischen Epos Der Bergkranz, von Peta Petrovic Njegos aus dem Jahr 1846. Eine getragene Melodie, traurig, schwermütig. Es geht darin um die gewaltvolle Zwangsvertreibung und Ermordung muslimischer Gemeinschaften. Sie wurden in früheren Jahren für eine Durchsetzung des serbisch orthodoxen Glaubens angesiedelt. Es scheint ein propagandistischer Text zu sein. Es verherrlicht rassistische Gewalt nach dem Zusammenbruch Jugoslawiens. Gleichzeitig auch die Männlichkeitsvorstellungen des Nationalismus, eines jeden Nationalismus. Auf den ersten blick fällt die alles überspannende Figur der Sängerin auf. Sie ist flankiert von Männern in traditionellen Trachten.

Auf den zweiten Blick habe ich zumindest die erigierten Penisse bemerkt. Das hat bei mir zu etwas Erheiterung geführt. Habe ich mich doch gleich gefragt, wie die Männer es schaffen, bei dem Liedgut überhaupt noch an Sex denken zu können, geschweige denn sexuell zu reagieren. Aber die Frage wurde beantwortet, es wurden Pornodarsteller engagiert. Sie scheinen wohl auch in widrigsten Umgebungen noch performen zu können. Wobei auch die Idee im Raum stand, ob ein Cockring geholfen hat. Das kann hier nicht beantwortet werden. Jedoch ist die Botschaft dieser Arbeit sehr klar. Die Direktheit der Erzählung ist auch für einfach gestrickte Gemüter nachvollziehbar. Eine Qualität sicherlich.

Abramović gilt zudem als eine der Künstlerinnen, die den weiblichen Körper als autonomes künstlerisches Medium etablierten. In einer Zeit, in der Frauen in der Kunst häufig Objekt männlicher Darstellung waren, machte sie ihren eigenen Körper zum Ort der Selbstbestimmung und künstlerischen Handlung. Ihre Performances thematisieren Verletzlichkeit und Stärke gleichermaßen und hinterfragen gesellschaftliche Vorstellungen von Weiblichkeit, Macht und Kontrolle. Obwohl sie sich selbst nie konsequent als feministische Künstlerin positionierte, gilt ihr Werk als wichtiger Beitrag zur feministischen Kunstgeschichte. Sie etabliert den weiblichen Körper als selbstbestimmtes Instrument künstlerischer Forschung und nicht als passives Bildmotiv im kunsthistorischen Diskurs.

Fotos und Beitrag von Ursula Drees

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