Constanza Macras, geb. 1965 in Buenos Aires, ist eine argentinisch-deutsche Choreografin und Tänzerin, die seit den 1990er-Jahren in Berlin lebt und arbeitet. 2003 gründete sie das Ensemble DorkyPark, das sich durch experimentelle, gesellschaftskritische Performances auszeichnet. Macras’ Arbeiten verbinden Tanz, Gesang, Performance, ein mit Medien aufgewertetes Set Design. Ihr Stil ist exzessiv. Die Bildsprache, die Elektrobeats, die Körperlichkeit, die Vielfalt, alles assoziativ. 2025 feierte DorkyPark sein 20-jähriges Bestehen. Ab September 2026 endet ihre Tätigkeit als Hauschoreografin an der Volksbühne am Rosa-Luxemburg-Platz. „Goodbye Berlin“ ist ihr letztes Stück.

Die Inspiration zu diesem Stück kommt aus unterschiedlichen Quellen. Es ist der Abschiedsroman von Christopher Isherwood, ein halb-autobiografischer Roman aus dem Jahr 1939 mit dem Titel „Goodbye to Berlin“. Es wird die Dekadenz, künstlerische Blüte und der politische Umbruch der ausgehenden Weimarar Republik einfangen. Der Roman ist ein Abschiedsbrief an ein Berlin, das kurz vor seinem Untergang steht – eine Momentaufnahme einer Ära. Die soziale und politische Zerrissenheit der Zeit – Armut und Reichtum, sexuelle Freiheit und Unterdrückung, künstlerische Experimentierfreude und der aufziehende Nationalsozialismus wird porträtiert. Er beschreibt die Atmosphäre von Berlin, die sich im Rausch der Moderne verliert, während im Hintergrund die Bedrohung durch den Faschismus wächst.
Ebenso wird Kate Elswits Essay „Watching Weimar Dance“ (2014) zu Rate gezogen. Elswit verbindet Tanzgeschichte, Performance-Studies, Kulturwissenschaft und Theorie und zeigt, wie Tanz in der Weimarer Republik nicht nur als Kunstform, sondern als Forum für breitere Debatten über Körperlichkeit, Technologie und Moderne fungierte. Ihr Buch gilt als bahnbrechend für die Tanzhistoriografie, da es die traditionellen Herausforderungen der Tanzforschung (flüchtige Performances, lückenhafte Archive) in Stärken verwandelt – etwa durch die Fokussierung auf die Vielfalt der Zuschauerperspektiven.
Constanza Macras bezieht sich auf diese Zeit, zieht eine Parallele zu unserer Wirklichkeit. Sie deutet die Weimarer Republik als Spiegel der heutigen Zeit: Exzess, politische Polarisierung und die Bedrohung demokratischer Werte. Das Stück ist ein „Totentanz“.
Ein fulminantes Werk. 2 Stunden dauert es und ist nicht langweilig. Wenigstens fast nie langweilig. Natürlich gibt es ab und an Fragen, ob diese oder jene Szene wirklich so langatmig ausgebreitet werden müsste. Aber gemessen an der Tatsache, dass die Sitze in der Volksbühne an Unbequemlichkeit kaum übertroffen werden können und ich nur selten herumrutschen musste, ist das Stück absolut toll.

Die Szenografie wird klug gestaltet. Wenn ich bedenke, dass die kulturellen Einrichtungen an jeder Ecke knapsen müssen, es immer an Geld fehlt, ist es eine Leistung, die Medien so gekonnt einzusetzen, dass sie inhaltlich unterstützen, entsprechend gross sind, sonst machen sie keinen Sinn, schnell zu ändern sind und die Szenen Abwechslung erfahren. Die Bühne muss trotzdem leer sein, es muss Aktionsraum geben, und das bedeutet, es muss mit dem was bleibt, klug umgegangen werden. Dann lebt das Stück auf. Das hat hier statt gefunden. Effektlicht, Requisite, Bühnenaufbau, Toninstallation sind gut gesetzt und gleichzeitig auf das Notwendigste reduziert. Wobei beim Ton, das ist ein ausgesprochener Mangel, dröhnen die Lautsprecher, wummern vor sich hin und die Audioebenen vermatschen. Da fehlt es an moderner Technik und natürlich Geld. Schade auch.
Manche Techniken sind bekannt. Wie die Anfangszene, nachdem der Phönix die Bühne verlassen hat und ein erzählender Tänzer, Sänger, Schauspieler auf der Treppe die gleichzeitig als Fluggastbücke verstanden werden darf, die Geschichte eröffnet und im Hintergrund Aufprojektionen des alten Berlins zu sehen sind. Schön gemacht, aber alles andere als besonders.

Es ist ein wilder Strom durch die Möglichkeiten: durch Lust, Missbrauch, Tanzen, Präsentieren, Geniessen, Völlern; ein wildes Stoplern durch ein Leben mit vielen Drogen. Ein bewusstloses sich dem Strom des nahenden Untergangs ergeben. Alles tanzt und kolportiert, niemand denkt und kritisiert.


Die TänzerInnen sind wunderbar anzuschauen. Grossartige Interpretationen, man spürt die Kraft, die Wucht, die Entfesselung in den kraftvollen Bewegungen. Poledancing stellt ein starkes Bild dar. Ist es Prostitution und Kunst, Tanz oder Schau.


Die Nazis waren eine oppositionelle Partei im Bundestag ,nein Reichstag. Haben die wahren Gelüste hinter Gut Menschentum versteckt. So wie die AfD heute. Der Wunsch nach Macht und Anerkennung, nach Selbstbereicherung und Herrlichkeit treibt die AfD genauso an wie die damalige NSDAP. Leni Riefenstahl wird zitiert. Der Körper, die Kraft wird zu einer ätherischen Reinheit. Griechische Frauengestalten preisen die Ästhetik, gekleidet in leichten Gewändern der Antike.

Die blaue Marmorwand wird gedreht. Alles verkehrt sich ins Gegenteil. Von der Idealisierung des Menschen bleibt nichts übrig. Bondage, Schlagen, Kneten, Stampfen, Masochismus, Sadismus, die animalische, ungezügelte Körperlichkeit agiert zu Techno.

Die Stadt sucht sich selbst und mit ihr die Menschen. Alles tanzt, springt, zappelt und bewegt sich. Wild, rot und gefährlich, aber auch gefährdet. Wer sich betäubt, erkennt die Zeichen der Zeit nicht.


Und so kommt es zur Germanisierung. Es wird weiter geprügelt und vernichtet. Nur diesmal mit Propaganda und Programm.
Nach dem Krieg, wenn die Stadt hungert und sich erneut aufstellt, wird es lustig. Die Menschen tanzen wie eh und je. Verkaufen sich an die Amerikaner, sie werden zur Hure der Amerikaner. Sind im grünen Glashaus oder Käfig, reden wie John Wayne und verschenken sich erneut. Wieder mal wird die Medienebene zur Erzählebene.
Im kleinen Glaskasten sind die jetzt in neuer Verkleidung gefangenen Berliner, mit Perücken und Kimono tarnen sie sich, sie sind im Puff, nur diesmal müssen sie selber ran. Ein Kameramann nimmt alles auf, die Videoschleife projiziert das Bild auf eine davor schwebende Leinwand. Was klein ist, ist eigentlich gross.

Dann kommt Disco „Saturday night fever, night fever“. Bunt, exaltiert und als Paar. Es wird gesungen, dabei geschlagen, getreten und verdammt. Und immer ist die Lust körperlich. Ein heißes Treiben, ein sich zur Schau stellen, lieben, kränken, trösten, treiben, sich vereinen oder einfach nur animalisch zu spüren.



Bilder wiederholen sich, die Farbwelten wieder erkannt. Kaum ein Unterschied zur Vergangenheit und der Gegenwart. Macras deutet die Weimarer Republik als Spiegel der heutigen Zeit: Exzess, politische Polarisierung und die Bedrohung demokratischer Werte. So wird „Good Bye Berlin zum Wiedersehen, eine Mahnung, ein „Totentanz“. Die Vergänglichkeit von Freiheit steht auf dem Spiel, wir Vergessen die Vergangenheit und wiederholen uns erneut.

Es wird die Dekadenz der Goldenen Zwanziger bis zur heutigen Gentrifizierung und politischen Spannungen reflektiert. Good Bye Berlin sagt uns, dass wir am Abgrund stehen. Diesmal mit Matcha Latte im To Go Becher, mit androgynen Menschen in Glitter und Gold, die blind durch die Stadt stolpern, vor sich hin plappern, nicht s hörend und sehend und sich vor allem selber toll finden. Dabei leider das Denken ausschalten und im Taumel die AfD Propaganda nicht hören und nicht verhindern.

Im letzen Bild wird uns der Spiegel vorgehalten, wir sind verschwommen, aber wir sind es. Wir sind dran.
Beitrag und Fotos von Ursula Drees


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