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„Reflection Model“ von Takahiro Iwasaki

Dieser Beitrag behandelt die Arbeiten des japanischen Künstlers Takahiro Iwasaki auf der Biennale Venedig 2017. Ausgewählte Kunstwerke werden besprochen und erklärt.

[1]Takahiro Iwasaki (1975) wurde in Hiroshima geboren, lebt und arbeitet dort. Die Stadt ist in das kollektive Gedächtnis der Menschheit mit dem Atombombenabwurf der Amerikaner am 6. August 1945 eingegangen. Ein Desaster ohne Gleichen. 70.000 bis 80.000 Menschen wurden sofort getötet und in den Folgemonaten nach dem Abwurf kamen bis Ende 1945 noch 130.000 vorzugsweise Zivilisten hinzu. Als Folge der Langzeitfolgen der Strahlung wird heute noch eine nachweisbar höhere Menge an Krebserkrankungen der Bewohner festgestellt.

„Reflection Model“

Im japanischen Pavillon auf der Biennale in Venedig schweben hölzerne Tempel von der Decke. Diese Werke werden „Reflection Model“ genannt. Mit japanischen Zedernholz wie die tatsächlichen Tempel sind sie gebaut, und von oben nach unten gespiegelt, als schauten wir in eine stille Wasseroberfläche.

Five-story pagoda, Ruriko-Ji Temple, Yamaguchi; photo courtesy of Wakuwaku Zekkei Shasin Tabi (http://wakutabi.net)

Takahiro Iwasaki, Reflection Model (Lapis Lazuli); 2014; Japanese cypress, plywood, wire; photo © Inexhibit

Fensterläden, Deckenbalken, Dachschindeln, Säulengänge, Geländer, Dachfirste, Stockwerk für Stockwerk, Lampen, Zimmer, Treppen, Aufgänge, Türen, kurzum ein detailliertes Tempelmodel, aber gespiegelt. Kopfüber ein Teil, der andere wie es sein soll. Eine vollendete Symmetrie, harmonisch, geschlossen und stimmig. Trotzdem stellt die Reflektion eine Architektur auf den Kopf, und macht sie unbrauchbar. In der Spiegelung müsste kopfüber gebetet, gekniet, meditiert werden. Wenn etwas reflektiert wird, ändert sich der Blickwinkel und erweitert das Bewusstsein.

Der Künstler baut Miniatur -Industrielandschaften mit zerbrechlichen feinen Materialen. Sie sind so zerbrechlich, dass ein kleines Unglück, ein Anrempeln, ein Stolpern, ein Taschenschwenk, Rucksackrempler, Schirmstupser, eine Hundenase oder ein Kinderwagenrad alles in Grund und Boden fallen lassen kann. Beim Eintreten und Betrachten der Installationen interessiert die phantasievolle Materialwahl, die filigranen Miniaturindustrien, die pittoresk und liebenswerte Spielzeugwelt ; es wird die handwerkliche Fertigkeit, die Phantasie, wenn ein Schiff aus einer alten Konservendose auf der ruhigen Tischtuchsee mit Berg liegt, bestaunt. Photos werden gemacht, gestaunt und bewundert. Vielleicht schlagen die Besucher die Brücke zur Herkunft des Künstlers und erkennen sein Tun als Mahnung an Vergänglichkeit. Fukushima kommt ins Bewusstsein, DeepWater Horizon, Tschernobyl, Santos Chemieunfall im Rhein oder der vor Spanien havarierte Öltanker. Es ist die Auseinandersetzung mit Stabilität in instabilen Umgebungen. Hier wird an ein verantwortungsvolles Handeln für die Umwelt und Erde, für Menschen und unser Zusammenleben appelliert.

Plastikteller werden zu Hochseefabriken. Photographie © Ursula Drees

Es ist nicht nur Schönheit und Fertigkeit, es ist die Aufforderung, die Gegebenheiten des menschlichen Tuns aus der gegenüberliegenden Perspektive zu betrachten, zu sehen, zu erkennen, zu bewerten, zu meditieren und zu lernen. Und zu Verändern. Die Industriestätten dieser Erde als das zu sehen was sie sind: Energieproduzierende, den menschlichen Komfort unterstützende, hoch fragile Artefakte, die im Handumdrehen zu gefährlichen und todbringenden Orten werden, wenn die Politik weiterhin kopflos Kriegsszenarien entwirft und sie in einem gerne als Ernstfall betitelten Zustand umsetzt. Alles ist zerstörbar, ob gross oder klein: Städte, Landschaften, Länder, Industrien…alles.

Ursula Drees

[1] https://urano.tokyo/en/artists/iwasaki_takahiro/ am 25.10.2017

[2] https://de.wikipedia.org/wiki/Atombombenabwürfe_auf_Hiroshima_und_Nagasaki am 25.10.2017

Biennale 2017 Venedig

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