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Wang Qingsong: Fotografie, Hirshhorn Museum, Washington DC.

Nach dem Tod seines Vaters wurde Wang Qingsong gezwungen, seine Familie zu unterstützen. Er arbeitete jahrelang als Bohrer für eine Ölgesellschaft, bevor ihn seine Mutter ermutigte, mit Mitte zwanzig ein Kunststudium zu beginnen. Das war zu dieser Zeit ungewöhnlich. Die meisten seiner Kommilitonen in der Abteilung für Malerei an der Kunstakademie von Sichuan hatten Eltern, die traditionelle Künstler waren, und keine Arbeiter wie seine Eltern. Anstatt nach seinem Abschluss auf das Ölfeld zurückzukehren, zog er nach Peking, wo er die Fotografie in seine Arbeit einbezog.

Zunächst druckte er Bilder, die er aus Zeitschriften eingescannt hatte, auf Seidensamt, bevor er sich 1996 Photoshop aneignete, um digital überlagerte Werke zu schaffen. Nachdem er mit der digitalen Technologie nicht mehr einverstanden war, begann er im Jahr 2000 mit einem Pekinger Filmstudio zusammenzuarbeiten, wo er Modelle in aufwendigen Tableaus besetzte und inszenierte, die er in weitläufigen Panoramaszenen fotografierte.

Seine Panoramawerke wie Requesting Buddha Series No.1 und China Mansion sind gespickt mit Verweisen auf kanonische Werke der westlichen Kunstgeschichte, von Sandro Botticellis Geburt der Venus (1484 – 1486) über Edouard Manets Olympia (1863) bis zu Man Rays Ingres‘ Violine (1924). Diese Werke vereinen ein Übermaß an fremden Elementen zu schwungvollen, manchmal ostentativen Visionen des neuen China.

Die Panoramabilder sind voller Farbgewalt. Sie sind saturiert und eine verrückte Lebensfreude wird vermittelt.

Requesting Buddha Series No.1 (1999) Farbfotografie. Aus der Sammlung von Larry Warsh, Ausschnitt.
Requesting Buddha Series No.1 (1999) Farbfotografie. Aus der Sammlung von Larry Warsh, Ausschnitt.
Requesting Buddha Series No.1 (1999) Farbfotografie. Aus der Sammlung von Larry Warsh, Ausschnitt.

In China Mansion wird das Geschehen kommentiert, eher wohl interpretiert. Es wird gegessen, gevöllert sogar, die Frauen sind leicht bekleidet, oft verkleidet, betrinken sich, hängen rum, manche so betrunken, dass sie unter dem Tisch landen. (Leonardo da Vinci, Das Abendmahl, 1494–1498).

Oder Raffaels Die drei Grazien. Hier stehen sie vor einem Paravan, um sie herum andere Interpretationen der grossen westlichen Malkultur. Wie zum Beispiel Amedeo Modigliani´s „Liegender Akt“ (Nu couché). Gleich daneben liegt Edouard Manets berühmtestes Gemälde, die skandalumwitterte „Olympia“ (1863). Das Umfeld hat ausgeprägten Bordellcharacter. Die Darstellungen sind übertrieben, fast schon lächerlich. Und gleichzeitig werden der westlichen Betratchter*in bewusst, dass die Kunst eine Vielzahl von nackten Musen zu offerieren hat.

Als Betrachterin macht es Spass, das kunstgeschichtliche Wissen zu testen. Und dabei festzustellen, dass viele Motive zwar bekannt erscheinen, aber eine genaue Künstlerzuordnung nicht hinhaut. Dabei ist alles schon mal gesehen worden. In Katalogen, im Internet, vielleicht in den vielen Museen, die man im Laufe der Zeit gesehen hat.

Wie muss diese Fotografie auf andere Kulturen wirken? Was sagt das über die westliche Kultur aus? Was sagt es über die heutige Chinesische Kultur aus? Alles wird zitiert und verwäscht sich in der globalisierten Welt. Alte Traditionen bilden die heutige Welt nicht mehr ab.

Beitrag von Ursula Drees

Plantasia gewinnt

Der CommAward, der vom Comm Club Bayer ausgelobt wird und das schon seit einigen Jahren sehr erfolgreich, hat die Preise vergeben. Plantasia, ein interaktiver Erlebnisraum hat in den Kategorien „Raum, Design, Interaction Talent und Sound“ durch Qualität und Finesse überzeugt.

So auch der Communication Arts Interactive. Seit 1959 veröffentlicht Communication Arts die besten Arbeiten der visuellen Kommunikation aus aller Welt. Fragt man einen Kreativdirektor, welche Wettbewerbe die einflussreichsten sind, so steht Communication Arts ganz oben auf der Liste. Hier gab es eine Auszeichung.

Plantasia, ein interaktiver Erlebnisraum der Studioproduktion EventMedia, Hochschule der Medien, Stuttgart.
Selbstgeschaffene Künstlichkeit umgibt den Menschen. Wir leben in Wohnkästen, bewegen uns in Blechpanzern auf betoniertem Grund. Wir zerstören unseren natürlichen Lebensraum. Mit Plantasia tauchen Besucher:innen in eine unberührte, magische Naturwelt ein. Damit wird ein Zeichen für eine befreite neue Natur gesetzt.

Im Zuge unserer Kooperation mit dem ZSW liefert die Gruppe der Studioproduktion EventMedia eine Interpretation zum Thema „junge Energie“. Selbstgeschaffene Künstlichkeit umgibt den Menschen. Wir leben in Wohnkästen, bewegen uns in Blechpanzern auf betoniertem Grund. Wir zerstören unseren natürlichen Lebensraum.

Wir gratulieren für die vielen Auszeichnungen und Preise.

Beitrag von Ursula Drees

Trapped Inside Interactive Medieninstallation

Die interaktive Medieninstallation Trapped Inside handelt von unserer Sucht nach Ablenkung durch Social Media. Wir wollen vom Alltag entfliehen und denken, TIK TOK, Insta, Meta etc. mit ihren unterhaltenden, kurzen, trivialen  Inhalten können das erfüllen. Aber der stetige Medienstrom gibt uns nichts. Trotzdem bleiben wir dran. Wir sind Trapped Inside. Wir schaffen es nur unter Mühen aus dem medialen Käfig zu entkommen. Wenn wir es schaffen, sind dann nur noch erschöpfter.

Diese Installation wurde drei Mal beim CommAward ausgezeichnet. In den Bereichen: Design, Interaction Talent und Design.

Wer die Installation von oben betrachtet, erkennt die abstrahierte Form eines Strudels. Die Szenografie, der dramaturgische Aufbau von Trapped Inside spiegelt unseren Inhalt. Alles ist selbst gemacht: von der Idee bis zum letzten Klebestreifen. Bis ins kleinste Detail wurde im Team alles erarbeitet.

Zu Beginn wählen die Besucherinnen ihr Thema am Wish-Terminal. Hier  täuschen wir Customization und Personalisierung vor. Dann wird die Besucherin durch einen enger werdenden, gebogenen Tunnel in das Epizentrum der Installation gesogen. LED-Spiralen weisen im Medientunnel den Weg. Rhythmen und Social Media Sounds stimmen ein, Wind von hinten treibt die Besucherin in das Innere.

Dieser Gang ist in unterschiedliche Module aufgeteilt. So wird eine Verjüngung zum Inneren der Installation erzielt. Die Module selbst sind für sich allein stehende Elemente. Der Auf-und Abbau ist erleichtert.

Im runden Epizentrum, dem Medienstrudel, stellt sich die Besucherin auf den Infinity Mirror. Er suggeriert eine unendliche Tiefe, es endet nicht. Die Besucherin wird mit einer ungeheuren Masse an Videos und Tönen konfrontiert. Ein Fokussieren oder Erkennen ist unmöglich. auch lässt sich aus dem Audiostrom nichts bestimmtes Filtern. Dort wo der Blick hinfällt, verändert sich Form, Geschwindigkeit und Placement in geballter Form zu einer Videowolke. Wenn wir denken, dass wir nur lange irgendwohin schauen und meinen, jetzt etwas erkennen zu können, wird es durch die Medienwolke vereitelt. Wer woanders hinschaut, erkennt auch hier wieder, dass der Blick und Erkennen durch die lästigen Animationen und Bildwechsel versperrt bleibt. In Zusammenarbeit mit dem Institut für KI wurde eine Micro-Gesichtserkennung für die Blickrichtungserkennung verwendet. Das Tracking erfasst die kleinsten Kopfwendungen und die Medienwolke geht mit.

Es gibt kein Entkommen. Wir sind mitten drin, aber erkennen tuen wir nichts. Wie kann entkommen werden? Wollen die Besucherinnen entkommen?

Im Medienstrudel locken nach kurzer Zeit Stimmen aus der Ferne.

„Befrei dich!“ „Komm zu uns!“ Es sind Sirenen, sie verheißen Gutes. Gleichzeitig verbietet eine Stimme aus unmittelbarer Nähe, wie eine innere Stimme, ein Eingreifen. „Drücke nicht!“

Die Besucherin soll sich aus der Installation befreien. Sie ist erfolgreich, wenn sie den Emergency Button drückt. Erst will er gefunden werden, dann will er gedrückt werden. Das kostet Überwindung. Wir haben alle gelernt, dass man ein System nicht einfach so mir nichts dir nichts ausschalten sollte. Wer es tut wird belohnt.

Dann endet  der mediale Terror sofort. Schlagartig wird es still und alle Bildschirme gehen aus. Es wird ruhig und der Ausgangstunnel schaltet auf Grün. De führt direkt zur analogen Welt, die Chill Zone.

Dort ist alles echt: die grünen Pflanzen, der blaue Himmel, die Menschen, die Gespräche, die Gemeinsamkeit und Entspannung. Die Drinks, die Liegestühle – alles. Auch die anderen und jetzt wird miteinander gesprochen, gelacht und genossen.

Trapped Inside – Befreie dich aus dem Medienwahn

Das Team

Teilnehmer*innen

NameAufgabenStudiengang
Franz KreuzerMediensteuerung / Programmierung
Medientechnik / Planung
Ton
AM
Frederic Joël Seraphin WanderslebProjektmanagement
PR
MW
Henrieke FischerRegie
Fotografie / Grafik
Video
AM
Jana HörPR
Projektmanagement
Produktionsleitung
MW
Jürgen PopowVideo
Ton
Mediensteuerung / Programmierung
Medientechnik/Planung
AM
Katrin BezighoferSponsoring / Finanzen
Dokumenation
AM
Kseniia AnhornTon
Medientechnik / Planung
Fotografie / Grafik
AM
Kylie ChenDokumenation
Sponsoring / Finanzen
Bühne
MW
Lena IrmlerTutorin: Mediensteurung / ProgrammierungAM
Moritz HuberBühne
Mediensteuerung / Programmierung
Medientechnik / Planung
AM
Nadja PelzerProduktionsleitung
Regie
Bühne
MW
Nelli SchenkelFotografie / Grafik
Regie
Video
Bühne
AM
Ralf LandthallerMedientechnik / Planung
Ton
AM
Yannic HäbererProjektmanagement
PR
MW
Nadja WeberKonzeption, Interaktion, SensorikenLehrbeauftragte

Sponsoren

Bildergalerie

Laurie Anderson: Four Talks, Hirshhorn Museum Washington, DC.

Installation Four Talks von Laurie Anderson im Hirshhorn Museum, Washington, DC Foto von Serena Savage

Im Hirshhorn Museum, Washington DC, USA.

Installation Four Talks von Laurie Anderson im Hirshhorn Museum, Washington, DC Foto von Ursula Drees

Laurie Anderson ist eine der führenden Multimedia-Künstlerinnen unserer Zeit. Ihr innovatives Werk in den Bereichen Performance, Musik, Technologie und visuelle Kunst beeinflusst die Populärkultur seit mehr als vierzig Jahren. Im Jahr 2021 lud das Hirshhorn Museum Laurie Anderson ein, im Rahmen von The Weather – ihrer bisher größten US-Ausstellung – ein neues Werk vor Ort zu schaffen. Mehr als zwei Wochen arbeitete sie unzählige Stunden pro Tag im Museum. Sie malte direkt auf die Wände und Boden der großen Galerie.  Fast jeder Zentimeter wird mit Geschichten, Songtexten, Zitaten, Witzen und Kommentaren zu aktuellen Ereignissen bedeckt. Sie malt ohne Skizzen, Vorzeichnung oder Entwurf. Es ist malen ihres Bewusstseinsstroms. Die Installation ist persönlich, sie spiegelt Laurie Anderson während dieser zwei Wochen wieder.

Der Titel der Installation, Four Talks, bezieht sich auf die vier Skulpturen – ein Rabe, ein Papagei, ein Kanu und ein Regal, eigentlich das wankende Regal (Shaking Shelf). Sie sind im Raum verteilt und werden von einer prägnanten Geschichte oder Textpassage begleitet. Die Installation is monumental und konzeptionell, ein Meilenstein in ihrem künstlerischen Schaffen.

Installation Four Talks von Laurie Anderson im Hirshhorn Museum, Washington, DC Foto von Ursula Drees

Die Skulpturen stammen aus den Jahren 2010 bis 2020. Es ist der Papagei, der Rabe, das Kanu und das Regal eigentlich das wankende Selbst.

Es ist ein großer Raum. Schwarz weiße Bemalung mit Kommentaren, Gedanken, mit Poesie versehen. Eigentlich steht die Besucherin nicht nur in einer Art räumlicher Illustration, sondern im Gedankengut von Laurie Anderson.

Wer sich den Skulpturen nähert, wird sie reden hören. Sie erzählen Geschichten, reflektieren, mäandern und kommentieren.

Schon auf der Empore ertönt eine Hintergrundmusik. Ein Gong schlägt an, gefolgt von unhörbaren Gesängen. Es gibt Geräusche von Donner und Regen. Die Stimme von Anderson wiederholt: „Vogel, Vogel, Vogel“. Eine andere Stimme hallt im Hintergrund. Die Musik wechselt zu fließendem Wasser und Vogelgezwitscher, gefolgt von einem leisen, elektronischen Summen. Der melancholische Klang einer Geige setzt ein, gefolgt von Klavier. Vogelgesang kehrt zurück, vermischt mit elektronischen Klängen und dem Schlag eines Gongs. Klirrendes Metall deutet auf einen vorbeifahrenden Zug. Es erklingen Grillengezirpe, das Jaulen eines kleinen Tieres, vorbeifahrende Autos auf einer Straße und mechanisches Klopfen. Nach einer kurzen Pause setzt das Klavier wieder ein. Die Musik wechselt zu elektronischen Klängen, Zimbeln und Glocken. Anderson spricht und singt Phrasen, von denen nur einige hörbar sind, wie z. B. „der gemeine Rabe“. Es erklingt ein Cello, gefolgt von ätherischen Umgebungsgeräuschen, Regen und Donner. My Day Beats Your Year (The Parrot), 2010/2021 Schaumstoff, Metallständer, Elektronik und Klang

The Raven, Installationsausschnitt Foto von Serena Savage

Der Papagei spricht mit einer tiefen, computergenerierten Stimme, mit periodischen Pausen. „Ihre Stimme . . . Ihre Stimme war wie eine alte rostige Pumpe, die die Worte sehr, sehr, sehr langsam durch ein langes Rohr nach oben schickte, und wenn sie dann in ihrem offenen Mund ankamen, kamen die Worte heraus wie rostiger Draht, der lange Zeit im kalten Ton gelegen hatte. Ich habe wieder Drachen gesehen. Ja, das ist wahr. Ich gebe einer nackten Frau nicht gern einen Dollar. Das ist einfach meine Politik. Also erschieß mich. Genau so sehe ich das auch. Ach ja … soll ich das wiederholen? Schönheit in all ihren Formen. Komisch, dass Hass auch etwas Schönes sein kann. Wenn er so scharf wie ein Messer ist. Wenn er so hart ist wie ein Diamant. Perfekt. Und wenn wir sterben, werden unsere Körper zu Diamanten, zu Teetassen, nicht nur zu Kreide und Kohlenstoff. Zu viele Leute nehmen Prozac. Das denke ich auch. Diese falsche Fröhlichkeit, die jetzt überall herrscht, macht mich wirklich fertig. Ich meine, können wir nicht einfach herumlaufen und wir selbst sein? Es ist schon komisch, wie männliche Menschen von Pornografie so erregt werden können. Wenn sie ein Bild sehen – es kann sogar schwarz-weiß sein – können sie erregt werden. Ist das einfach ein Fall von schlechter Sehkraft? Liegt es an Schwachsinn? Oder ist es ihre erstaunliche Vorstellungskraft? . . . Es heißt, wer glaubt, dass die Technik seine Probleme lösen kann, versteht die Technik nicht und versteht seine Probleme nicht. Twiddledee dee. Twiddledee dum. Twiddledee dee. Twiddledee dum. Twiddledee dee. Twiddledee dum.

Installation Four Talks von Laurie Anderson im Hirshhorn Museum, Washington, DC Foto von Serena Savage

Meine Rückschau ist einfach nicht mehr das, was sie mal war. Die Augen in meinem Hinterkopf. Null der Zähler. Den Zähler auf Null stellen, den Zähler, den Zähler, bitte. Nimm den Zähler zurück. Den Zähler auf Null stellen. Nulle den Zähler. Ich erzähle meine Probleme ständig Leuten, die ich nicht einmal kenne. Was soll das alles? Ich bin ein Fremder in deiner Stadt. Wie ein Fleischklops in einem Weinglas. Wie ein Strauß in Stollenschuhen. Ein Hund mit Honig in der Nase frisst alles, was er sieht. Das sind ein paar Dinge, die mich wirklich krank machen. Nur damit du es weißt. Unterbrich mich, wenn du das schon mal gehört hast. Hey-hey-OK, OK, OK. Hey-hey- OK, OK, OK. Hey-hey-OK, OK, OK. Da hast du mich erwischt, Kumpel! Ein mitternächtliches Bad in einer Petrischale. Tanzen im Mondlicht mit ihrem Wigwam-Haar. O oooooooooo ah ha ha ha oooooooo ja. Oh, ja! Was soll ich sagen? Erinnerst du dich? Ja, ich erinnere mich. Ich erinnere mich. Ihre Augen leuchteten wie zwei sehr alte Glücksdollars. Die Stadt lag in Trümmern. Die Jahre 1959 und 1960. Ich erinnere mich gut an sie. Sie waren wie zwei kleine Mädchen, die Zwillingskleider trugen. Man konnte sie kaum auseinanderhalten. Und ich – und ich – mein Herz – mein Herz war gebrochen. Und es war … es war … einfach gebrochen. Einfach völlig gebrochen. Gebrochen, gebrochen. Wie ein gebrochenes Herz. Andere gebrochene Dinge… gebrochene Häuser, gebrochene Codes, gebrochene Träume, gebrochene Schallplatten… gebrochenes Englisch, gebrochene Regeln, gebrochene Beine, gebrochener Geist, gebrochene Pferde, gebrochene Versprechen… gebrochen, gebrochen, alles gebrochen… alles gebrochen… . . Setz dich hin und schreibe dir selbst einen Brief einen Brief einen Brief versuche, dich selbst zu erkennen und dich besser zu fühlen. Koche und esse deinen eigenen Kopf. Das ist, was ich sage. Tod, dieser Trottel, dieser Gauner, was für ein Widerling. Er tauchte in den neuen Maschinen auf. Holt die neuen Maschinen.

So geht es weiter. Eine endlos scheinende Tonschleife. Sie treibt die Hörerin durch die Assoziationen der dadaistisch anmutenden Sätze.

Installation Four Talks von Laurie Anderson im Hirshhorn Museum, Washington, DC Foto von Ursula Drees

Jede einzelne Skulptur hat eigene Gedanken oder Eindrücke. Manche sind kürzer, andere unendlich lang. Die Besucherin wandert durch den Raum, steht an den Skulpturen, hört hinein, wendet sich ab und liest die Texte auf den Wänden und Böden.

Alles kann nur durch stundenlanges Verbleiben entschlüsselt werden. Jede sucht nach eignen Texten, jede findet eine Ansprache, jede denkt nach und vergleicht mit eigenen Gedanken. Manche Texte sind witzig, manche ernst und tragisch. Ein großer Strom von Innerlichkeit in diesem Raum. So wie Laurie Anderson.

Beitrag und Fotografie von Prof. Katja Schmid

Yunchul Kim: Gyre, Korea Biennale Venedig 22

Gyre dominiert den Pavillion von Korea. Es ist eine grosse bewegliche Skulptur. 50 Meter lang und einige Meter breit. Sie erscheint wie aus der Matrix entsprungen zu sein. Erinnerungen an jene Szene, wo Neo’s echter Körper im Brutkasten in einer riesigen Zuchtanlage für Menschen liegt. Er wird aus dem Brutkasten gespült und anschließend gerettet. Diese Brutkastenzellen ähneln den Modulen von dieser Skulptur.

Wie kommt es zu dieser Assoziation? Die Module scheinen fluoreszierende Flüssigkeiten (Photonic-Kristalle) in sich zu tragen. Sie bewegen sich manchmal, schaukeln mechanisch hoch und runter und die Farben innerhalb des Moduls ändern sich. Es ist ein liquides Bild. Die Form der Zellen ähneln Skibrillen (mit Verlaub). Die Menge an Modulen, in Schleifen ineinander verwoben, ergeben ein lebendig erscheinendes, mechanisch klingendes Objekt. Die Installation hängt an Stahlstreben, von oben herab und befindet sich auf der Höhe der Menschen. Es kann umrundet werden.

Aufgenommen auf de Biennale 22 von Ursula Drees

Die schiere Grösse, die Verstrickungen, die Bewegung, die Farbvielfalt ziehen den Blick auf sich. Ganz abgesehen von der prominenten Position im Raum selbst natürlich. Die Gedanken gehen in viele Richtungen. Ist es eine mechanische DNA Kette? Ist es ein Überbleibsel aus der digitalisierten Zeit, eine Art Skelett eines noch zu entstehenden Dinosaurier-haften Wesens? Oder ist es vielleicht nur ein technologisches Experiment ohne weitere Bedeutung? Die letzte Möglichkeit wäre enttäuschend.

Detail von Gyre Photographie Ursula Drees

Schöne Kunst ist die Fähigkeit, eine Essenz, das Wesentliche einer Sache, einer Zeit, einer Phase zu begreifen und festzuhalten. Künstler sehen sich in der Lage, mit wissenschaftlicher Neutralität auf das Leben zu blicken. Sie geben sich wertfrei einer Betrachtung hin. Das wird zum Beispiel in der Malerei, Zeichnung, Bildhauerei durch den Wunsch der Erfassung von Form, Farbe und Umraum begründet.  Zeit, Muße, Können, Fähigkeit, Abstraktionspotential und ein durch Gestaltungswille vollzogenes Aufladen mit Bedeutung stehen dem vor. Es entspringt einer Lust und Fähigkeit der Freiheit zum Erschaffen, was wiederum einen Anspruch auf Allgemeingültigkeit erhebt.

Dem Künstler dieses Werkes wollen wir eine ähnliche Geisteshaltung unterstellen. Natürlich ist das Handwerkszeug in vielen Fällen ausreichend, um eine Besonderheit, Überzeugung, Glauben einer Gesellschaft, einer Epoche allein durch die Wahl des Mediums und dessen Bedeutungsraum auszudrücken. Hier ist es die Menge an technischen Elementen, an einer scheinbar eigenständigen Beweglichkeit, an der Überzeugung, dass Mechanisches, Digitales eine Art Versprechen auf eine schöne Zukunft in sich trägt. Es gibt einen strengen Gauben, dass Technik und Digitalität ein besseres, optimiertes (Arbeits-)Leben schafft, was wiederum uns, dem Menschen ein Leben ohne Arbeit verspricht. Maschinen, Roboter, KI’s erledigen unsere Geschäfte. Sie sind kalt, unemotional und berechnet und damit gerecht. Das wird in der Skulptur, ohne es explizit zu sagen, dargestellt. Aber ob der nächste Schritt, nämlich eine Kritik vollzogen wurde, bleibt offen.

Raumansicht von Gyre Photographie Ursula Drees

Raumansicht von Gyre Photographie Ursula Drees

Eine gerechte Maschine gibt es nicht, es ist ein Trugschluß. Denn auch sie werden von menschlichen Gehirnen entwickelt. Die Algorithmen werden von Menschen geschrieben und deren geistiger Stand und deren Wissen spiegeln sich in den Formeln wider. Ohne zu wollen werden Gruppen benachteiligt und diffamiert. Warum? Programmierer sind weder Philosophen, Soziologen, noch Erkenntniswissenschaftler. Leider konsultieren sie diese Denkgruppen nicht, wenn sie ihre Codes schreiben.

Detaillierte Zeichnungen als Vorläufer für das Werk. Detail von Skizzen zu Gyre. Photographie Ursula Drees

Deshalb ist das Heilsversprechen ein marodes. Ob diese Skulptur auch diese Bedeutung durch den Künstler eingepflanzt bekommen sollte, lässt sich nicht sagen.

Beitrag von Ursula Drees