Monthly Archives: April 2026
Sasha Stiles ist eine US-amerikanische Dichterin, Medienkünstlerin und KI-Anwenderin, deren Werk an der Schnittstelle von Literatur, Technologie und Konzeptkunst verortet ist. Als erste Generation einer kalmykisch-amerikanischen Familie reflektiert ihre Praxis Fragen von Sprache, Identität und kulturellem Gedächtnis unter den Bedingungen digitaler Transformation. (Kalmykisch bezeichnet sowohl eine westmongolische Sprache als auch das dazugehörige Volk, das hauptsächlich in der russischen Teilrepublik Kalmückien an der Wolga lebt. Sie sind das einzige überwiegend buddhistische Volk in Europa. Die Sprache ist zentralmongolisch (oiratisch), wird kyrillisch geschrieben und ist als gefährdet eingestuft.)
Seit etwa 2018 zählt Stiles zu den Stimmen im Feld der künstlerischen Auseinandersetzung mit künstlicher Intelligenz. Zentral für ihr Werk ist die Entwicklung hybrider Autorschaftsmodelle, insbesondere die Zusammenarbeit mit ihrem KI-Alter Ego „Technelegy“, einem eigens trainierten Sprachmodell, das ihre poetische Stimme erweitern und transformieren soll. Ob dies ein Wunsch ist oder realisiert wird, lassen wir offen.


Stiles versteht Poesie nicht als literarische Gattung, sondern als epistemisches und technologisches System: Sprache fungiert bei ihr als Material, Medium und Interface. Ihre Arbeiten verbinden algorithmische Verfahren, Datenstrukturen und poetische Traditionen zu einer „generativen Poetik“, die das Verhältnis von Mensch und Maschine definiert. Ist es tatsächlich eine Definition oder wird vor allem mit Sprache und KI gespielt?

International wurde sie u. a. durch Ausstellungen in Institutionen wie dem Museum of Modern Art, dem Lincoln Center oder durch Beiträge zu Art Basel bekannt. Ihre Arbeiten wurden mehrfach ausgezeichnet (u. a. Prix Ars Electronica, Lumen Prize) und tragen wesentlich zur Etablierung von KI-basierter Literatur als eigenständigem Feld der Gegenwartskunst bei.
Das Werk A Living Poem (2025) ist eine generative, audiovisuelle Textinstallation, die kontinuierlich neue poetische Inhalte produziert. Die Arbeit ist als „unendliches Gedicht“ konzipiert, das sich in regelmäßigen Intervallen – etwa stündlich – selbst neu schreibt.

Im Zentrum steht ein dynamisches Zusammenspiel aus:
• algorithmischer Textgenerierung (Custom Language Model, Prompt-Architektur),
• kuratierten Datensätzen (u. a. poetische Archive und Museumsbestände),
• visuellen Elementen (wechselnde Typografien, darunter „Cursive Binary“),
• und auditiven Komponenten (Stimme, Klanglandschaften).
Das Werk wurde 2025 erstmals im Museum of Modern Art präsentiert und 2026 im ZKM | Zentrum für Kunst und Medien Karlsruhe im Rahmen der Ausstellung THE SCREEN gezeigt, wo es als eine von drei Positionen zur künstlerischen Auseinandersetzung mit künstlicher Intelligenz präsentiert wird. Die Installation ist nicht als abgeschlossenes Objekt zu verstehen, sondern als prozessuales System: ein „Gedicht in Residence“, das sich in laufender Interaktion mit Daten befindet.
Was sollen wir davon halten?
A Living Poem hinterfragt den Begriff der Autorschaft. Anstelle eines singulären schöpferischen Subjekts tritt ein verteiltes System aus menschlicher Intention und maschineller Agency. Die Autorin wird zur Kuratorin von Prozessen, während die KI als ko-kreativer Akteur agiert. So kann es geschrieben werden. Aber es kann auch anders geschrieben werden. Nämlich dass es ein ausprobieren mit Poesie und KI ist. Dass die KI Iterationen schafft, vorsichtshalber als Zitat der DADAismus Bewegung
Damit verschiebt Stiles die klassische Dichotomie zwischen Autor und Werkzeug hin zu einem Modell „hybrider Intelligenz“, in dem Kreativität als emergentes Phänomen verstanden wird.
Eine solche Darstellung ist möglich. Aber es geht auch diese hier.
Die Künstlerin experimentiert mit dem Trend-Tool KI. Sie macht im Jahr 2025 genau das, was andere bereits im Jahr 2018 gemacht haben. Sie hat einen Algorithmus ausgewählt, ihm einen medienwirksamen Namen gegeben, um den Grad an künstlerischer Besonderheit zu erhöhen. Dann hat sie ihn trainiert. Das ist nichts Neues. Jeder Algorithmus wird trainiert. Die Frage ist, welche Ressourcen vorliegen. Sollte sie ausschließlich auf ihre Werke und ihre Stimme zurückgegriffen haben, um die KI mit diesen Daten zu trainieren, dann ließe sich diskutieren, ob darin nicht doch ein Fünkchen Kunst zu finden ist. Aber selbst dann würde ich die Frage stellen: Was macht es besonders? Ich nehme meine Daten und lasse sie durch eine KI verarbeiten. Es kommen Iterationen heraus. Mehr nicht. Kein eigener Gedanke, keine eigene Kreativität. Sollte sie jedoch, wie so viele andere, auf die kulturhistorischen Schätze ihres Genres zurückgegriffen haben, wäre das nicht nur ein Hintergehen der Autorschaft, sondern auch das Schmücken mit fremden Federn. Das wäre fatal.
Sasha Stiles ist die Schöpferin der Konzepte und des Trainingsdatensatzes, während die Algorithmen auf modernen KI-Sprachmodellen basieren, die sie künstlerisch einsetzt. Es lässt sich sagen, dass Sprachmodelle wie GPT-2/3, auf ihre Daten abgestimmt werden. Das ist Informatik. Informatik bedeutet nicht Kunst, sondern die Anwendung von Wissen. Es ist, als würde ich einen längeren Brief auf Französisch schreiben. Ich verwende eine andere Sprache, um etwas auszudrücken. Das halte ich nicht für Kunst.
Ich stelle mir vor, dass ich die verschiedenen Bell-arten meines Hundes in eine KI einspeise. Natürlich müsste ich über Jahre hinweg Sounddaten aufnehmen, dass ein erheblicher Datensatz dabei raus kommen. Ich speise es in eine KI ein und lasse sie damit generieren. Es kommt etwas heraus. Irgendetwas. Vielleich tist es verwunderlich, humorvoll, lustig sogar, aber Kunst? Nein es ist ein Experiment mit LLMs. Das Ergebnis ist dementsprechend langweilig.
Der Raum ist gut inszeniert. Ein sehr großer, hochkantiger Screen zeigt in einem schwach beleuchteten Raum, in dem Sitzsäcke, wie es gerade hip ist, ausgelegt sind und auf die BesucherInnen liegen und nichts anderes tun, als auf den Screen zu starren. Vielleicht schaut man auch ins Handy und checkt schnell Insta. Oder macht ein Nickerchen. Alles geht. Wenn von Interaktion gesprochen wird, dann muss es sich ausschließlich um die Mensch-Maschine-Interaktion handeln, bei der der Algorithmus angelernt wird. Die Künstlerin spricht in ein Mikrofon, und diese Daten werden aufgezeichnet. Eine Interaktion mit den Besucherinnen und Besuchern ist nicht zu erkennen.
Die Ergebnisse der KI sind inhaltlich irrelevant. Natürlich können die BetrachterInnen viel in einen Satz wie z. B. „MY RELIEF LOOPS AROUND YOURS” hineininterpretieren.




Aber nun ja, es ist Zufall, es ist nicht besonders kreativ. Wenn ich dann in generischen Kacheln Worte wie: You Answer, I Answer, You Ask, You Answer, You Answer und You Ask lese, dann ist kurzzeitig ein Hauch von Dadaismus zu verspüren. Die Oberflächlichkeit dieser Präsentation ist kaum zu übertreffen.


Wenn ich mich ein bisschen anstrenge, kann ich ein Tetris-Muster erkennen. Vielleicht könnte ich mich fragen, ob das eine Bedeutung hat. Aber es ist willkürlich. Es ist ja nicht mit Sinn und Verstand entstanden, sondern zufällig. Dann muss ich auch nichts hineininterpretieren.
Es ist langweilig und verlorene Zeit. Es ist Zeitgeist, aber ein sinnleerer Zeitgeist. Wenn die Künstlerin genau das zeigen will, wäre es begrüßenswert. Leider scheint dem nicht so zu sein.
Sie probiert eben auch KI aus.
Beitrag von Ursula Drees
Alle Photos wurden von der Autorin im ZKM mit einem Iphone gemacht.

