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Prix Ars Electronica 2016: Jller: Prokop Batonicek (CZ), Benjamin Maus (DE)

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Anerkennung Interactive Art

Die Jller, ein deutscher Fluss mit vielen Kieselsteinen im Flussbett. Jeder Stein hat eine eigene Geschichte, Herkunft, Lebensdauer und ein geologisches Alter. Die beiden Künstler haben eine Sortiermaschine für die Steine entwickelt. Langsam werden die wahllos auf einer weißen Fläche verteilten Steine in eine chronologische Form gebracht. Die Maschine bestimmt angeblich den Typ des Kiesels und analysiert deren Alter. Wie sie das schafft, wissen nur die Künstler. Dabei sind die Kategorien, die Bewertungsparameter und der Rechenweg zur Auswahl von Interesse. Denn wenn die Kunstwerke für Interaktivität und damit für Rechnereinsatz und Leitung ausgezeichnet werden, ist es wissenswert was dahinter steht. Wieviel Zufall ist in der Auswahl enthalten?

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Wie wird das Alter analysiert? Ist eine glatt geschliffene Oberfläche der Indikator für langes Liegen im Flussbett? Ist es die Zusammensetzung der Mineralien, ist es die Farbe, die Größe? Scheinbar ja, denn die Maschine ordnet nach dominanter Farbe, sogar nach Farbzusammensetzung, nach Linien, Schichtung, Muster, Körnung und Oberflächenstruktur. Es handelt sich um formale Parameter, weniger qualitative. Das wird im Erklärungstext suggeriert. Vom geologischen Alter wird gesprochen. Vielleicht ein Mittel um das Werk zu erhöhren. Reicht nicht das, was ist? Es wird erwähnt, dass der Fundort des Steins genau dokumentiert wird, dass die Maschine mit einem Bilderkennungssystem arbeitet, dass jeder Stein während der Ordnungsfindung ununterbrochen verortet wird.

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Auf dem weißen Präsentationsgrund werden Steinmuster langsam, scheinbar bedacht, methodisch ausgelegt. Die Zeit spielt eine Rolle. Die Ordnung dauert tagelang. Dabei entstehen immer neue Bilder und Muster. Fast wie ein Webstuhl für Steine. Das Resultat ist ästhetisch ansprechend. Es atmet Ruhe und Klarheit.img_9319

Prix Ars Electronica 2016: Can you hear me? Mathias Jud, Christoph Wachter (CH)

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Goldene Nica im Bereich Interactive Art

Dieses Werk ermöglicht in den Netzen der Geheimdienste Meinungen zu hinterlassen. Diese Netze der NSA, des BND´s ider des GCHQ, dem britischen Geheimdienst stehen im Normalfall nicht zu Verfügung. Es sind Kommunikationsbereiche, die nur wenigen vorbehalten sind, sie sind getrennt für die Bürger und wichtig. Ein Paralleluniversum von Überwachung und Kontrolle von Seiten der Regierungen. Wer sieht und hört, schreibt und denkt was genau? Diese Netze repräsentieren Macht. Jud und Wachter wurden in Berlin in die Schweizer Botschaft eingeladen und haben eine unübersehbare, gar nicht versteckte, gar nicht geheime Antenne auf dem Dach installiert. Der Ort ist gut gewählt, befindet er sich strategisch an der US Botschaft und der Britischen.

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Auf deren Dächern befinden sich wohl versteckte, gut getarnte Abhörantennen. Und diese Antennen griffen automatisch auf das offene, freie und nicht zensierte Netz der Künstler zu. Jedermann und Jederfrau mit WLAN kann diese Netzt für einen offenen Meinungsaustausch nutzen. Und wird geheim gleichzeitig von den Antennen der NSA und GCHQ abgehört. So finden die Worte und Gedanken einen Weg in die abgeschirmte Welt der Abhörstationen. Das Netz der Künstler wird zum Meinungswerkzeug vielleicht ausserhalb einer subjektiv initiierten Gefühlswelt. Vielleicht ein Weg in Augen und Ohren, die daraus Wissen ziehen. Das wissen wir so wenig wie die Künstler selbst.

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Ein Antennen-Duplikat ist auf dem Dach des Ursulinenklosters in Linz während der Zeit der Ars Electronica installiert. Diese Antennen sehen handgemacht und wie eine experimentelle Technikspielerei aus. Sie sind stümperhaft und erwecken den Eindruck größter Harmlosigkeit. Hier kann nichts Ungeregeltes oder Subversives stehen. Wer nicht weiss, was sich hinter der Installation versteckt, geht vorbei, schüttelt wegen der Stümperhaftigkeit der Installation den Kopf. Die Idee zählt, die formale Umsetzung auch, denn sie bewirkt keine bösen Gedanken.

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Ars Electronica_Postcity: Nervous System (US)

 

Das Kinematics Dress und Floraform.

Das Kinematics Dress ist aus unterschiedlich grossen Dreiecksmodulen, die wie Puzzle zusammen steckbar sind im 3 D Drucker aus Plastik entwickelt. Hier geht es um den Fertigungsprozess. Der ist neu, ein modulbar gedrucktes Kleid oder Kleidungsstück. Wer einen 3 D Drucker hat kann mit entsprechenden Programmsteuerungskenntnissen  seine Garderobe verbessern. Die Dreiecke müssen nicht mehr zusammen gesteckt werden, das spart Zeit, der Drucker druckt das Ganze in einem Satz. Wie lange gedruckt wird, ist noch unklar, aber da wird die Industrie Lösungen finden. Übrigens wird von 4 D Druck in den einschlägigen blogs gesprochen. Sie übernehmen die vorgeschlagene Nomenklatur der Macher Jessica Rosenkrantz und Jesse Louis-Rosenberg aus US Massachusetts.

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„4D printing refers to 3D-printing something in one shape that is intended to be in another shape,“ creative director Jessica Rosenkrantz. „The design transforms into its final configuration without manual labour. The shape it is printed in may be advantageous for various reasons: faster, cheaper, or printing larger objects in a smaller volume.“

4D Print bezieht sich auf den 3 D Druck und der zeitgleichen Assemblage, dem Zusammenfügen von Modulen zu einer grösseren Form.  Die Gestalt wird direkt produziert. Es gibt keinen weiteren Fertigungsschritt, es werden keine weiteren Hände benötigt. Es ist schneller, kostensparender und es können grössere Objekte in kleineren Auflagen gefertigt werden.

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Das Kleid selbst hat wie alle 3 D hergestellten Produkte eine überschaubare Komplexität und einen geringen Anspruch an Schnitt und Material. Ein Hänger, aber immerhin schon in einem schönen Yves Klein Blau, und wie immer aus Plastik. Wie wird es angezogen?

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Es ist tailliert, gibt es einen Verschluss irgendwo? Es kann abgesprüht werden wenn es schmutzig ist und klein zusammen gelegt werden, es zeigt wenig Abnutzungserscheinungen. Ein Unterkleid ist vielleicht angemessen, der Tragekomfort von Plastik auf Haut ist gering. Die Module sind hart und bei Drehung und Kippung wird Haut gezwickt. Schweiss und Geruchsentwicklung sind abzuschätzen. Es sind Prototypen. Wenn 3 D Drucker flexible, atmungsaktive, geruchsabweisende Materialen drucken, wird die Textilindustrie revolutioniert. Das Schneiderhandwerk wird zu einer Kunstform, nur wenige werden in wenigen Jahren noch nähen.

Floraform

Die gleiche Technik wird auf Schmuckherstellung übertragen. Damit fingen sie an. Sie haben eine Nylonschmuckcollection hergestellt. Anfangs kragenähnliche Colliers, jetzt bereits komplexe und filigrane Formen. Anhänger für Ketten, Dekoration für Zimmer, und Fingerschmuck. Manche Objekte werden als Edelmetallschmuck ausgestellt. Der Drucker dient als Kompositionshilfe  und das Schmuckstück wird letztendlich von einer Goldschmiedewerkstatt in Handarbeit als Unikat gefertigt. Es ist ein Schnitt im Bereich Konzept und Prototyp gemacht.

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img_9195Die Formen werden durch generische Rechenprozesse entwickelt. Das Vorbild für die Formen ist die Natur, es ist der Wachstumsprozess von Blättern oder Blüten. Der Kohl und Salatblätter ist der Pate für die Floraform: Weisskohl, Grünkohl, Rotkohl, Endivien usw. Der Wissenschaftliche Beitrag von  L. Mahadevan “Growth, geometry and mechanics of the blooming lily” stellte die Initialzündung dar. Es wird über den Wachstumsmechanismus von Blüten gesprochen. Dieser natürliche Wachstumsprozess wurde simuliert und dient als Grundlage für die Designs.

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Die Schmuckstücke erinnern an Korallenriffs. Die Farben unterstützen diese Impression. Sie werden Floraform genannt und das zu Recht.

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Ars Electronica 2016: usomo mit besonderem Hörraum

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Ein Hörraum mit an die Sinne tretende Hörbilder, das ist die Installation von Usomo auf der Ars Electronica. Am Eingang gibt es die Kopfhörer und ein Handy für die Ortung und die Geräuschlandschaften. Der erste Raum, ganz weiß bis auf schwarze Kreise am Boden und schwarze Kugeln von der Decke auf Augenhöhe wird betreten. Die Kugeln dienen als Anhaltspunkt, als Koordinaten, als Leitsystem für den Hörer. Sie sind nicht notwendig, aber die Besucher wollen Orientierung im Hörbilderraum. Mit der Annäherung an die Kugeln werden die Geräusche voller, klangstärker, umfassender und vorstellbarer. Der Kreis am Boden sagt, was es zu hören gibt. Auch das ist nicht notwendig, aber eine Hilfe. Denn usomo heißt nicht umsonst unique sonic moments. Es werden Hilfestellungen gegeben. Nicht weil die Besucher des Hörens und Identifizierens nicht mächtig sind, sondern weil das Hören als Vorstellungssprache schwer ist. 03

Im Alltag hören wir alle möglichen Geräusche und vor allem versuchen wir in öfter wegzuhören. In diesen Räumen wird das Hören zum Mittelpunkt. Aber wer hört schon ganz genau? Die Kodierungen für Ikonographische Verschlüsselungen kennen wir vielleicht, die der Auditiven Kodierungen weniger. Es geht um Bewusstwerdung der Hörsemiotik. Ein blindes Raumdurchschreiten ist möglich mit diesem System. Denn das System erfasst auf wenige cm die Position des Besuchers und passt nach dem Ort der Hörquelle die zu hörende Distanz an. Bin ich 4 Schritte von einem Hörbild entfernt, dann höre ich es so. Nämlich genau 4 Schritte entfernt. Da werden Töne und Geräusche in einen räumlichen Zusammenhang gebracht. Der Hörer begreift dass etwas weiter hinten steht, oder etwas an der linken Seite oder rechten Seite zu hören ist. Es ist ein horizontal 3 dimensionierter Hörraum.

Eine neue Erfahrung stellt sich ein. Eine intensive unmittelbare Hörerfahrung. So haben wir schon lange nicht mehr gehört. Es ist nicht das Erlebnis in einer Philharmonie, wo der Hörer unbewegt die Klangkulisse erforscht oder genießt. Hier bewegen sie die Hörer um die Kulissen herum und diese regieren auf die Körperposition. Die Hörbilder vereinnahmen den Besucher. Es ist unmittelbar und berührt. Die Bewegungsfreiheit macht das Erleben zu einem Abenteuer. Die Hörräume werden festgelegt, für uns über die Ohren zu erfahren aber doch „dingliche“ Fixpunkte.

Es geht durch einen Flur, ausnahmslos grafisch schwarz weiß gestaltet. Neben den Hörbildern kommen abstrakte Muster und Bildgründe hinzu. Die Übereinstimmung Sehbild und Hörbild erzeugt eine meditative und konzentrierte Stimmung. Jede grafische Musteränderung bedeutet Hörabenteuer. Abstraktion birgt Raum für wilde Tonlandschaften und -Abenteuer. Die Besucher stürzen sich hinein. Sie sind sicher im Umgang und dem Erleben, der inneren Einbindung steht nichts im Wege. Ein holistisches Erlebnis.

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Es gibt Streifenbereiche, Felsenbereiche, Tiefenbereiche, Höhenbereiche. An manchen Stellen haben die Künstler tatsächliche Objekte platziert. Steine zum Beispiel, oder ein Video, oder eine Fliege. Wie hören sich Steine an? Mal ein geschliffener Granitstein, oder der mit der eher löchrigen Oberfläche? Dann wäre da noch einer mit einer eher scharfkantigeren Oberfläche. Wer sich fragt, wie sich das anhört sollte sich nach Lichtenberg in die Atelierräume in Berlin bewegen. Denn die Ars Electronica ist vorbei und der Raumwurde dort wieder aufgebaut.

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Die Trackingsoft- und Hardware ist selbstentwickelt. Damit werden die virtuellen im Raum platzierten Soundquellen geortet. Wenn der Besucher sich bewegt, berechnet das System den zu hörenden Ton in Echtzeit, in Abhängigkeit seiner Position und Ausrichtung zu den einzelnen Tonquellen. Und das mit großer Präzision. Steffen Armbruster der CEO sagt die „Genauigkeit ist mit 20 cm auf der Webseite angegeben, wir sind aber im Normalfall 10 cm genau oder besser “ und 1 Grad in der Rotation bestimmten. Diese Bezeichnung sei aber die schlechteste zu erwartende, in der Regel erfasst das System bis auf ca. 4 cm die Position. 4 cm! Das lassen wir uns mal auf der Zunge zergehen. Das ist sehr exakt, exakter als viele andere Systeme. Wer sich minimal dreht wird es tonal wahrnehmen.

Mal abgesehen von diesem erlebten Raum von der Ars Electronica, das System kann einiges mehr.

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Zusätzlich zu einzelnen Tönen können auch beliebig viele Soundscapes in definierten Bereichen im Raum geschaffen werden, die der Benutzer durchläuft. Die Anordnung der Soundquellen ist räumlich. Die Soundscapes werden erforscht. Das macht Spaß. Und hier macht sich das Füllhorn an Einsatzmöglichkeiten auf. Hier geht alles was in Räumen ist. Sei es für Wirtschaft und Industrie auf Roadshows, für erlebnisgetriebene Räume wie in Museen oder Messen, Expos oder sei es im Bildungsbereich. Und wenn Sprachen wichtig werden, dann steht dem logischerweise auch nichts im Weg.

Auf der Website steht „Hören wird Fühlen“. Stimmt.

Ich danke Steffen Armbruster für seine Zeit im Lichtenberger Atelier. Seine Frau Ulli und er haben sich über eine geschlagene Stunde Zeit genommen. Vielen Dank.

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Credits:

Idee und Konzept: Steffen Armbruster – FRAMED immersive projects GmbH & Co KG

Spacial Soundsystem: usomo 

Sounddesign: Antye Greie-Ripatti – AGF (Link: http://www.antyegreie.com)

Spacial Design: Marc Osswald