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„Faust“ von Anne Imhof, auf der Biennale Venedig 2017, der Deutsche Pavillon.

Dieser Beitrag behandelt die Installation, Performance, Kunst von Anne Imhof im Deutschen Pavillon der Biennale in Venedig 2017.

Die Künstlerin

[1]Anne Imhof wurde 1978 in Gießen geboren, studierte in der Hochschule für Gestaltung in Offenbach Fotografie[2]und graduierte 2012 an der Städelschule in Frankfurt am Main. Sie malt, zeichnet, nimmt die Videokamera zur Hand und macht Musik. Installationen, Performances charakterisieren ihr Werk. 2013 erhielt sie ein Atelierstipendium der hessischen Kulturstiftung in Paris, 2015 den Preis der Nationalgalerie, 2016 lehrte sie als Gastprofessorin an der Akademie der Bildenden Künste München. Ihre Arbeiten wie die Oper „Angst“ wurden in Basel, Berlin, Montreal gezeigt. Performances wie „The School of the Seven Bells“, „Aqua Leo“, „Rage“, „Deal“ wurden u.a. in Einzelausstellungen im MOMA PS1, dem Carré d’Art – Musée d’art contemporain de Nîmes (2014) und in New Jersey, Basel und dem Portikus, Frankfurt am Main (2013) aufgeführt.

Abb.: 01 Eliza Douglas and Franziska Aigner in Anne Imhof, Faust, 2017, German Pavilion, 57th International Art Exhibition – La Biennale di Venezia © Photography: Nadine Fraczkowski; Courtesy: the artist, German Pavilion 2017

Faust
aufgeführt anlässlich der Biennale 2017 in Venedig im Deutschen Pavillon

In den Pavillon geht es über den Seiteneingang und dort korrigieren Türsteher des [3]Offenbacher Technoclubs Robert Johnson akribisch die Menge. Wohlbemerkt Seiteneingang, das mutet kurios an, ein wenig verwirrend. Und dann wird der Besucher auch noch von dem Nightclubpersonal energisch herum geordnet. So schnell kann Macht ausgeübt werden. Eine Panzerglasplatte versperrt einen Teil des Portikus des Deutschen Pavillons, den Eingang zur Halle. Und dort wo der Besucher nicht hineinkommt, sind links und rechts mit Glas und Gittern von den Menschen getrennt, Hundezwinger hochgezogen. Einige Dobermänner laufen hin und her, manchmal spielen sie mit einem Bällchen oder sie nähern sich den Stäben, davor stehen Besucher. Es sind bewundernswerte Hunde, schön und elegant in der Form, schlank und schmal, schwarz und braun in der Fellfärbung, natürlich zeigen die Passanten Respekt und schrecken für einen winzigen Moment vor ihnen zurück. Der Dobermann wird als scharfer Wachhund mit Killerinstinkt in Filmen wie „Der Hund von Blackwood Castle“, „Eyes of an Angle“, „Dobermann“ als Gangster, „True Lies“[4]als kaltes Biest gezeigt. In Brandenburg steht die Rasse auf der Liste der gefährlichen Hunderassen (aber nur in diesem einen Bundesland). Es weckt Assoziationen. Wer kontrolliert die Hunde? Wo sind die Halter? Gibt es die sichere Machtverteilung Herr und Hund, Hund und Gefährte, Freund? Besteht die alte Ordnung der Unterwerfung der Natur und ihrer Kreaturen oder sind die Hunde gleichberechtigter Teil des gezeigten Kunstkosmos? Haben sie noch ihre Aufgabe des Schützens und Verteidigens? Sollte dies bejaht werden, wer oder was wird geschützt oder verteidigt? Sind es die Menschen im Innenraum? Ist es das Gebäude des deutschen Pavillons? Ist es die Idee des Gebäudes[5]? Ist es die Kunst? Ist es die Gesellschaft?

Der Deutsche Pavillon

Der Deutsche Pavillon auf der Biennale in Venedig gehört zu den ersten. Schon 1905 wurde er ursprünglich als Bayrischer Pavillon vom venezianischen Architekten Daniele Donghi  im neoklassizistischen Stil erbaut. Erst 1938 erlangte das Gebäude durch den von Hitler begünstigten Architekten Ernst Haider[6]seine nationalsozialistische Form. Der Giebel wurde abgerissen und durch einen Architrav, einen waagrecht auf Säulen aufliegenden Balken ersetzt, aus den runden schmalen Eingangssäulen wurden imposante rechteckige Pfeiler. Der großen Halle fügte man eine halbrunde Apsis im hinteren Bereich an und schaffte den notwendigen Eindruck von Monumentalität. Der zierliche Bau verwandelte sich zu einem streng geometrischen „Führerbau“ mit der Aufschrift „Germania“. Eine Herausforderung für Künstler, er ist nicht neutral, und nicht nur einmal wurden Stimmen laut, diesen Bau abzureißen, steht er nicht mehr für die Deutschen Ideale und durch eine zeitgemäße Architektur zu ersetzen.

Abb. : 02 Der Deutsche Pavillon in Venedig © Frank Kaltenbach

[7]„Ich denke, dass das Gebäude in seiner Brutalität spürbar ist. Und das Gebäude in seiner Härte wollte ich weiterhin offen gelegt und transparent lassen. Das ist zum einen sichtbar in der Materialität des Glases und zum Anderen passiert dadurch natürlich ein Einschluß.“ So Anne Imhof.

Abb.: 03 Der Grundriss des Deutsche Pavillons in Venedig © Frank Kaltenbach

Der Pavillon ist leer. Nur eine gläserne Decke hüfthoch angebracht, ein doppelter Boden teilt die Halle. Einige Wandvorsprünge, Podeste, ebenfalls gläsern, sind auf Kopfhöhe angebracht. Vereinzelt Objektlandschaften auf dem Boden, getrennt durch die Glasdecke. Ein leeres Gebäude, die Wucht dieser Halle wird nicht verkleidet, versteckt, entfremdet, zerstört. Es gibt keine Verstecke oder Kuschelnischen. Ein großer Raum, nackt, kühl, überlegen und transparent. Aber nicht leer. Neben den Besuchern bewegen sich auch die vierzig köpfige Gruppe aus jungen, sogar jugendlichen, vielleicht androgyn zu bezeichnenden Männern und Frauen, Tänzer und vor allem Vertraute und Freunde der Künstlerin scheinen dort zu existieren im Raum. Eine 4- 5 stündige Performance findet statt. Manchmal sind die Künstler eher wie ausgestellte Statuen, dann wieder kommt Bewegung auf, die Gruppe löst sich auf, verteilt sich und der Überblick geht verloren.

Im Gespräch mit [8]Silke Hohmann, Redakteurin des Kunstmagazins Monopol in Berlin spricht Anne Imhof von den langjährigen Beziehungen zu dem Tänzern schon lange vor einer Zusammenarbeit. Sie vergleicht die Arbeit mit den Tänzern mit dem Verhältnis von Musikern in einer Band. Jeder hat eigene Vorstellungen, und durch Vertrauen finden sich Wege, diese Vorstellungen zu verbinden. Die Arbeiten und Performances, Aufführungen entwickeln sich als stetes Aushandeln zwischen Regisseur und Künstler. Die innere Struktur wird von Anne Imhof geschaffen. Sie spricht von einem freien Konstrukt. Es geht ihr bei den Proben um Bilder. Einige Bewegungen sind geplant, aber vorrangig sollen Bilder geschaffen werden. Sie kommt von der bildenden Kunst, nicht vom Tanz.

„Viele der Performer kenne ich schon lange und wir haben erst später angefangen zusammenzuarbeiten. Das Vertrauen war also schon da. Es gibt auf jeden Fall eine geteilte Vorstellung für die Dinge, die passieren. Insofern verbindet uns mehr als ein professioneller Zusammenhang, es geht schon eher in die Richtung einer Band“, so Anne Imhof.[9]

Abb.: 04 Eliza Douglas, Franzsiak Aigner, Stine Omar, Lea Welsch, Theresa Patzschke in Anne Imhof, Faust, 2017, German Pavilion, 57th International Art Exhibition – La Biennale di Venezia © Photography: Nadine Fraczkowski; Courtesy: the artist, German Pavilion 2017

[10]„Mir ist ganz wichtig, dass jeder in jedem Moment Herrschaft über sein eigenes Tun hat. Dass sie oder er die Entscheidungsgewalt hat über den nächsten Schritt oder die Möglichkeiten, die sich aus der Situation ergeben. Aus dieser Freiheit heraus entstehen Momente, die für meine Arbeit relevant sind. Das heißt nicht, dass ich die Kontrolle abgebe. Es gibt aber eine feste Struktur, in der das alles abläuft – eine Art inneres Gesetz, das ständig gebrochen wird.“ so Anne Imhof.

Die Tänzer tragen Alltagskleidung, Streetwear: T-Shirts von Trigema, weiße Tennissocken, Jogginghose von Adidas, weite Sweater, Hoodies, Bergfällerhemden, zerrissene Jeans, Sportschuhe, Sportshorts. Die Kleidung strahlt Demonstrationsschick aus, Antifa-Mode. Es gibt keine farbenprächtige Palette: schwarz, ausgewaschenes Blau, Weiß, Blau, Grautöne beherrschen das Bild. Keiner ist geschminkt oder auffällig dekoriert. Die Haare werden offen getragen oder als Pferdeschwanz zurück gebunden, die Männer haben manchmal einen drei Tage Bart. Niemand hat nur ein Gramm Fett zu viel, es sind junge, schöne, natürliche, muskulöse und möglicherweise selbstoptimierte Menschen. Diese Körper sind Modelkörper, bereit für die Werbewelt, für Ökonomie, der Körper als Konsumgegenstand des freien Marktes.

Abb.: 05 Emma Daniel, Franziska Aigner, Mickey Mahar, Ian Edmonds, Frances Chiaverini, Stine Omar, Lea Welsch in Anne Imhof, Faust, 2017, German Pavilion, 57th International Art Exhibition – La Biennale di Venezia © Photography: Nadine Fraczkowski; Courtesy: the artist, German Pavilion 2017

Es entstehen lebende Bilder, manchmal mit und manchmal ohne Geräusche, Töne oder Musik. Die Gruppe bewegt sich langsam, manchmal erstarren sie und nach einer Weile kommt erneut Bewegung auf. Das Tableaux vivants, das lebende Bild oder „die Darstellung von Werken der Malerei und Plastik durch lebende Personen“[11]erfreute sich um 1900 in Theater und Varieté einer großen Beliebtheit. Im frühen 19. Jahrhundert entsteht eine sehr populäre visuelle Kultur wo Darsteller für wenige Minuten in Stillstand erstarren, und ein Gemälde oder eine Skulpturengruppe erschaffen.[12]Manche Figurationen in „Faust“ erscheinen historisch, andere wieder modern. Da greifen zwei nach dem Handy und drucken es an den Hals, dabei zischen sie. [13]Hanno Rauterberg von der DIE ZEIT empfindet diese Szenarien „als sögen [sie] Luft aus dem Apparat und würden ohne ihn ersticken“.

Manchmal ergeben sich Spiegelungen auf dem Boden oder an den Glaswänden.  Es finden plötzliche Bewegungen statt. Kurze Versammlungen. Ein Kreis wird gebildet, eine Gasse woanders aufgestellt. Oder jemand erstarrt und schaut entrückt irgendwo hin, als sei er tot oder verrückt. Ein anderer liegt auf dem Boden eng an die Glasmauer gedrückt.

Abb.: 06 Lea Welsch, Emma Daniel, Mickey Mahar, Thilo Garus in Anne Imhof, Faust, 2017, German Pavilion, 57th International Art Exhibition – La Biennale di Venezia © Photography: Nadine Fraczkowski; Courtesy: the artist, German Pavilion 2017

Die Performance findet auf vielen Ebenen im Deutschen Pavillon statt. Die gläserne Decke aus Panzerglas als zweiter Boden, der nicht höher als 120 vom tatsächlichen Raumboden entfernt ist, teilt die Halle in der Horizontalen. Im unteren Bereich ist es ziemlich beengt. Die Performanceartisten liegen, kriechen oder hocken zusammengefaltet. Sie versuchen die Glasdecke zu durchbrechen. Sie schlagen sich und stoßen stumme Schreie aus. Sie masturbieren, aber es scheint als wäre die Hand von der Person getrennt. Es passiert einfach, es ist eine stumme Provokation. Es ist ein stummer Lust Akt oder ist es überhaupt Lust? Ist es Zwang, ist es ein Widerstand, eine Provokation?

Andere sitzen neben Aschenbechern, Gläsern und anderen Gegenständen wie z.B. Steinschleudern, Handtücher, Behälter mit Metallkugeln, Seifenstücke, Vaseline, Wattebausche, Feuerzeuge, schwarze Matratzen, Telllöffel, Emergency drinking Water Flaschen von Seven OceanS oder Hundefutter. Und Feuer.[14]Es geht um Macht, eine unbekannte Quelle mit unbändiger Kraft scheint die Menschen zu erschöpfen, sie in die Knie zu zwingen.

Diese Utensilien des Überlebens einer modernen Gesellschaft liegen nicht zufällig herum, sie werden geplant, ausgelegt, sind Objektkunstwerke. Diese Dinge sind nicht Requisiten, sie geben Anhaltspunkte für das Verhalten der Performancekünstler, sie sind Teil der bewegten Bilder. Sie gehören zwingend zum Kunstwerk. Sie verweisen auf wichtige Momente, stellen Höhepunkte und Verständnismarker dar.

Abb.: 07 Eliza Douglas masturbiert. Eliza Douglasin Anne Imhof, Faust, 2017, German Pavilion, 57th International Art Exhibition – La Biennale di Venezia © Photography: Nadine Fraczkowski; Courtesy: the artist, German Pavilion 2017

Abb.: 08 Emma Daniel  an der Wand im unteren Bereich. Sie sitzt auf dem Boden, nur ihre Hand greift auf die gläserne Decke. Emma Daniel in Anne Imhof, Faust, 2017, German Pavilion, 57th International Art Exhibition – La Biennale di Venezia © Photography: Nadine Fraczkowski; Courtesy: the artist, German Pavilion 2017

 

Auf der gläsernen Decke

Auf der gläsernen Zwischendecke steht das Publikum. Nur dort darf es sich aufhalten. Nicht im Bodenbereich, nicht bei den Hunden oder auf den Wandpodesten. Hier findet eine Vermischung mit den BesucherInnen statt. Manchmal singen die Künstler, oder sie beginnen Ringkämpfe, dann umarmen sich andere und während der Umarmung entwickelt sich ein Kampf. Der löst sich auf und es kommt zu einer Art Annäherung von Mann und Frau. Nicht lange und schon ringen sie erneut auf Bodennähe. Die Bewegungen werden langsam ausgeführt, nie gefährlich, aber unaufhaltsam. Es geht um Unterdrückung, um Ausbruch, Demütigung, Unterjochung, Abwesenheit, Leere, Ödnis, Aufbegehren, Opponieren, Rebellion, Anpassung, Gehorsam und Meuterei.

Andere Künstler schreiten in schnellen raumgreifenden Schritten die Halle ab, dann bleiben sie stehen und starren einander an. Es kommt jemand hinzu, starrt mit. Ausdruckslose Gesichter, eine innere oder äußere Motivation ist nicht zu erkennen. Wieder jemand anderes atmet gegen eine Scheibe. Ganz nah ist das Gesicht an der Oberfläche, so nah dass das Spiegelbild vielleicht nicht gesehen wird, es ist für den Zuschauer da.

Abb.: 09 Emma Daniel in Anne Imhof, Faust, 2017, German Pavilion, 57th International Art Exhibition – La Biennale di Venezia © Photography: Nadine Fraczkowski; Courtesy: the artist, German Pavilion 2017

Eine weitere Ebene besteht aus Glasvorsprüngen, gerade breit und tief genug, um darauf zu stehen. Sie sind an den Wänden auf einer ansehnlichen Höhe angebracht und verteilt. Darauf stehen die Künstler und Künstlerinnen, verrenken sich, gähnen, drehen den Kopf zur Wand und zurück, singen. Sie befinden sich erhoben wie auf unsichtbaren Regalen oder Säulen. Skulptur und Ware in einem.

Manchmal sitzt eine oder mehrere Artisten mit den Hunden im Zwinger. Sie kommen heran, lecken die Hand, zeigen sich in verspielter Laune. Die Performer tun nichts, mit ausdruckslosen Gesichtern befinden sie sich dort, wo die Hunde sind, keine mimische Veränderung, keine Regung. Und dann schwingen sich zwei auf den hohen Zaun, sie sitzen dort, schauen herunter. Der Balanceakt ist ihnen nicht anzumerken. Sie betrachten. Erstarrt sind sie nicht, aber regungslos. Wieder andere nehmen Platz auf den Treppenstufen vor dem Gebäude. Der Ortwechsel ändert nichts an ihrer Haltung. Undurchdringlich, gefasst, verschlossen. Und dann wieder steht einer oben auf dem Dachfirst. Schaut runter. Setzt sich und verweilt, harrt aus, ruht, hält inne. Das Gebäude ist da und es zieht die Artisten hinein und hält sie in einem unsichtbaren Bann.

In einem Vorzimmer befindet sich eine Installation mit Starkstromstecker und Buchse, anderen Dingen und Gitarre. Weiße Bilder an der Wand. Ein  pulsierendes Rauschen wie in einem Maschinenraum oder nah an einer Turbine einer Talsperre erfüllt laut und dröhnend den Raum. Dann gibt es einen Bruch und eine Bassgitarre schlägt einen Ton oder Akkord an und der Hall pulsiert. Manchmal sind es Orgelklänge, Geigen und andere Streichinstrumente, vielleicht eine Laute, so genau kann das nicht gesagt werden, die Musik kommt aus den Lautsprechern, sie kann auch durch Synthesizer erzeugt worden sein oder gleich digital. Klavierklänge läuten Gesang ein. Eine Performanceartistin erhebt ihre glasklare wunderschön seelenwunde Stimme. Diese Klänge sind sehnsüchtig, sie rühren das Herz, Trauer Verlangen klingt mit. Es sind Choralähnliche in Moll vorgetragene Melodien. Melancholisch, tragend, harmonisch erinnern sie an Kirchenmusik. Es beginnt mit einzelnen Stimmen, aber sie werden durch SMS Anweisungen von der Künstlerin Anne Imhof dirigiert und zu einer dichten Harmonie. Sie singen vom Ich. Ein magischer, geradezu betörend schöner Moment.

Abb.: 10 Eliza Douglas in Anne Imhof, Faust, 2017, German Pavilion, 57th International Art Exhibition – La Biennale di Venezia © Photography: Nadine Fraczkowski; Courtesy: the artist, German Pavilion 2017

Anne Imhof taucht auf, schaut das Treiben an, gibt Anweisungen über das Handy und verschwindet. Ganz in schwarz gekleidet mit Basecap vom Edeldesigner Balenciaga bleibt sie unnahbar. Sie agiert als Dirigentin, Choreographin, sieht alles, initiiert alles und leitet an. Sitzt hier die Macht?

Schlüpft die Künstlerin in die Rolle des Mephisto? Der dem Wissensdurstigen, dem Forschenden und Zweifler Faust verspricht, ihm so lange zu dienen und seine Wünsche zu erfüllen, bis er Lebensglück erfährt? Um ihm dann seine Seele zu stehlen? Sind die gelenkten Performancekünstler Repräsentanten für Faust? Ist das Publikum die schweigende Menge, die Gesellschaft? [15]Wird der Faustische Pakt mit dem Warenfetisch offen gelegt?

Abb.: 11 Frances Chiaverini in Anne Imhof, Faust, 2017, German Pavilion, 57th International Art Exhibition – La Biennale di Venezia © Photography: Nadine Fraczkowski; Courtesy: the artist, German Pavilion 2017

Oder bezieht sich der Titel auf die Faust des Protestes? Die Kuratorin Susanne Pfeffer[16]äußert sich in einem Interview mit dem SWR am 11.5. 2017: „Die Faust, ein Element, das sich eigentlich nur aus dem Zusammenschluss der Finger ergibt und dann im Grunde eine Kraft bündeln kann und zum Schlagen bereit ist, zum Wehren, aber auch zum Angriff. Das ist Sinnbild für diese Performance: Wie setzen sich Individuen auseinander oder gegeneinander? Wie formieren sich Gruppen?“ Der Titel bezieht sich daher nebensächlich auf Goethes „Faust“, hauptsächlich auf das Symbol der Faust als Zeichen für Rebellion und Gewalt.

„Es stellt die Frage wie selbstbestimmt wir handeln. Und uns bewegen und unsere Körper eigentlich noch unser Eigentum sind oder vielleicht sind es schon Objekte oder vielleicht sind sie schon selbst zur Ware geworden.“ Susanne Pfeffer im Gespräch mit dem SWR.[17]

Bedeutung

Es wird geschaut, sich gedreht, fotografiert, gefilmt, dokumentiert. Die Situation ist beängstigend nahezu komisch, der Besucher befindet sich in der Mitte des Geschehens, er  schaut zu und hält fest. Der Mensch als Zuschauer, als zufälliger Passant betritt die Welt der Anne Imhof und die vielen metaphorischen Situationen die Politik, Leben, Gesellschaft und Dasein konstituieren- schweigend und gaffend, fast ein wenig gelähmt.

Nur eins kann der Besucher: er versichert sich der Geschenknisse durch unentwegtes Fotografieren und Aufnehmen. Ausdrucksstarke Bilder der Performer, ihrer Handlungen werden das Ergebnis sein, auch wenn die Zielrichtung und der Zweck im Verborgenen bleiben. Die Bilder sind bedeutend, aber eine Realität wird nicht dargestellt, eher die Ware der Zuschauenden. Photographie von etwas, das wie Leben aussieht.

Abb.: 12 Frances Chiaverini, Mickey Mahar, Eliza Douglas, Lea Welsch, Ian Edmonds in Anne Imhof, Faust, 2017, German Pavilion, 57th International Art Exhibition – La Biennale di Venezia © Photography: Nadine Fraczkowski; Courtesy: the artist, German Pavilion 2017

Das Kunstwerk ist unberechenbar. Die Bühne nicht definiert. Zu jeder Zeit kann an jedem Ort etwas passieren: auf den Außenstufen, dem Zaun, im Zwinger, am Seiteneingang, auf dem Dach, im Vorraum, auf dem Boden, auf der Zwischendecke, den Wandpodesten: überall. Der Besucher versucht die Geschehnisse durch alle Schichten der Gesellschaft und des Gebäudes zu sezieren. Überall ist der Blick erlaubt, aber löst er etwas aus? Die Performancekünstler sehen den Besucher, ignorieren sie, schauen durch sie hindurch, sie sind im besten Fall ein Hindernis, dass zur Seite gedrängt wird, sie gehören nicht dazu. Es geht um Macht und Ohnmacht, Willkür und Gewalt, Widerstand und Freiheit.

Das Glas schafft Distanz zu sich selbst und zu den Subjekten, die zu Objekten werden.  Selbst wer die Performance verfolgt, erkennt, dass die Gesamtheit nicht erfassbar ist. Der Ort ist hell und transparent, aber das trügt, es ist eine durch Ohnmacht und Willkür, durch Unterdrückung und Kontrolle geprägte Szenerie. Die weitläufige Verteilung, unvorhersehbaren Aktionen, die Gleichzeitigkeit, Konsequenzlosigkeit verhindert eine Festlegung. Stetig verschiebt sich das Bild und damit das Gesamtkunstwerk. Die Signifikanten: Objekte, Gebärden, Verortungen, Beziehungen, Musik, Geräusche formen ein sich stetig änderndes Bild. Der Pavillon ist eingenommen von den Künstlern, den Bildern, den Objektarrangements, der Musik, der Hunde und den gläsernen Installationen. Das alles ist „FAUST“, ein lebendes Bild. Der Betrachter wandert hindurch und sucht nach der allumfassenden Perspektive.

Abb.: 03 Josh Johnson in Anne Imhof, Faust, 2017, German Pavilion, 57th International Art Exhibition – La Biennale di Venezia © Photography: Nadine Fraczkowski; Courtesy: the artist, German Pavilion 2017

Abb.: 14 Emma Daniel in Anne Imhof, Faust, 2017, German Pavilion, 57th International Art Exhibition – La Biennale di Venezia © Photography: Nadine Fraczkowski; Courtesy: the artist, German Pavilion 2017

Es ist ein Akt des Kontrollierens, etwas das sich aber gleichzeitig einer Kontrolle entzieht. Die Gleichzeitigkeit der Ereignisse erinnert an Marshall McLuhans „Allatonceness“[18]. Dort beschreibt er die Auswirkungen der Vernetzung durch moderne Medien. Wie sie eine Erweiterung und eine Veräußerung des menschlichen Körpers darstellen. Hand Held Devices werden zur Erweiterung der Sinnesorgane. Der Computer imitiert Funktionalitäten des Gehirns und damit wird er zu einer Veräußerung des Gehirns. Die Konsequenzen schienen theoretisch zur Zeit der Veröffentlichung Ende der 60iger Jahre noch undeutlich, heute trägt jeder Mann und jede Frau einen Handgroßen Computer mit sich. Die Informationen sind einen Klick entfernt, Gedächtnisleistung ist nicht von Nöten, das Gedächtnis ist externalisiert. Die Netzgesellschaften leben ungebunden und unabhängig von Orten und Zeiten.

“Time” has ceased, “space” has vanished. We now live in a global village…a simultaneous happening.” [19]

Technischer Fortschritt macht den Menschen zu einer Marke, es geht um das Aussehen, um den Anschein um ein Image. Kommunikationskanäle schaffen Gemeinschaften aber grenzen anders Denkende aus, machen sie nicht mal sichtbar (FB Algorithmus). Eine Einseitigkeit der Welterfahrung schränkt den Geist des Menschen ein, die Kultur des Aufbegehrens des Demonstrierens, des Diskutierens, des Denkens und Abwägens, des Verstands und der Kompromisse durch Intelligenz wird zu Gunsten einer Kultur von Überzeugungen und Glaubensbekenntnissen verdrängt. Gleichzeitig verliert der Mensch seine Privatsphäre. Persönliche Daten werden digital abgelegt. Wir sprechen vom „gläsernen Kunden“ als Marketingobjekt, der „Gläserne Bürger“ als Teil des Kampfes gegen Terrorismus, oder der „Gläserne Mensch“ als Soziologisches Phänomen.[20]In den Zeiten der schwindenden Privatheit und steigender Transparenz aller Lebensbelange verhalten und kommunizieren sich Menschen eher als Marke denn als Privatpersonen. 

Die Performance ist verstörend. Kontrolle und Willkür, Einflussnahme von außen und sprachbefreite Kommunikation, Machtausübung ohne Ursachen zu begreifen. Die Menschen sind nahezu nur Körper und der wiederum scheint ihr einziges Kapital zu sein. Eine seelenlose dem Konsum hingegebene Gesellschaft. Er sucht nach Überlebensstrategien, aber bricht er aus? Das tut er nicht, er kann es nicht, diese Freiheit wird ihm nicht geschenkt.

Anne Imhof – Faust
Dauer der Performance 4-5 Stunden
Kuratiert von Susanne Pfeffer
40 Personen in der Performance

 

 Artikel von Ursula Drees

Quellen

Bendrath, Ralf (2007): Der „gläserne Bürger“ und der vorsorgliche Staat. Zum Verhältnis von Überwachung und Sicherheit in der Informationsgesellschaft. In: kommunikation@gesellschaft, Jg. 8, Beitrag 7. Online-Publikation: http://www.soz.uni- frankfurt.de/K.G/B7_2007_Bendrath

Brockhaus‘ Konversations‘ Lexikon (1902), 14. Aufl., Bd. 10. Leipzig, Berlin, Wien: F.A. Brockhaus.

Silke Hohmann (2017): Wie man sich dem anderen zeigt. In: Was wir tun. Heft über das Institut für Auslandsbeziehungen / ifa. – Regensburg: ConBrio,.

Kaltenbach, Frank (2017): Mehrdeutiger Hybrid: Bungalow Germania auf der Biennale in Venedig. In: DETAIL • Zeitschrift für Architektur + Baudetail, Heft 6/2014, „Bauen mit Beton“, München.

McLuhan, Marshall; Fiore, Quentin (1967):  “The Medium is the Massage: An Inventory of Effects”, Penguin Books, London, UK.

Rauterberg, Hanno (2017): Der Stille Aufruhr .In: DIE ZEIT online vom 28. Juni 2017. http://www.zeit.de/2017/27/anne-imhof-biennale-venedig-faust-performance/komplettansicht(23.01.2018)

Wiegand, Daniel (2016): Gebannte Bewegung. Tableaux vivants und früher Film in der Kultur der Modere, Züricher Filmstudien 36, Schüren Verlag GmbH, Zürich.

Pressetext der Kunsthalle Basel anlässlich der Eröffnung der Ausstellung als Oper „Angst“ von Anne Imhof vom 10.6. – 21.8.2016. http://www.kunsthallebasel.ch/wp-content/uploads/Anne_Imhof_Presse_Dossier_DE.pdf

Anmerkungen

Institut für Auslandsbeziehungen.Es fördert im Kulturaustausch ein friedliches Zusammenleben von Völkern, Staaten und Religionen. Das ifa initiiert den interkulturellen Dialog. Es befördert den Kultur- und Kunstaustausch in Ausstellungs-, Begegnungs-, Dialog-  und Konferenzprogrammen. Es trägt zum Friedenserhalt durch zivile Konfliktbearbeitung und zur kulturellen Vielfalt durch die Förderung kultureller Minderheiten bei.  http://www.ifa.de/de/kunst/biennalen/biennale-venedig/anne-imhof-faust.html

Titel Thesen Temperamente widmet dem Deutschen Pavillon eine Sendung. Sie wird am 14.05.2017 ausgestrahlt und auf der Mediathek der ARD zu sehen. http://www.ardmediathek.de/tv/ttt-titel-thesen-temperamente/Anne-Imhof-Deutscher-Pavillon/Das-Erste/Video?bcastId=431902&documentId=42826300

Susanne Pfeffer im Interview mit dem SWR  am 11. Mai 2017 zum Deutschen Pavillon und FAUST. Susanne Pfeffer ist Kunsthistorikern und Kuratorin. Sie ist Direktorin des Museums für Moderne Kunst (MMK) in Frankfurt am Main.https://www.swr.de/swr2/kultur-info/der-deutsche-pavillon-bei-der-biennale-in-venedig/-/id=9597116/did=19526214/nid=9597116/17ukihf/index.html

Informationen zum Deutschen Pavillon der Architekten RKW Architektur. Anlässlich der 14. Architektur Biennale stellte der Deutsche Werkbund die Frage „This is modern“ nach einer Neuinterpretation und Umgestaltung des Gebäudes an 22 Architekturbüros. shttp://rkw.plus/de/projekte/deutscher-pavillon-venedig

Anlässlich des 100 Geburtstag des Deutschen Pavillons veröffentlichte Hildegard Lorenz im der Münchner Merkur eine knappe Zusammenfassung der Baugeschichtlichen Historie des Gebäudes. https://www.merkur.de/kultur/mm-dabei-sein-alles-330696.html

 


Abbildungsverzeichnis

Abb.: 01 Eliza Douglas and Franziska Aigner in Anne Imhof, Faust, 2017, German Pavilion, 57th International Art Exhibition – La Biennale di Venezia © Photography: Nadine Fraczkowski; Courtesy: the artist, German Pavilion 2017

Abb. : 02 Der Deutsche Pavillon in Venedig © Frank Kaltenbach

Abb.: 03 Der Grundriss des Deutsche Pavillons in Venedig © Frank Kaltenbach

Abb.: 04 Eliza Douglas, Franzsiak Aigner, Stine Omar, Lea Welsch, Theresa Patzschke in Anne Imhof, Faust, 2017, German Pavilion, 57th International Art Exhibition – La Biennale di Venezia © Photography: Nadine Fraczkowski; Courtesy: the artist, German Pavilion 2017

Abb.: 05 Emma Daniel, Franziska Aigner, Mickey Mahar, Ian Edmonds, Frances Chiaverini, Stine Omar, Lea Welsch in Anne Imhof, Faust, 2017, German Pavilion, 57th International Art Exhibition – La Biennale di Venezia © Photography: Nadine Fraczkowski; Courtesy: the artist, German Pavilion 2017

Abb.: 06 Lea Welsch, Emma Daniel, Mickey Mahar, Thilo Garus in Anne Imhof, Faust, 2017, German Pavilion, 57th International Art Exhibition – La Biennale di Venezia © Photography: Nadine Fraczkowski; Courtesy: the artist, German Pavilion 2017

Abb.: 07 Eliza Douglasin Anne Imhof, Faust, 2017, German Pavilion, 57th International Art Exhibition – La Biennale di Venezia © Photography: Nadine Fraczkowski; Courtesy: the artist, German Pavilion 2017

Abb.: 08 Emma Daniel in Anne Imhof, Faust, 2017, German Pavilion, 57th International Art Exhibition – La Biennale di Venezia © Photography: Nadine Fraczkowski; Courtesy: the artist, German Pavilion 2017

Abb.: 09 Emma Daniel in Anne Imhof, Faust, 2017, German Pavilion, 57th International Art Exhibition – La Biennale di Venezia © Photography: Nadine Fraczkowski; Courtesy: the artist, German Pavilion 2017

Abb.: 10 Eliza Douglas in Anne Imhof, Faust, 2017, German Pavilion, 57th International Art Exhibition – La Biennale di Venezia © Photography: Nadine Fraczkowski; Courtesy: the artist, German Pavilion 2017

Abb.: 11 Frances Chiaverini in Anne Imhof, Faust, 2017, German Pavilion, 57th International Art Exhibition – La Biennale di Venezia © Photography: Nadine Fraczkowski; Courtesy: the artist, German Pavilion 2017

Abb.: 12 Frances Chiaverini, Mickey Mahar, Eliza Douglas, Lea Welsch, Ian Edmonds in Anne Imhof, Faust, 2017, German Pavilion, 57th International Art Exhibition – La Biennale di Venezia © Photography: Nadine Fraczkowski; Courtesy: the artist, German Pavilion 2017

Abb.: 13 Josh Johnson in Anne Imhof, Faust, 2017, German Pavilion, 57th International Art Exhibition – La Biennale di Venezia © Photography: Nadine Fraczkowski; Courtesy: the artist, German Pavilion 2017

Abb.: 14 Emma Daniel in Anne Imhof, Faust, 2017, German Pavilion, 57th International Art Exhibition – La Biennale di Venezia © Photography: Nadine Fraczkowski; Courtesy: the artist, German Pavilion 2017

[1]https://de.wikipedia.org/wiki/Anne_Imhof(19.01.2018)

[2]Hans Ulrich Obrist: Choreographed Layers: Anne Imhof in ESSAYS Mousse 54 im Sommer 2016. http://moussemagazine.it/anne-imhof-hans-ulrich-obrist-2016/(20180123) Hans Ulrich Obrist ist Co-Direktor der Serpentine Galerien in London. Davor hat er Das Museum für moderne Kunst  der Stadt Paris kuratiert. Seit seiner ersten Show 1991 hat er bereits über 300 Ausstellungen kuratiert.

[3]Titel Thesen Temperamente widmet dem Deutschen Pavillon eine Sendung. Sie wird am 14.05.2017 ausgestrahlt und auf der Mediathek der ARD zu sehen. http://www.ardmediathek.de/tv/ttt-titel-thesen-temperamente/Anne-Imhof-Deutscher-Pavillon/Das-Erste/Video?bcastId=431902&documentId=42826300

[4]Arnold Schwarzenegger wird von zwei Dobermännern durch die eisige gartenlandschaft des Bösewichts gehetzt.

[5]1938 als nationaler Repräsentationsbau zur Machtdemonstration von Nazideutschland vom Architekten [5]Ernst Haiger, der bereits einige Führerbauten entworfen hatte, verändert.

[6]Ernst Haiger 81874 – 1952) baute das Kasino im Münchner Führerbau und die Bar im Münchner NS Ausstellungsgelände „haus der deutschen Kunst“.

[7]Titel Thesen Temperamente widmet dem Deutschen Pavillon eine Sendung. Sie wurde am 14.05.2017 ausgestrahlt und auf der Mediathek der ARD zu sehen. http://www.ardmediathek.de/tv/ttt-titel-thesen-temperamente/Anne-Imhof-Deutscher-Pavillon/Das-Erste/Video?bcastId=431902&documentId=42826300

[8]Interview: Wie man sich dem Anderen zeigt. Gespräch mit Silke Hohmann. Sie ist Redakteurin beim Kunstmagazin Monopol in Berlin.  in Was wir tun. Ein Heft über das Institut für Auslandsbeziehungen / ifa. – Regensburg: ConBrio, 2017. – 31 S.

http://www.ifa.de/en/visual-arts/biennials/anne-imhof-faust/wie-man-sich-dem-anderen-zeigt.html

[9]ebd., S. 01-31

[10]vgl. Interview mit Silke Hohmann.

[11]Brockhaus‘ Konversations‘ Lexikon (1902), 14. Aufl., Bd. 10. Leipzig, Berlin, Wien: F.A. Brockhaus, S. 1029

[12]Daniel Wiegand (2016): Gebannte Bewegung. Tableaux vivants und früher Film in der Kultur der Modere, Züricher Filmstudien 36, Schüren Verlag GmbH, Zürich, S. 14.

[13]Hanno Rauterberg (2017): Der Stille Aufruhr in der Zeit online vom 28. Juni 2017 http://www.zeit.de/2017/27/anne-imhof-biennale-venedig-faust-performance/komplettansicht(23.01.2018)

[14]Pressetext der Kunsthalle Basel anlässlich der Eröffnung der Ausstellung als Oper „Angst“ von Anne Imholf vom 10.6. – 21.8.2016. http://www.kunsthallebasel.ch/wp-content/uploads/Anne_Imhof_Presse_Dossier_DE.pdf

[15]Titel Thesen Temperamente widmet dem Deutschen Pavillon eine Sendung. Sie wird am 14.05.2017 ausgestrahlt und auf der Mediathek der ARD zu sehen. http://www.ardmediathek.de/tv/ttt-titel-thesen-temperamente/Anne-Imhof-Deutscher-Pavillon/Das-Erste/Video?bcastId=431902&documentId=42826300

[16]Susanne Pfeffer im Interview mit dem SWR  am 11.Mia 2017 zum deutschen Pavillon und FAUST https://www.swr.de/swr2/kultur-info/der-deutsche-pavillon-bei-der-biennale-in-venedig/-/id=9597116/did=19526214/nid=9597116/17ukihf/index.html

Susanne Pfeffer ist Kunsthistorikern und Kuratorin. Sie ist Direktorin des Museums für Moderne Kunst (MMK) in Frankfurt am Main.

[17]Susanne Pfeffer im Interview mit dem SWR  am 11.Mia 2017 zum deutschen Pavillon und FAUST https://www.swr.de/swr2/kultur-info/der-deutsche-pavillon-bei-der-biennale-in-venedig/-/id=9597116/did=19526214/nid=9597116/17ukihf/index.html

Susanne Pfeffer ist Kunsthistorikern und Kuratorin. Sie ist Direktorin des Museums für Moderne Kunst (MMK) in Frankfurt am Main.

[18]“Ours is a brand-new world of allatonceness. ‘Time’ has ceased, ‘space’ has vanished. We now live in a global village…a simultaneous happening.

Electric circuitry profoundly involves men with one another. Information pours upon us, instantaneously and continuously. As soon as information is acquired, it is very rapidly replaced by still newer information.

Our electrically configured world has forced us to move from the habit of data classification to the mode of pattern recognition. We can no longer build serially, block-by-block, step-by-step, because instant communication insures that all factors of the environment and of experience co-exist in a state of active interplay.” Marshall McLuhan & Quentin Fiore (1967): “The Medium is the Massage: An Inventory of Effects”, Penguin Books, London, UK, S. 39

[19]Vgl. Marshall McLuhan & Quentin Fiore (1967):  “The Medium is the Massage: An Inventory of Effects”, Penguin Books, London, UK

[20]Bendrath, Ralf (2007): Der „gläserne Bürger“ und der vorsorgliche Staat. Zum Verhältnis von Überwachung und Sicherheit in der Informationsgesellschaft. In: kommunikation@gesellschaft, Jg. 8, Beitrag 7. Online-Publikation: http://www.soz.uni- frankfurt.de/K.G/B7_2007_Bendrath

 

Ars Electronica 2017: Mariendom: LightScale II von Uwe Rieger

Der Mariendom in Linz, Österreichs größter Kirchenbau, in dem gut 20.000 Menschen Platz finden, wird umgebaut. Das Gebäude ist neben den Bauabsperrungen leer. Das allein ist sensationell, denn die Größe und Höhe des Raumes kann sich vollständig entfalten. Hier wird LightScale II von Uwe Rieger gezeigt.

Das Werk braucht Luft. Es misst 20 Meter Länge und ist in Form einer Reuse aufgebaut. Die Karbonkonstruktion ist nicht federleicht, aber leicht. Unerwartet einfach lässt sie sich  im Raum bewegen. Sie ist aus Karbon gefertigt und auf einem Ein-Punkt Träger asymmetrisch aufgestellt. Für die Balance werden seitlich zwei Schwimmer, in diesem Fall Gewichte ausgelegt. Damit lässt sich die Reuse nicht nur in der Horizontalen, sondern auch Vertikalen verschieben. Sie kann auch im 45 Grad Winkel schaukeln. Die Reuse ist mit grüner Gaze umspannt. Im Innenbereich ist die Gaze locker in der Diagonalen ausgelegt. Sie bilden einen durchscheinenden Körper. Ultraschall- Sensoren an der Bodenträgerkonstruktion leiten Daten an ein Motion-Tracking –System. Mit Unity werden Soundfiles als auch Projektionen aktiviert. Es sind Meeresgeräusche und Walgesangähnliche Töne. Auf die Netze werden Unterwasserformen projiziert. Es sind Blasen, Quallen ähnliche Gebilde, Algen manchmal Geometrien. Sie schweben mit der gleichen Bewegung der Reuse im Netzraum. Der Besucher bewegt die Reuse und damit werden neben dem default Sound- und Bildteppich zusätzlich Sounds und Bilder aktiviert. Es ist eine meditative Installation. Sie beeindruckend durch Größe und Leichtigkeit.

Bildergalerie:

Die Semiotik des Materials, Netz, Reuse, Karbon verweisen auf die Schwerelosigkeit des Meeres. Die analoge Bewegung, das langsame Schweben und die leicht zu bewegende Reuse, die dann wiederum mit einer dem Meereswiderstand angemessenen Bewegung ein wenig schwerfällig Positionsveränderungen nachgeht sind der Vorstellung von der Bewegung unter Wasser angemessen. Das Gefühl im Meer zu sein wird erzeugt. Die schwarmhaften Projektionen verbunden mit den Wassergeräuschen und Walgesängen schließen den Eindruck. Es ist poetisch, leicht und meditativ. Hier will sich der Besucher aufhalten. Es wird nicht langweilig, die Geräusche und Bilder werden nicht aufdringlich, ein vollendetes Werk.

Reusen treiben im Meer . Die Fische, von Wind und Wellengang zum Ufer getrieben, schwimmen auf dem Rückweg ins Meer an den Leitnetzen entlang in die Reusen, aus denen sie nicht mehr entweichen können, weil die einzelnen Teile trichterförmig ineinander greifen. Im Frühjahr, nachdem kein Eisgang mehr zu erwarten ist, werden die Reusen eingesetzt und bleiben den ganzen Sommer über im Meer. Sie werden alle 3 Tage geleert.

Uwe Rieger Light Scale Ars Electronica

Uwe Rieger ist Associate Professor am arc/sec Lab for Digital Spatial Operations an der School of Architecture and Planning in Auckland.

LightScale II

CommAwards: GOLD für Schatten/Shadow

Die Studioproduktion Event Media unter der Leitung von Prof. Ursula Drees von der Hochschule der Medien in Stuttgart hat mit einem 8 köpfigen studentischen Team für ihr Werk „Schatten“ bei den CommAwards GOLD gewonnen. GRATULATION!

Auf der Site des CommAwards wird die Leistung hervorgehoben. „Absoluter Jury-Liebling und Highlight des CommAwards war der beeindruckende Erfolg des Studiengangs Audiovisuelle Medien der Hochschule der Medien Stuttgart. In der Kategorie RAUM erhielt die Studentenarbeit die einzige Gold-Auszeichnung und verwies selbst Koryphäen wie KMS und Atelier Brückner auf die bronzenen und silberne Ränge. Auf 125qm inszenierten drei Studentengruppen der HDM Stuttgart im Rahmen der MediaNight eine räumliche Adaption des szenischen Kurzfilms „Schatten“ und begeisterten die Jury restlos.“

„Die acht Studierenden sind keine Anfänger, einige von ihnen habenden die Studioproduktion als Fach zum zweiten oder gar dritten Mal belegt. Die Erfahrung und ihr Können machen sich bemerkbar, denn diese Studioproduktion ist ausgefeilt und durchdacht. Jedes Element passt zum nächsten, jede Technologie steht mit den Inhalten im Einklang. Ein durchweg stimmiges Werk, dass die Auszeichung GOLD verdient hat. “ Ursula Drees

Wir gratulieren!

Ausführliche Informationen zum Projekt finden sie hier.

 

Semiotik von technischen Medien und Botschaften.

© Hochschule der Medien, Studioproduktion EventMedia
Medialer Erlebnisraum „Schatten“, 2017.

Welche Medien unterstützen das Erleben in einem inszenierten Erlebnisraum.

Über Inszenierung.

Inszenierung bedeutet eine Position durch formale Ästhetik mit Unterstützung von technischen Mitteln in Szene zu setzen. Wobei technische Mittel in der Herstellung von Inhalten als auch in der Präsentation der Inhalte selbst eine Rolle spielen. Sie sprechen die menschlichen Sinne an, sie hinterlassen einen Eindruck. Der Eindruck wird emotional, intellektuell und logisch erarbeitet, ein Wahrnehmungsvorgang beginnt.

Szenographische Inszenierungen als Erlebnisraum bedeutet das Eintauchen in ein Ideenbild. Idee als Konzept mit Inhalt und Relevanz in der Aussage, Bild als multimediale Darbietung, als eine Begehbarmachung des Erlebbaren mit Medien. Diese Medien wie Ton, Licht, Video, Film, Spiel, Animation, Computer generated Grafics usw. werden im Raum als ganzheitliches Erlebnis inszeniert. Sie werden über interaktive Schnittstellen, mit Projektionen, durch LED Walls, Panels, Screens, mit Lautsprechern aller Art, interaktiven Objekten, Wänden, Fußböden, oder Decken, mit beweglichen, statischen vielfarbigen und veränderbaren Licht realisiert. Die Inszenierung ist komplex, ist geplant und ganzheitlich. Der Besucher befindet entweder inmitten dieser Inszenierung wie es in den Erlebnisräumen der Fall ist, oder aber er betrachtet sich aus dem Zuschauerraum heraus, wie es im Schauspiel, Konzert, Oper und Bühnendarbietungen oder im öffentlichen Raum statt findet.

Bei Event Medialen Erlebnisräumen, bewegt sich der Besucher durch die Inszenierung und schreibt eigenständig die Geschichte seines Erlebens. Er entscheidet das Tempo, die Blickpunkte, Perspektiven und Vollständigkeit der Betrachtung. In allen Fällen wird eine körperliche Präsenz vorausgesetzt. Diese Vielfalt wird von den Event Medialen Szenographen bei der Planung berücksichtigt. Die Planung und Ausgestaltung der Räumlichkeiten sind detailliert und decken alle Bereiche ab. Es gibt keine Möglichkeit des Versteckens oder Vertuschens. Die Gestaltung drückt alle Bereiche aus und unterwirft sich dem Thema. Der Besucher tritt in die Welt hinein und befindet sich in einer Parallelwelt des sinnlichen Erlebens.

Inszenierung und Kodierungssysteme.

Es gibt keine Inszenierung ohne Medien. Es ist nur eine Frage der Menge und der Beschaffenheit. Sind es analoge oder digitale Medien, lassen sie einen Zugriff zu, reagieren sie auf den Menschen, werden sie von äußeren Einflüssen verändert, bildet sich die Umgestaltung in analogen oder digitalen Formen aus? Wird der Mensch gesteuert, um Anteilhabe mit Geräten gebeten, oder reagieren die Medien ohne Aufforderungen auf Einflüsse?

Der Raum ist hybrid, er ist medial vermischt und bündelt Möglichkeiten der sinnlichen Wahrnehmung. Mehrere Genres setzten sich zu einem Neuen zusammen. Hybride Objekte werden geschaffen, sie bestehen aus halb realen und halb virtuellen Komponenten.

Inszenierungen bedienen sich der menschlichen Kodierungssysteme. Begonnen mit Geräusch, Ton, logischen und alphabethischen Abstraktionen zu formalen Kodierungen, komplexen und einfachen ikonographischen Kodierungssystemen, bis hin zu gestisch mimischen und kinetischen Zeichensystemen. Hinter diesen Kodierungssystemen verstecken sich vielfältige Bedeutungsräume. Sie wollen geplant und erschlossen werden. In der Regel bedient sich der medial inszenierte Erlebnisraum mit komplexen ikonographischen Kodierungssystemen. Sie stellen Hör- oder Sehbilder dar, wobei einfache ikonographische Kodierungssysteme für die Wegleitung und Besuchersteuerung eingesetzt werden. Hör- und Sehbilder werden mit und durch Medien erzeugt. Mal ist es eine großformatige Fotografie, mal sind es Schriftbilder, die als Graphik Aufmerksamkeit schaffen, mal sind es Farbräume von Wärme oder Kühle, mal sind es Bewegtbildeinspieler, Computer Animationen, real time eingespeiste VR Daten, mal groß oder klein formatig, mal Viel und Wenig, mal interaktiv zu bedienen oder kontemplativ auf sich wirken zu lassen.

Die Semiotik der technischen Medien.

Die Medien selbst formen die Art des Verstehens. Da sich die Gesellschaft mehr und mehr den digitalen Räumen zuwendet, outer space, cyber space, web space, augmented spaces, virtual spaces, werden wenig bis keine Gedanken über den Raum an und für sich verschwendet. Dabei ist der Raum ein Synonym für das Distanzierte, dem nicht zusammen gehörigen, dem daneben Stehenden. Der Raum behandelt ein Terrain, den Besitz von etwas, den Zustand des Zweierlei. Es ist immer ein Raum, der das eine vom Anderen trennt.

Wir schaffen Kommunikationsobjekte, sie versprechen eine soziale und technische Aktivität, geschaffen, um Zustände und Identitäten auszutauschen und zu verhandeln. Wir suchen nach Verbindungen. Und all das konstituiert wer wir sind und was wir sind. Diese Medien sind nicht neutral, nicht einfache Handwerkszeuge, sie sind keine passiven Container für einen Inhalt, sie sind in sich die Formgeber für das Verstehen. Wer zwei Städte mit einer Brücke verbindet und von zwei Städten mit einer verbindenden Bücke spricht, versteht nicht, dass die Qualität dieses Raums entschieden zu einem Raum verändert wurde. Selbst wenn geografische Zustände fast gleich erscheinen, so wird die quantitative Änderung der Verbindung dieser unterschiedlichen urbanen Landschaften durch die besonderen, neu geschaffenen sozialen Verbindungen eine neue Einheit formen.

Durch technische Neuerungen versucht die Menschheit den physikalischen Raum und den kognitiven Raum zu kontrollieren. Es geht um die Verbindung von kommunikativen Bedürfnissen, denn uns treibt der Wunsch nach Verstehen und Überbrückung. Dabei wird der Umstand dass Medien selbst Botschaften sind eher achtlos behandelt. Der Gedanke, dass digitale Medien helfen, eine menschliche face to face Verbindung zu verhindern, wird unterdrückt. Medien unterstützen die unpersönliche Kommunikation.

Mit diesem Wissen stellt die Erschaffung eines medialen Erlebnisraums die Frage nach der Beschaffenheit der Medien. Denn elektronische Medien sind soziales Verhalten. Und so trägt jedes Medium eine eigene DNA ins sich, die eigene Kommunikationsarten evoziert.

Welche Medien werden in Inszenierungen eingeplant?

Diese Frage wir gestellt, aber es ist besser zu fragen: welche Medien rufen welche Bewegungen und Reaktionen hervor? Erst nach der Klärung dieser Frage, beantworten wir die Inhalte, die über diese Medien gespielt werden. Die Semiotik hat sich mit der Sprache als Mittel für das Verstehen auseinander gesetzt, wir setzten uns zusätzlich noch mit der medialen „Semiotik“ auseinander. So werden Töne über Kopfhörer anders begriffen, als im Raum verströmte Geräusche. Bilder auf einer großformatigen LED Wand bei mittlerer Rezeptionsdistanz werden anderes aufgenommen als auf einem hand held device.

Wir arbeiten deshalb mit zwei Narrativen. Der Narrative des gewählten Mediums dessen technologische Semiotik entschlüsselt wird, und der Narrative der Formate, wie Standbild, Bewegtbild,Ton, Sprache, Licht, Farbe, also der Kodierungssysteme  und  die inhaltliche Botschaft die über Technik und Format erzählt werden.

Welche Medien wofür? Anwendungsbeispiel.


© Hochschule der Medien, Studioproduktion EventMedia
Vier aneinander gereihte Kopfkinos. Die Besucher stehen auf Podesten, die einen Endless Mirror verbergen.

Im medialen Erlebnisraum werden lineare Erzählungen dekonstruiert. Sie werden in Technik und Kommunikation aufgeteilt, eingeteilt und neu gemischt. Diese Mischung wird dem Besucher in der Hoffnung vorgestellt, dass sie aktivierend und erkenntnisgewinnend den Geist und den Körper des Rezipienten bewegt. Denn er soll aktiv werden, sich auseinander setzen, sich beteiligen und kausale Zusammenhänge zusammen bringen, soll zwischen den Zeilen lesen und ein eigenes Bild erschaffen. Zwischen den Zeilen bedeutet im medialen Erlebnisraum, er soll die Stationen, die Wartepunkte, die Interaktionspunkte miteinander verbinden und ein Ganzes daraus formen.

Dafür wird die einst lineare Narrative dekonstruiert. Es werden Kernszenen extrahiert, denn ein Buch, Gedicht, eine Film oder ein lyrisches Traktat in ganzer Länge nachzuerzählen stellt eine Kopie etwas Bestehenden dar, nicht eine neue Kreation, also ein neuwertiges Werk und damit Erfahren und Interpretieren.

Die Kernszenen werden mit Schlüsselaussagen verbunden und medial inszeniert. Im gezeigten Beispiel wird ein szenischer Kurzfilm, eine Tragödie, in den medialen Erlebnisraum übertragen. Der Protagonist verursacht großes Leid an dem er innerlich fast zerbricht. Der Boden wird mit jeder Erinnerung unter seinen Füssen weg gezogen. Die mediale Inszenierung greift dieses Thema auf.

Der Besucher wird aufgefordert, den Moment des Fehlverhaltens in einem Kopfkino, einen den Kopf umschließenden Kastens, erneut zu erleben. Er tritt über eine Stufe in diesen Kasten. Dieser Raum ist von allem anderen Geschehen abgeschirmt und der Besucher ist mit sich allein.

© Hochschule der Medien, Studioproduktion EventMedia. Der Besucher erlebt im Kopfkino die traumatische Schlüsselszene. Nach Beendigung erleuchtet ein Endless Mirror.

Er setzt einen Kopfhörer auf und auf einem, das Blickfeld umschließenden Curved Display wird in der subjektiven filmischen Einstellung der Moment des Fehlers erzählt. Durch die Subjektive ist der Besucher der Hauptdarsteller. Im Kopfhörer selbst befindet sich ein Infrarot Sensor. Mit der Drehung des Kopfes werden bestimmte Bildbereiche sichtbar, der Rest des Bildes verschwimmt und ist der Wahrnehmung entzogen. Der Betrachter sieht und erlebt den Tunnelblick des Protagonisten. Das Curved Display hilft bei dem bildlichen Umschließen des Menschen.

© Hochschule der Medien, Studioproduktion EventMedia: ein Curved Display umschließt die Sicht des Besuchers im Inneren des Kopfkinos.

Im hinteren Bereich starrt der Hauptdarsteller des Films auf den Hinterkopf des Besuchers. Dafür reicht ein, in unmittelbarer Nähe angebrachter Flat Screen. Es ist eine beengte Situation, so beengt wie die filmische Erzählung. Beim Klimax, wenn dem Hauptdarsteller des Films der Boden unter den Füssen entzogen wird, erleuchtet ein Endless Mirror. Er befindet sich in dem erklommenen Podest. Der Boden bricht weg. Schaut der Rezipient hinunter, wird er in einen unendlichen Raum schauen. Auch ihm wird der Boden unter den Füssen entzogen.

© Hochschule der Medien, Studioproduktion EventMedia. Der Endless Mirror erleuchtet, der Blick des Betrachters führt in die Unendlichkeit.

Direktheit: Übereinstimmung von technischen Medien und Erzählung.

Das Beispiel verdeutlicht die Direktheit der Kommunikation innerhalb des medial inszenierten Erlebens. Im Film werden die Filminhalte an einer konsequent nachvollziehbaren Anreihung aufgebaut . Die Zeit entspricht einem filmischen verkürzten realen Erleben. Der Filmbetrachter wird ohne eigene Bewegung oder Interaktion diese Inhalte erhalten. Er wird durch Montage und Schnitte die zeitlichen und kausalen Lücken im Kopf schließen und die Geschichte vervollständigen. Derweil im Event Medialen Erleben narrative Details und Hinführungen untergeordnet behandelt werden. Denn der Rezipient erlebt die Geschichte handelnd. Nicht sitzend. Die Aufmerksamkeit wird durch vielfältige Eindrücke gelenkt. Es ist ein ganzkörperliches holistisches Erleben. Die Erzählung findet sich nicht nur in der Geschichte statt, sondern die Medien selbst erzwingen eine festgelegt Narrative.

Der Event mediale Raum ist immer ein körperlicher. Nicht nur körperlich in der Erfahrung des Rezipienten, sondern auch körperlich in der Präsentation. Es ist ein gebauter Raum, eine vollständige Einheit aus Objekten, seien sie analog, haptisch, digital oder virtuell. Sie sind im Raum und damit eine inszenierte erweiterte Wirklichkeit. Diese Wirklichkeit kann nicht verändert werden. Baufehler, Anordnung, Inhalte, Narrationsweisen, Technologien etc. können nicht kurzfristig umgestaltet werden.

Diese räumlichen Inszenierungen erzwingen Konzepttreue, zwingende Fragen nach der Art der Medien, nach dem inne liegenden Narrationsarten des Mediums selbst. Es ist ein Vorgriff auf ein Holodek. Und das ist die Zukunft der Event medialen Erlebnisräume.