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Ars Electronica 2017: Artificial Intimicy: END OF LIFE CARE MACHINE von Dan Chen


Es ist eine interaktive Installation. Das Umfeld ist ein Sterbehospiz, Krankenaus auf der Intensivstation. Überall Schilder, Erkennungsarmbänder aus Plastik, Broschüren, und der Last Moment Robot. Der kommt erst zu Einsatz, wenn die lebenserhaltenden Maschinen ein nahendes Davonscheiden feststellen. Dann auch verlässt das Krankenhauspersonal, seien es Schwestern oder Ärzte das Zimmer. Der Roboter sengt sich auf den Arm herab und bewegt sich leicht über den Unterarm der Sterbenden. Roboterintimität bei den letzten Atemzügen. Sie sollen den Menschen beruhigen und ihm sinnlich angenehme Impulse vermitteln. Der Mensch ist im Moment der größten Not und Verletzlichkeit nicht allein. Eine Maschine steht ihm bei.

Das ist in einem kurzen Loop dokumentiert. Anfangs scheint diese Art der Kunst eine emphatisch initiierte zu sein. Aber nach einigen Überlegungen und nach einem Zurückgreifen auf Erinnerungen und Erfahrungen ist diese Vorstellung der Ausdruck einer empathielosen Gesellschaft. Sollen in den letzten Atemzügen befindende Menschen von einem Roboter gestreichelt werden müssen? Werden die Verwandten nicht mal in diesen schweren Stunden Zeit haben? Manchmal klappt das nicht, das stimmt, denn der Weg ins Jenseits dauert oft länger, eine Woche, vielleicht zwei. Und da sitzen die Kinder am Sterbebett, Tage- und Nächtelang und just in dem Moment, wo sie austreten oder Luft schnappen, wird der letzte Atemzug getan. Das erscheint tragisch, aber die Zeit vorher ist gut genutzt. Am Bett sitzend kann man die Hand halten, sanft streicheln, die wichtigsten Dinge besprechen. Sind die Tomaten gegossen, ist das Wohnzimmer gestaubsaugt, der Wagen in der Garage, das Taufgeschenk da. Dinge, die für eine Person hohe Wichtigkeit haben. Meistens dreht es sich nicht um Geld, Beruf, Karriere, Politik oder die schönen Künste. Es ist das Kleine und Alltägliche, das kennen nur, die dem Sterbenden Nahestehende.

Menschen im Todeskampf haben durchscheinende Haut, sie ist empfindlich. Die leichteste Berührung kann zu einem schreckhaften Zucken, zu Verwirrung führen oder manchmal Schmerz hervor rufen. Die Maschine ist kühl, die Hand der Tochter, des Sohnes, des Mannes, des Enkels, Bruders, der Schwerster warm, vertraut und menschlich. Diese Hände wissen, wie berührt wird. Ohne Stress, ohne Zeit, einfach halten und sanfte kleine Bewegungen, wenn überhaupt. Wichtig ist die Nähe von vertrauten Personen. Nur diese Menschen kennen beruhigende Worte, dass alles gut ist, dass alle voller Liebe dem Sterbenden zugewandt sind, dass jetzt gegangen werden darf. Allein die Zeit zusammen zu verbringen ist ein hohes menschliches Gut. Es ist ein Geschenk und nicht wie angenommen, eine Qual. 

In dem Szenario der END OF LIFE CARE MACHINE von Dan Chen verlassen die Menschen, bis auf den Sterbenden den Raum. Alles Lebende geht. Nur die Maschine bleibt. Die Trostlosigkeit kann gar nicht übertroffen werden.

Ars Electronica 2017: Artificial Intimacy: Honey Pie von Zackary Canepari, Drea Cooper (US)

Es wird ein Video gezeigt. Einer über die Herstellung von einem Honey Pie. Es ist eine Sexpuppe. Die Lippen sind köstlich, voll und geöffnet. Die Augen groß und auch vielversprechend. Alles stimmt, die roten Haare, die Haut, die Körperformen und Körperöffnungen. Und der Erschaffer Matt McMullen, von Haus aus Künstler, jetzt liebevoller Handwerker von Real Dolls ist ihnen zugewandt. Eine Puppe kommt auf 6000 US Dollar. Sie werden in alle Gebiete, bevölkert oder besiedelt sorgfältig in großen Holzkisten verschifft. Die Besteller sind Männer oder vielleicht auch Frauen, davon wird nicht geredet, die eine Sexdoll brauchen. Die sie lieben, hingebungsvoll körperlich. Die Dolls haben unterschiedliche Vaginagrößen, ganz wie der Besitzer es wünscht. Und der Mund ist nach den Lippen eher eine Penisverschwindehöhle und ist weit von einer Mundhöhle entfernt.

Matt McMullen spricht von der Herstellung. Wie die Brüste und der Po geformt werden, wie er sich auch als Testobjekt um die Wirksamkeit der Sexdolls kümmert, wie sehr sie dem Manne zupassen kommen, wie sie helfen.

Mag sein, aber Inimacy? Artifiziell ja, wo aber ist das Intime? Ist es das Nackte im allgemeinen, sind es die passgenauen Öffnungen? Ist es die angenehme Hautstruktur? Ist es das gesamte Objekt und Gott Lob keine Frau. Lebend, denkend, mit Ansprüchen, Moral, Anstand und nicht Anstand?

Bildergalerie:

Ist nicht Intimität ein Zustand von tiefster Vertrautheit der Intimsphäre. Sie kann auf das Körperliche beschränkt sein aber auch erweitert gesehen werden. Intimität ist auch etwas Seelenhaftes, etwas Gefühlvolles. Wer die Intimsphäre eines Menschen verletzt, kann Labilität hervorrufen, das aus der Balance kommen der menschlichen Selbstverständlichkeit. Körperliche Berührungen dienen als Ausdruck von Sympathie und Verstehen. Es ist die Berührungen der Hände, der Haut, der Wangen, das Austauschen von Blicken, das zärtliche Streicheln und das kann zu Lust führen mit dem Geschlechtsverkehr und Orgasmus als Ausdrucksmittel.

Die Reduktion von Intimität auf Lust und Sex ist minderwertig, lässt den Menschen verkrüppeln. Sexdolls helfen all jenen, die sich nicht auszuhelfen wissen. Wo ist die Kunst? Wo ist die inhaltliche Auseinandersetzung? Wo ist das weiterführende Moment im Präsentieren von Sexdolls? Ist der Titel der Ausstellung falsch verstanden worden? Sind nur Männer am entscheiden? Hat noch nie jemand über Genderfragen nachgedacht?

Neben diesen Fragen ist diese Dokumentation eines Handwerks gelungen. Das Thema behandelt eine Nische, die wir immer schon mal gerne näher betrachten wollten. Wie geht es zu im Pornobusiness oder zumindest einer Verwandten. Wer arbeitet da woran, welche Arbeitsschritte sind notwendig? Wie sieht das Resultat aus, was macht es mit dem Menschen, wenn wir eine Sexdoll vor uns haben? Beginnen wir gleich schmutzige Gedanken zu übertragen. Denn die leichte Zufriedenstellung liegt vor uns. 

 

Ars Electronica 2017: IGNIS AER AQUA TERRA von Yuima Nakazato

Feuer, Wind Wasser Erde, die vier Elemente. Sie bilden die Grundlage der Vielfalt aller Stoffe. So zumindest war die Vermutung noch vor einigen Hunderten von Jahren. Die Naturwissenschaften haben diese Vorstellung erweitert. Aber die Idee durch eine Kombination einen unendliche Vielfalt zu schaffen, brachte Yuima Nakazato zu einer Modekollektion. Sie wird mit modernen Technologien hergestellt. Kleidung wird nicht mehr genäht, sie wird assembelt. Sie ist wie in der Autoindustrie. Es werden Bauteile hergestellt, diese wiederum mit einer unendlichen Vielzahl vom Möglichkeiten vermischt und viele verschiedene Mobile aus immer den gleichen Bauteilen werden hergestellt. Farbe, Grösse, Form, Schnittigkeit, Ausstattung, alles ist der Idee eines Menschen angepasst. Dafür sogen die vielfältigen Ausstattungslinien und Konfigurationen. Und dahin wird die Mode gehen. Jeder Mensch sein eigenes Design. Das praktiziert Adidas und andere Sportschuhehersteller. Das ist der Weg der Zukunft. Ob die Mode dadurch egalisiert wird oder nicht, kann noch nicht gesagt werden. Vielmehr geht es um die Zuneigung der Träger zu ihrem ureigensten Entwurf. Wo dieser dann hergestellt wird, ist nicht relevant.Wenn nicht mehr genährt wird, dann wird nicht mehr entworfen, nicht mehr gestaltet. Dann gibt es nur noch Modelkollektionsvorlagen aber keine Kollektionen mehr. Ob es dann auch einen Gebrauchtkleiderhandel gibt. Oder Vorführkleidungsstücke, die nach einem Monat tragen zwar als neu gelten aber etwas kostengünstiger zu haben sind. Es wird dann mit allem was gut und teuer gearbeitet. Die Modemodule können aus Silber, aus Gold sein. Sie können wahre Juwelen werden oder auch nicht. Vielleicht gibt es eine Wiederverwertung von abgelegten Modulkleidern. Die werden neu aufgearbeitet und wieder in die Modulpalette eingearbeitet. Vielleicht gibt es einen Kleiderschrottmarkt an dem sie die Armen bedienen? Und eigentlich gibt es alles das schon.

Bildergalerie:

Wenn ein Blick auf die Art der Mode geworfen wird, dann sehen wir Gustav Klimt vor uns. Fin de Siecle. Üppig, glamourös, farbenfroh. Die Mode sieht aus wie die Schuppen einer Schlange oder eines Chamäleons.

STARTS Prize 2017 Honorary Mention.

Ars Electronica 2017: Rock Print a Manistone von Gramazio Kohler Research, ETH Zürich + Self Assembly Lab, MIT.

Eine Machine, die ohne viel Material, ohne Mörtel und Klebstoffe, Mauern baut.

Ein Roboter wird mit leichtem Schaumglasschotter über einen Trichter gefüttert. Ein Schlauch führt die Öffnung an das Ziel, Schotter in kleinen Mengen wird abgegeben und zeitgleich mit einer locker aufliegenden Paketschnur verbunden. Bei der Weiterbewegung des Arms, wird die Schnur angezogen, nicht viel, aber ausreichend. Einige Schottersteine fallen runter, andere nicht, sie werden eher in einem kleinen Häufchen gebündelt. Nachdem eine Runde vollbracht ist, wird die Anhäufung mit einer Presse komprimiert, fest geklopft. Dann geht alles von vorne los. Mit dieser Technik entstehen Türme aus nur zwei Elementen: Schaumglasschotter und Faden. Dabei kommt eine solide Struktur aus losem Stein heraus.

Das Projekt ist im Forschungslabor Gramazio Kohler Research an der ETH Zürich und dem Self Assembly Lab des MIT’s entstanden. Fragen wie:

Kann eine bauliche Struktur, eine tragfähige Baustruktur entwickelt werden, die nicht nur von Robotern ausgeführt wird, sondern mit losen Elementen zu einer festen Struktur verwoben?

Es geht um den additiven Aufbau von architektonischen Elementen. Additive Fabrikation von Baustoffen in der Architektur kann vereinfacht als ein dreidimensionales Druckverfahren beschrieben werden. Es ermöglicht, funktionale und ästhetische Eigenschaften in ein Bauteil einzuweben und damit Architektur während des Bauprozesses bis auf die Ebene des Materials zu informieren. Die Grundmaterialien variieren, anfangs ist es der Ziegelstein, dann können andere Baumaterialien auf ihre Tragfähigkeit getestet werden.

Wer bei der Produktion zuschaut, kann ungläubig diese sehr lose Struktur und ebenso lose Fertigungstechnik bestaunen. Kann ein Türmchen mit so wenig befestigenden Materialien überhaupt den kleinsten Puffer aushalten? Es zuckt in den Händen mal ordentlich dagegen zu rempeln. Oder was macht diese Konstruktion wenn ein 8 Kilo Medizinball drauf geschmettert wird? In der Vorstellung fällt alles in sich zusammen. Die Vorstellung bleibt eine Vorstellung und der Turm als Ganzes bestehen. Interessieren würde es schon. Brennend sogar. Aber leider sind wir auf der Ars Electronica und dieses Werk ist auf der Schwelle zwischen Technik, Kunst und Wissenschaft. Mit Robotern.

Sie sind Gewinner des STARTS Prizes.