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„Turned upside down, it’s a forest“ von Takahiro Iwasaki

Turned upside down, it’s a forest“ von Takahiro Iwasaki auf der Biennale, Venedig im japanischen Pavillon.

Dieser Beitrag behandelt die Arbeiten des japanischen Künstlers Takahiro Iwasaki auf der Biennale Venedig 2017. Ausgewählte Kunstwerke werden besprochen und erklärt.

Zum Künstler.

[1]Takahiro Iwasaki (1975) wurde in Hiroshima geboren, lebt und arbeitet dort. Die Stadt ist in das kollektive Gedächtnis der Menschheit mit dem Atombombenabwurf der Amerikaner am 6. August 1945 eingegangen. Ein Desaster ohne Gleichen. 70.000 bis 80.000 Menschen wurden sofort getötet und in den Folgemonaten nach dem Abwurf kamen bis Ende 1945 noch 130.000 vorzugsweise Zivilisten hinzu. Als Folge der Langzeitfolgen der Strahlung wird heute noch eine nachweisbar höhere Menge an Krebserkrankungen der Bewohner festgestellt.

[2]Hiroshima war vor dem August 1945 eine 255.000 Einwohner starke Stadt, davon waren 10% koreanische und chinesische Zwangsarbeiter. Es gab keine Kriegsgefangenenlager, sondern sie beherbergte das Hauptquartier der 2. Hauptarmee, das für die Verteidigung Südjapans zuständig war. Die Stadt war Truppensammelpunkt, diente zur Lagerung kriegswichtiger Güter und beherbergte 40.000 Militärangehörige. Ein gutes Ziel. Da die Bombe über der Stadt explodierte wurde angenommen, dass die Folgen des radioakten Niederschlags gering seien und schon 1958 überschritt die Einwohnerzahl die der Vorkriegsjahre. Heute leben ca 1.250.000 Menschen in Hiroshima.

Wie mag es gewesen sein, in einer dem Erdboden gleichen Stadt einen Wiederaufbau zu starten? Wie mag die Stadt 1975 ausgesehen haben? Wie erzählen die Bewohner von ihrer Stadt, wie wird mit Geschichte, mit Toten, mit Vergangenheit umgegangen? Wie wird gelebt?

Hiroshima – Extend Of Fire & Limits Of Blast Damage, 1. Januar 1946. Urheber: Von User:W.wolny – ibiblio.org a collaboration of the centerforthepublicdomain.org, Gemeinfrei, https://commons.wikimedia.org/w/index.php?curid=256172

Der Künstler Takahiro Iwasaki baut aus Alltagsmaterial wie Zahnbürsten, Handtüchern, Lesezeichen, oder Paketband winzige Industrielandschaften. Handtücher werden zu Bergen, flauschige Badematten zu unebenen Untergrund, abgerollte Wolle zu geologischen Gesteinsschnitten auf denen ein Telegrafenmast, eine Starkstromtrasse oder Riesenrad steht. Er baut Freizeitparks wie Coney Island auf bunte Handtücher, Achterbahnen, Karussells, Schaukeln. Er konstruiert aus Lesezeichen Baukräne, Hydraulikbagger, Radlader, Schwertransporter mit Tiefbettaufleger und platziert sie auf Bücher. Die stehen für Gebäude und Stadtarchitektur. Er baut Raffinerien mit allem was dazu gehört wie Tanklager, etliche Rohrleitungssysteme, Reaktoren, Umschlagsbetriebe und ganze Häfen.

„Turned upside down, it’s a forest“

Auf der Biennale in Venedig wird „Turned upside down, it’s a forest“ ausgestellt. Es gibt zwei Wege sich der Miniaturkunst zu nähern. Entweder durch ein über einige Bautreppen zu erlangendes Kopfloch oder durch den Gebäudeeingang.

Dort wo das Kopfloch ist, stehen Menschen an, sie wissen nicht, was zu erwarten ist, aber wenn die Besucher wieder heraus kommen, immer einer nach dem anderen, machen sie einen erfreuten Eindruck. Wer endlich hindurch schaut, findet sich auf Augenhöhe mit einer Industrielandschaft. Sie ist schwarz und Tuchberge erheben sich wie Bergmassive im Hintergrund. Besucher, die den Haupteingang gewählt haben, stehen herum und beobachten die Reaktion, der von der Tiefe Kommenden. Manche lachen, andere verziehen keine Miene. Aber alle drehen und wenden sich, sie wollen den Rundumblick und bewundern die Feingliedrigkeit der Bauwerke.

Eine Besucherin schaut auf Augenhöhe in die Landschaft der schwarzen Industrie. image © sabinebvogel

Zeichnung der Industrielandschaft in ein Ringgebundenes Skizzenbuch. Photographie © Ursula Drees

Erst werden Landschaftszeichnungen hergestellt. Sie sind mit schwarzem Edding, oder Filzstift, vielleicht sogar Tusche oder Tinte auf Papier entweder auf Einzelbögen oder Skizzenbuch gezeichnet. Hauchfeine Linien werden zu Verdichtungen, werden Formen und zu urbanen Landschaften. Im Vordergrund das Motiv, es liegt im Tal, im Hintergrund durch einige Striche und Schraffuren, manchmal Muster, die Bergwelt. Die Fabriken sind in die umliegende Landschaft eingebettet. Sie stellt eine Grenze zu anderen, weit dahinter liegenden Landschaften dar. Wer so zeichnet wird das Subjekt viele Male betrachtet haben? Steht die Wirklichkeit Model, zeichnet der Künstler von Fotografie oder aus der Vorstellung? Gibt es diese Bauwerke, die Fabriken? In jedem Fall sind sie Repräsentanten für Zivilisationsstätten. Für Wirtschaft, Konsum, Ausbeutung der natürlichen Ressourcen, Fortschritt und Kapitalismus. Wenn nur eine dieser Fabriken leckt oder irgendein Container explodiert, wenn Kühlwasser austritt oder etwas Feuer fängt, gibt es eine kleine, eine mittelgroße oder umfassende Naturkatastrophe. Das überlebt man nicht ohne weiteres. So wie dereinst Hiroshima.

Wie oft wohl etwas schief geht, ein Klebetropfen macht eine Querstrebe unkenntlich, etwas biegt sich nach unten, die Statik funktioniert nicht, die Gebilde werden unförmig. Es müssen Stunden über Stunden in den Bau geflossen sein. Wie schwierig mag es sein? Der Künstler hat Geduld. Es wird verknotet, verstrebt, befestigt, gehärtet, arrangiert und in Farbe getaucht. Dünne Fäden stellen das Baumaterial dar. Die Installationen sind anfällig. Sie werden mühevoll konstruiert, eine unbedachte Handlung und schon knicken sie weg, werden unkenntlich und unbrauchbar. Das Aufbauen kostet Stunden, Fertigkeit, Geduld, Zerstören ist leicht. So wie Hiroshima.

Blick aus dem Kopfloch in die Industrielandschaft. image © sabinebvogel

 

Venedig Biennale 2017: Pavillon Süd Korea: Cody Choi und Lee Wan

photo by the artist. courtesy of the artist.

Zwei Künstler teilen sich die Ausstellungsfläche des Pavillons auf der Biennale. Das Gebäude wird zu einer Galerie. Manchmal werden Innenräume zu Erlebnisräumen, immer dann wenn auch der Umraum mitgestaltet wird. In diesem Jahr werden unabhängige Werke auf die Fläche verteilt gezeigt. Jedes steht für sich, sie finden thematisch eine Gemeinsamkeit, gestalterisch sind sie unterschiedlich.

„Venetian Rhapsody“ des Konzept-Künstlers Cody Choi: Las Vegas

The exterior of the Korea Pavilion in the Giardini, with CODY CHOI’s neon signage piece Venetian Rhapsody (2017) on the roof. All photos by HG Masters for ArtAsiaPacific.

Der Eingang zum Süd Koreanische Pavillon wird zum Neon Billboard. Es ist eine Kombination aus Amerikanischen Lichtschriftzeichen wie „Holiday Hotel, Motel“, Terminanschläge und auch Zeichen der Koreanischen Kultur wie Tiger, Drachen, Pfau. Sie vermengen sich zu einem hell leuchtenden Entré. Etwas zu viel von allem: Farben, Formen, Auslegung, Schriften, Zeichensprache überschneiden, unterscheiden, überdecken einander. Es sind Signifikanten die noch in den USA Midwest in dieser Form zu sehen sind, sie sind selbst älter und zitieren die 70iger, 80iger Jahre des letzten Jahrhunderts. Das Werk kreischt. Es geht dem Künstler Cody Choi mit “Venetian Rhapsody” um die Zur Schau Stellung des Identitätsverlusts seiner koreanischen Kultur und Werte im Zuge der Globalisierung. Und scheinbar bricht die Popkultur der Amerikaner am stärksten ein. So wie in vielen Ländern. Aus europäischen Augen betrachtet ist diese Kulturkritik berechtigt. Softdrinks, Fast Food, Hollywood, CNN, Mobilität sind die Stichworte. Die Gesellschaft wird dicker, verblödet durch ziemlich dämliche Feature Filme, wo es nur um Special Effects geht und am Ende alles in die Luft gesprengt wird, wo sich Sprache auf Schimpfworte und Kraftausdrücke reduzieren lässt, wo mit Überzeugungen und nicht Wissen geredet und gedacht wird, wo Berichterstattung zum Spektakel zelebriert wird und die Menschen überall sind nur nicht bei sich oder zu Hause.

Eine andere Installation von Cody Choi zitiert den Denker von Auguste Rodin. Der muskulöse Ringer und Preisboxer Jean Baud, viel und gerne im Rotlichtmilieu unterwegs, stand Rodin zwischen 1880 und 1882 Pate. Darstellen soll es Dante Alighieri, den Verfasser der göttlichen Komödie. Es ist eine Jahrhundertskulptur, tausendfach nachgeahmt und kopiert, vergrößert und mit anderem Material, kaum Menschen, die es nicht kennen. Cody Choi macht sie mit Toilettenpapier und Pepto-Bismol, einem pink farbigen Medikament gegen Magenverstimmungen und Durchfall nach.

Photo Ursula Drees

Es ist ein grobes Werk aber der Denker mit der unvergleichlich wieder erkennbaren Pose ist unmittelbar erkennbar. Diese Skulptur steht auf einem geweißten Holzkasten, wie sie für Schiffsversendungen eingesetzt werden. Er ist an einer Seite ausgefräst. Die Form lässt ein Hineinquetschen des unteren Rückens zu, es ist ein Plumpsklo. Die erzwungene Pose ähnelt die es Denkers. Der Künstler demonstriert es einer Performance. Unten der Mensch, oben die Skulptur. Die wiederum die Pose grob imitiert. ES ist unfertig, fast wie eine Verletzung. Der Denker, denkt er gar nicht? Ist er auf dem Klo und hinterlässt Fäkalien? Die westliche Philosophie wird auf den Prüfstein gelegt und in einen lächerlichen Kontext gestellt. Hier stellt sich dem Europäer die Frage, wie das geschehen kann und konnte. Natürlich ist die Skulptur witzig, aber ist es gerechtfertigt ist, die Hochkultur so zu verballhornen? Und dann auch noch mit einem typischen Amerikanischen Magen- und Verdauungsmedikament zu verbinden? Ist denn Europa bereits ein Abklatsch der Amerikanischen Kultur geworden? Wird in Südkorea Europa so verstanden? Als eine Suppe? Wo es ein leichtes ist, den Denker von Rodin auf ein Performance gerechtes Klo zu stellen?

Photo Ursula Drees

Ist der Künstler in die Entstehungsgeschichte dieser Skulptur gegangen? Hat er amüsiert festgestellt, dass die männliche Figur alles andere war, nur kein Denker? Und dann auch noch Dante Alighieri, diesen 1265 geborenen Florentiner, mager mit scharfer Hakennase und klaren Verstand darstellen soll? Ist ihm bewusst, dass Rodin diese Skulptur immer und immer wieder geformt hat, sich regelrecht daran abgearbeitet hat? Dass Rodin einen inneren Kampf mit der Göttlichen Komödie ausfocht? Diesem Jahrhundertwerk? Diese Fragen bleiben unbeantwortet. Der Betrachter kann unbedarft lachen und weiter gehen oder nicht. Als Europäer kommt ein wenig Empörung hoch, und das ist wiederum ein kurzes Innehalten wert, denn die Kritik an der Amerikanischen Kulturvermittlung im Eingang lässt uns kalt. Aber der Denker? So ist es wenn mit einem Mal persönlich betrachtet wird. Die Kritik sitzt.

Im Innenraum wird „Proper Time: Though the Dreams Revolve with the Moon” von Lee Wan durch einen schmalen Eingang betreten. Dann eröffnet sich die Welt der Uhren. Es sind 668, vom Model her die gleichen Wanduhren. Auf jeder Uhr ist ein Name, ein Geburtsdatum, eine Nationalität und ein Beruf vermerkt. Der Künstler Lee Wan hat diese Menschen getroffen, mit Ihnen über ihre Lebenssituation gesprochen. Es ist eine Studie, subjektiv in der Festlegung der Kriterien, und so ein künstlerischer Ausdruck eines Überblicks der Menschen, ihrer ökonomischen Situation und ihres Lebens.

Photo Ursula Drees

Die Uhren ticken mit unterschiedlichen Geschwindigkeiten, je nachdem wie lange ein Mensch für eine Mahlzeit arbeiten muss. Es sind abstrakte Portraits. Und sie zeigen wie unterschiedlich Menschen in der heutigen Welt leben. Die einen brauchen gar nicht für ihre Mahlzeit arbeiten, andere verschwenden überschaubare Zeit für die Finanzierung, andere viele Stunden, manche Tage. Der Raum ist weiß, Die Uhren eng aneinandergereiht aufgehängt, von der Decke bis zum Boden. Kein Ticken, wohl temperiertes weißes Licht, neutral, beruhigend, unaufdringlich, fast dekorativ.

 

 

 

Photo Ursula Drees

In der Mitte eine schwarze Büste „For a Better Tomorrow“. Mutter, Vater, Kind, im Dreiklang vereint, harmonisch, nur sind die Gesichter herausgeschnitten. Die Metapher, ziemlich gradlinig der gesichtslosen Gesellschaft. Es ist viel Plastik, die Gießkanten sind sichtbar. Die Skulptur fußt auf nordkoreanischen Propagandabildern. Oder solchen aus Nazideutschland oder den USA im 2. Weltkrieg. Zwei dimensional, Kriegergestalten, idealisierte Menschen im Kampf gegen….. wen auch immer.

photo by the artist. courtesy of the artist.

Die Mutter weist mit dem Arm in die Zukunft und auch ohne Gesichter zeigt die Pose das Idealisierte einer Familie im Staat. So wird die Familie für politische Missionen missbraucht. Der Mensch als Politwerkzeug instrumentalisiert. Keiner fragt sich nach der Herkunft, nach Gedanken und Gefühlen dieser Menschen. Sie leben nicht, sie stellen dar aber sind gesichtslos.

 

Ars Electronica 2017: Feminist Climate Change: Drone Sweet Drone von Anne Niemetz

Während des Amerikanischen Bürgerkriegs (1861 – 1865) auch Sezessionskrieg genannt, wurde der Satz „Home Sweet Home“ geprägt. Die Männer im Kriege sehnten sich nach der häuslichen Ruhe und Geborgenheit. Drone Sweet Drone zitiert ihn ironisch. Dronen, die für uns die Kriege übernehmen. Diese Vorstellung ist bequem, leider wird auf jeder Seite mit den gleichen oder ähnlichen Waffen gekämpft. Und das bedeutet, auch wenn keine Männer und Frauen in den Krieg auf das Feld geschickt werden, können Dronen nichtsdestotrotz zielgenau Orte angreifen und damit auch die zivile Bevölkerung.  Die Nachbarn, Mutter, Vater, Kinder, Schwersten, Brüder, die LehrerInnen, die BäckerInnen, die SchaffnerInnen, die HundebesitzerInnen: mit einem Wort alle. Es sind Waffen, auch wenn sie unbemannt sind.

Diese Arbeit kommt lieblich wie Hausfrauenarbeit daher. Auf hölzernen Stickerei Rahmen ist der blaue Stoff mit Dronenabbildungen verziert. Sie leuchten (Aduinos liegen dahinter) und geben bewegte Lichtsignale. Ein Ausschnitt am Himmel und darin die Drohne mit entsprechenden Leuchtzeichen. Poetisch hängen sie dort und jede einzelne Stickerei ist mit einer Weisheit versehen. Wir kennen diese Artefakte. Früher, zwischen 1870 und 1950 wurden Gebete, Reime oder Wünsche gestickt und eingerahmt an die Wand gehängt oder ein Kissen wurde verziert. Manchmal auch Gardinen oder Bettwäsche. Gestickte Moral auf  Spruchtüchern. Sie sprachen von Tradition, Rollenzuschreibungen und Illusionen. Was gibt es da zu lesen? „Was Mütterlein mir einst beschert, Halt‘ ich in diesem Schranke wert, Soll glatt und fein geordnet sein, Wie’s einstens hielt mein Mütterlein.“ Aber auch kriegsbeginnende Trennungssprüche wie z.B. „Abschied des Reservisten“,„Bist du Amboß, sei geduldig, Bist du Hammer, schlage zu.“ Manchmal sind sie subversiv wie: „So sanft wie ein Lämmlein wünsche ich mir mein Männlein“ oder „Ohne Glück und Gunst ist Kunst umsunst!“.

Hier steht „ I watch You“. Aber wen denn? Die Fliege im Wohnzimmer? Die Freunde, die durchs Wohnzimmer zum Kühlschrank gehen? Oder „Train Me“. Das ist schon etwas anderes. Die Stickerei soll für immer auf dem Stoff bleiben, das Dauerblinken nehmen wir in Kauf, aber mehr als das, ist nicht zu verantworten. „ I follow you“. Nun ja, soll sie doch, sie hängt an der Wand. Ihre Geschwister, die freien derweil sind gefährlich. Die Drohung steht.

Bildergalerie:

„ I am Beautiful“. Ja auch das ist eine treffende Bemerkung. Sie sehen tatsächlich unendlich harmlos aus. Wie die Twirlie Propeller Spielzeuge. Bunte Streben auf einem Ring, sie werden mit der Hand an einem Faden aufgezogen, dann losgelassen und siehe da, sie fliegen mehrere Meter. So genau sehen sie aus, nur Dronen sind Wölfe im Schafspelz. Vorsicht ist geboten. Und so geht es weiter: I kill you, I serve you, Trust ME, I am your Plaything“. Alles Lügen und wir können es nicht glauben, weil die Darstellung ein wenig altbacken und harmlos ist. Denn auch diese Kunst ist eine Täuschung. Wer nicht genau hinschaut, sieht Stickbilder. Wer bei Dronen nicht genau hinschaut, sieht kleine Flugkörper, so klein, dass sie nichts auszurichten scheinen. Auch nicht als Überwachungsobjekt, nicht als Kriegsgeschoss oder Späher.

Alberto Giacometti: Malerei

Das Photo ist eventuell urheberrechtlich geschützt und kommt von der Website MUSÉE MAM.

Alle kennen seine Skulpturen, diese ellenlangen, schmalen, wie im Windkanal nach hinten gepfiffenen Menschen. Ausgemergelt sind sie, bestehen aus Beinen, Beinen, Beinen, überhaupt alles ist Ellen lang.

Ein paar Worte zu Giacometti. Ein Schweizer, in Paris. Es dauert einige Zeit, bis er den bekannten Stil entwickelt, anfangs macht er kubistische Objekte und Malereien, dann wechselt er zum Surrealismus, da kommt er nicht weiter. Er ist Existenzialist, er beschäftigt sich mit Phänomenologie. Und dann endlich beginnt er mit der Arbeit an der „Komposition der Figur“. Er will die Distanz des Künstlers zur Figur aufzeigen. Er sieht und das will er zeigen, ohne die Vollendung durch Gedanken, Wissen und Theorie zu berücksichtigen.

Seine Malereien sind vielleicht ebenso bekannt, aber da steht das vielleicht. Seine Malerei wird erst nach 1957 besprochen. Wer bedenkt, dass er 1901 geboren wurde und 1966 verstarb, ist es spät im Leben des Künstlers. Seine Malerei ist monochrom. Auch reduziert auf das Wesentliche wie seine Skulptur.

Sie wirkt wie eine Skizze, eine Zeichnung. Viele Striche, die Ideallinie wird gesucht, es ist konstruierend und die Menge schafft Fläche. Ein Stillleben aus dem Jahr 1960. Es ist nicht sonderlich groß und passt auf die Staffelei. Gemalt wurde mit dem Blick auf die Gesamtfläche und der Arm mit Pinsel erreichte alle Ecken und Bereiche sitzend. Heute gehen Künstler um ihre Leinwände, manche müssen auf das Material treten, um zur Mitte zu kommen, bei diesem Format nicht.

Es ist ein Stillleben mit 5 Äpfeln in zwei Reihen, drei linker Hand, zwei rechter Hand, in der Bildmitte aufgereiht. Bei dem Wort Bildmitte muss erwähnt sein, dass die Leinwand etwas breiter als hoch ist und das Motiv in einem gemalten Quadrat mittig liegt, ein Bild im Bild. Diese Äpfel sind nicht rot oder grün, sie haben den gleichen Farbton wie das Umfeld. Ein warmer Grauton, der hier und da einen beigen Einschlag hat. Manchmal blitzt Okka auf, in seltenen Fällen etwas Rötliches, der Rest ist kalkig mit schwarzen Linien. Es geht um den skizzenhaft aufbauenden Strich. Manchmal wird die Konstruktion mit scheinbar ungeduldigen Pinselstrichen übermalt und zur Fläche. Es gibt keinen Tisch zu sehen, die Äpfel scheinen in einem geometrischen Raum aus Strichen und Linien zu schweben. Sie können auch auf dem Boden liegen. Horizontale und Vertikale teilen die Leinwand in Geometrie. Wobei der Raum angedeutet wird. Zwei Drittel Boden oder Raumfläche, ein Drittel oben die Wand. Sind das an die Wand gelehnte Bilder? Ist da ein Stuhl? Gibt es Möbel? Liegen Blätter in Stapeln auf dem Boden oder Tisch? Ist es ein Kästchen oder schweben die Äpfel auf einem Teller, oder etwas anderen Objekthaften. Darüber lässt sich spekulieren, es geht in die Abstraktion ein. Die Äpfel, die sind klar und deutlich. Mehr nicht.

Ein ahnliches Motiv, ebenfalls ein Stillleben, dies aber aus dem Jahr 1937, „Stillleben mit einem Apfel“, ist figurativ, wenig Abstraktion. Eine hölzerne Kommode, mit zwei schmalen Schubladen und zwei Fächern ist vor einer halbhohen hölzernen Wandvertäfelung platziert. Die Farbtöne der Hölzer sind übereinstimmend, eher dunkel, rötlich schimmerndes Material. Ein Sechstel der Bildhöhe macht die Zimmerwand aus, ein beiger Kalkton. In der Mitte dieser Komposition der einzelne Apfel. Klein liegt er auf der Kommodenoberfläche. Erkennbar bereits die vielen Striche, Noch wird mit Fläche Form gemalt, sie werden komplettiert durch Vertikale und horizontale Linien. Auch hier der unruhige Strich, an einigen Stellen werden die Flächen mit schnellen Pinselführungen in Wellen schraffiert. Andere Stellen erscheinen, als habe der Künstler mit einem Spachtel eine Fläche vertikal vermalt. Trotz des ruhenden Motives atmet diese Malerei Bewegung.

Ein weiteres Werk aus dem Jahr 1959 stellt Aika dar. Sie sitzt frontal vor dem Künstler, eingebettet in Linien des Ateliers. Die Hände im Schoss ruhend, schaut sie nach vorne. Das Bild ist monochrom, im bekannten Gips oder Kalk Ton mit Farbaufhellungen zu Okka und Rostrot. Dazwischen schwarze Linien, schnell gesetzte Striche. Der Kopf ist in der Bildmitte und durch die dunkeln Linien grau, zu gemalt. Immer und immer wieder wurde übermalt und neu angesetzt. Helligkeit ist fast verschwunden, hier und da blitzt ein hellgrauer Bereich wie oberhalb der Lippe oder der Stirn durch das vermalte Grau auf. Der Kopf ist klein und noch schmaler der Hals. Dann folgt die zugeknöpfte Bluse mit Kragen, ein breiter Gürtel und ein Rock, auf dem die Hände ruhen. ES reichen dem Maler einige zügige gut gesetzte Striche. Das Portrait selbst atmet die vielen Schichten und Ansätze. Der Kopf wird wie die Stillleben behandelt, ist klein im Bild. Die Proportionen sind unstimmig. Der Körper grösser als der Kopf.

Ein weiteres Bild „Isabel à l’atelier“ aus dem Jahr 1949 zeigt das Motiv, eine sitzende Frau, seitlich mit übergeschlagenen Beinen und vorgebeugt mit dem Unterarmen auf dem Schoss, sitzend auf einem durch Linien angedeutete Coach mit hoher Rückenlehne. Sie befindet sich in Mitten des Wirrwarrs des Ateliers. Eine Staffelei wird angedeutet, im Hintergrund einige Linien zur Raumperspektive. Farbschichten unter den Linien zeigen Raumtiefe, es sind mal hellere durch einfallendes Licht gekennzeichnete Bereiche, andere im Schatten liegende, ins Grau abtauchende Anteile. Der Boden geht in die Wand über, dennoch zeigt sich ein Rotton und grenzt ab. Isabel scheint ein rotes Kleid oder Ensemble zu tragen. Ihr Gesicht ist mit weissen runden Strichen eine Andeutung. Die Augen erscheinen wie Auslassungen auf dem dunkeln Gipston der Wand. Dennoch ist die Person in einer bewegten Stille fest gehalten. Selbst diese wenigen Striche des Gesichts vermitteln das Gefühl von einer unangenehm berührten Wartenden.

1950 portraitiert er seine Mutter „La Mère de l’ àrtiste“. Die in der Mitte sitzende Mutter, frontal auf dem Stuhl sitzend, dem Künstler gegenüber, übereinander geschlagene Fußknöchel, Hände im Schoss, inmitten der Bildfläche. Darum eine Orgie an Linien, Tisch, Kommode mit Objekten, Regale an der Wand, der Türrahmen mit der Mutter darin, eine Wanduhr, an der linken Bildseite Einbauschränke. Ein Perserteppich auf dem Boden. Rötliche Wand, rötlicher Teppich, viele Möbel in der Mitte der Mensch. Linien, Kreise, Striche. Der Mensch geht eine Symbiose mit dem Interieur ein. Er wird malerisch so behandelt wie das Ding. Der Kopf klein, die Augen nur Punkte, die Mundwinkel weisen nach unten. Es ist eine entspannte Aufmerksamkeit, aber gleichzeitig ein geduldiges Ausharren. Die Mutter sitzt ihrem Sohn als Model. Der Moment eingefangen.

Die besprochenen Bilder sind Teil der Ausstellung: Derain, Balthus, Giacometti im Musée d’Art moderne de la Ville in Paris. Sie geht noch bis Ende Oktober.

Die Photographien wurden mit dem Handy in der Ausstellung von Ursula Drees gemacht. Sie sind nicht von allererster Qualität, gerade das obige ist durch die Spiegelung verbesserungswürdig. Auf Instagram sind bedeutend hochwertige Abbildungen zu finden.

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