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„Turned upside down, it’s a forest“ von Takahiro Iwasaki

Turned upside down, it’s a forest“ von Takahiro Iwasaki auf der Biennale, Venedig im japanischen Pavillon.

Dieser Beitrag behandelt die Arbeiten des japanischen Künstlers Takahiro Iwasaki auf der Biennale Venedig 2017. Ausgewählte Kunstwerke werden besprochen und erklärt.

Zum Künstler.

[1]Takahiro Iwasaki (1975) wurde in Hiroshima geboren, lebt und arbeitet dort. Die Stadt ist in das kollektive Gedächtnis der Menschheit mit dem Atombombenabwurf der Amerikaner am 6. August 1945 eingegangen. Ein Desaster ohne Gleichen. 70.000 bis 80.000 Menschen wurden sofort getötet und in den Folgemonaten nach dem Abwurf kamen bis Ende 1945 noch 130.000 vorzugsweise Zivilisten hinzu. Als Folge der Langzeitfolgen der Strahlung wird heute noch eine nachweisbar höhere Menge an Krebserkrankungen der Bewohner festgestellt.

[2]Hiroshima war vor dem August 1945 eine 255.000 Einwohner starke Stadt, davon waren 10% koreanische und chinesische Zwangsarbeiter. Es gab keine Kriegsgefangenenlager, sondern sie beherbergte das Hauptquartier der 2. Hauptarmee, das für die Verteidigung Südjapans zuständig war. Die Stadt war Truppensammelpunkt, diente zur Lagerung kriegswichtiger Güter und beherbergte 40.000 Militärangehörige. Ein gutes Ziel. Da die Bombe über der Stadt explodierte wurde angenommen, dass die Folgen des radioakten Niederschlags gering seien und schon 1958 überschritt die Einwohnerzahl die der Vorkriegsjahre. Heute leben ca 1.250.000 Menschen in Hiroshima.

Wie mag es gewesen sein, in einer dem Erdboden gleichen Stadt einen Wiederaufbau zu starten? Wie mag die Stadt 1975 ausgesehen haben? Wie erzählen die Bewohner von ihrer Stadt, wie wird mit Geschichte, mit Toten, mit Vergangenheit umgegangen? Wie wird gelebt?

Hiroshima – Extend Of Fire & Limits Of Blast Damage, 1. Januar 1946. Urheber: Von User:W.wolny – ibiblio.org a collaboration of the centerforthepublicdomain.org, Gemeinfrei, https://commons.wikimedia.org/w/index.php?curid=256172

Der Künstler Takahiro Iwasaki baut aus Alltagsmaterial wie Zahnbürsten, Handtüchern, Lesezeichen, oder Paketband winzige Industrielandschaften. Handtücher werden zu Bergen, flauschige Badematten zu unebenen Untergrund, abgerollte Wolle zu geologischen Gesteinsschnitten auf denen ein Telegrafenmast, eine Starkstromtrasse oder Riesenrad steht. Er baut Freizeitparks wie Coney Island auf bunte Handtücher, Achterbahnen, Karussells, Schaukeln. Er konstruiert aus Lesezeichen Baukräne, Hydraulikbagger, Radlader, Schwertransporter mit Tiefbettaufleger und platziert sie auf Bücher. Die stehen für Gebäude und Stadtarchitektur. Er baut Raffinerien mit allem was dazu gehört wie Tanklager, etliche Rohrleitungssysteme, Reaktoren, Umschlagsbetriebe und ganze Häfen.

„Turned upside down, it’s a forest“

Auf der Biennale in Venedig wird „Turned upside down, it’s a forest“ ausgestellt. Es gibt zwei Wege sich der Miniaturkunst zu nähern. Entweder durch ein über einige Bautreppen zu erlangendes Kopfloch oder durch den Gebäudeeingang.

Dort wo das Kopfloch ist, stehen Menschen an, sie wissen nicht, was zu erwarten ist, aber wenn die Besucher wieder heraus kommen, immer einer nach dem anderen, machen sie einen erfreuten Eindruck. Wer endlich hindurch schaut, findet sich auf Augenhöhe mit einer Industrielandschaft. Sie ist schwarz und Tuchberge erheben sich wie Bergmassive im Hintergrund. Besucher, die den Haupteingang gewählt haben, stehen herum und beobachten die Reaktion, der von der Tiefe Kommenden. Manche lachen, andere verziehen keine Miene. Aber alle drehen und wenden sich, sie wollen den Rundumblick und bewundern die Feingliedrigkeit der Bauwerke.

Eine Besucherin schaut auf Augenhöhe in die Landschaft der schwarzen Industrie. image © sabinebvogel

Zeichnung der Industrielandschaft in ein Ringgebundenes Skizzenbuch. Photographie © Ursula Drees

Erst werden Landschaftszeichnungen hergestellt. Sie sind mit schwarzem Edding, oder Filzstift, vielleicht sogar Tusche oder Tinte auf Papier entweder auf Einzelbögen oder Skizzenbuch gezeichnet. Hauchfeine Linien werden zu Verdichtungen, werden Formen und zu urbanen Landschaften. Im Vordergrund das Motiv, es liegt im Tal, im Hintergrund durch einige Striche und Schraffuren, manchmal Muster, die Bergwelt. Die Fabriken sind in die umliegende Landschaft eingebettet. Sie stellt eine Grenze zu anderen, weit dahinter liegenden Landschaften dar. Wer so zeichnet wird das Subjekt viele Male betrachtet haben? Steht die Wirklichkeit Model, zeichnet der Künstler von Fotografie oder aus der Vorstellung? Gibt es diese Bauwerke, die Fabriken? In jedem Fall sind sie Repräsentanten für Zivilisationsstätten. Für Wirtschaft, Konsum, Ausbeutung der natürlichen Ressourcen, Fortschritt und Kapitalismus. Wenn nur eine dieser Fabriken leckt oder irgendein Container explodiert, wenn Kühlwasser austritt oder etwas Feuer fängt, gibt es eine kleine, eine mittelgroße oder umfassende Naturkatastrophe. Das überlebt man nicht ohne weiteres. So wie dereinst Hiroshima.

Wie oft wohl etwas schief geht, ein Klebetropfen macht eine Querstrebe unkenntlich, etwas biegt sich nach unten, die Statik funktioniert nicht, die Gebilde werden unförmig. Es müssen Stunden über Stunden in den Bau geflossen sein. Wie schwierig mag es sein? Der Künstler hat Geduld. Es wird verknotet, verstrebt, befestigt, gehärtet, arrangiert und in Farbe getaucht. Dünne Fäden stellen das Baumaterial dar. Die Installationen sind anfällig. Sie werden mühevoll konstruiert, eine unbedachte Handlung und schon knicken sie weg, werden unkenntlich und unbrauchbar. Das Aufbauen kostet Stunden, Fertigkeit, Geduld, Zerstören ist leicht. So wie Hiroshima.

Blick aus dem Kopfloch in die Industrielandschaft. image © sabinebvogel

 

Mimus: Coming face-to-face with our companion species von Madeline Gannon

Mimus ist ein Industrieroboter. Groß und schwer, präzise in den Bewegungen und unaufhaltsam bei der Arbeit. Diesen Maschinen steht nichts im Wege und deshalb sollte man das auch tunlichst unterlassen. Wir haben Respekt vor so großen Maschinen. Dieser Industrieroboter führt nicht nur vorprogrammierte Handlungen und Bewegungen aus. Er bewegt sich autonom. Die Decke ist mit Sensoren versehen, sie erfassen alle Bewegungen im Umfeld des Roboters. Werden Veränderungen wahr genommen, nähert sich der Roboterarm jeweils der Ursache. Werden keine weiteren Bewegungen erkannt, wendet sich der Arm ab und beschäftigt sich selbst.

Bildergalerie:

Präsentiert wird der Roboter nicht live, nur über einen Video. Da steht er in einem Glaskäfig, vor der Scheibe wie im Affenhaus befinden sich die Menschen, Kinder. Sie bewegen sich und sofort ohne Verzögerung reagiert der Roboter und nähert sich an. Das ist ein verrückt anzusehendes Schauspiel. Die Bewegungen wirken so natürlich, so lebendig, so individuell, so gewollt. Und sofort bringen wir dieser Maschine Empathie entgegen. Wir wollen mehr Interaktion, wir wollen spielen, wollen uns mit diesem technischen Tierchen anfreunden und es lieb haben.

Die Gestenerkennungssoftware heißt Quipt. Sie unterstützt neue und intuitivere Wege mit Industrierobotern zu kommunizieren. Mit wearable markers und einem motion capture system vermag Quipt Industrierobotern eine Raumwahrnehmung und -vorstellung zu vermitteln und das lässt sie in großer Nähe mit Anderen interagieren.

Madeline Gannon ist Doktorandin in Computational Design der Carnegie Mellon University. Ausserdem leitet sie das MADLAB.cc.

gesehen auf der Ars Electronica 2017: POST CITY. 

Ars Electronica 2017: POST CITY. PAPILON VON Hiraki Sato, Kenichi Nakahara, Koya Narumi, Yasuaki Kakehi, Ryuma Niiyama, Yoshihiro Kawahara (Japan)

Eine Geodätische Kuppel im Sinne von Buckminster Fuller steht dort. Sie ist aus leichten Plastikdreiecksmodulen, im 3 D Drucker die Verbindungselemente produziert. Die für eine Massenproduktion enthaltenen Informationen sind auf github veröffentlicht. Die Konstruktion sieht sehr leicht aus. Da wiegt nichts viel. So wie die Kuppel da steht, nimmt man sie im Rucksack mit. Das Aufstellen macht, wie bei anspruchsvolleren Zelten, die meiste Arbeit.

Bildergalerie:

Über die Kuppel ist ein feines Plastiknetz gespannt, darauf angebracht Schmetterlinge. Sie werden durch Kabelbinder am Netz befestigt. Sie sind aus einer Folie, vielleicht Plastikfolie. Im Mittelraum befinden sich Lichtsensoren. Sie reagieren auf Veränderungen der Umgebungen. Es ist eine responsive Architektur, die Soft Robot Technologien nutzt. Die Flügel der eng gesetzten Schmetterlinge entfalten sich und spenden Schatten, sie klappen hoch und lassen Licht durch. Sie reagieren wie eine atmende Skulptur. Fast glaubt man der Wind fegt sie bei einer leichten Brise weg. Aber dafür werden Verankerungen im Boden sorgen müssen. So verspielt und lieblich die Bestandteile sind, so eindrucksvoll ist das Ziel einer Miniatur Response Architektur erreicht.

Ars Electronica 2017: Feminist Climate Change: Drone Sweet Drone von Anne Niemetz

Während des Amerikanischen Bürgerkriegs (1861 – 1865) auch Sezessionskrieg genannt, wurde der Satz „Home Sweet Home“ geprägt. Die Männer im Kriege sehnten sich nach der häuslichen Ruhe und Geborgenheit. Drone Sweet Drone zitiert ihn ironisch. Dronen, die für uns die Kriege übernehmen. Diese Vorstellung ist bequem, leider wird auf jeder Seite mit den gleichen oder ähnlichen Waffen gekämpft. Und das bedeutet, auch wenn keine Männer und Frauen in den Krieg auf das Feld geschickt werden, können Dronen nichtsdestotrotz zielgenau Orte angreifen und damit auch die zivile Bevölkerung.  Die Nachbarn, Mutter, Vater, Kinder, Schwersten, Brüder, die LehrerInnen, die BäckerInnen, die SchaffnerInnen, die HundebesitzerInnen: mit einem Wort alle. Es sind Waffen, auch wenn sie unbemannt sind.

Diese Arbeit kommt lieblich wie Hausfrauenarbeit daher. Auf hölzernen Stickerei Rahmen ist der blaue Stoff mit Dronenabbildungen verziert. Sie leuchten (Aduinos liegen dahinter) und geben bewegte Lichtsignale. Ein Ausschnitt am Himmel und darin die Drohne mit entsprechenden Leuchtzeichen. Poetisch hängen sie dort und jede einzelne Stickerei ist mit einer Weisheit versehen. Wir kennen diese Artefakte. Früher, zwischen 1870 und 1950 wurden Gebete, Reime oder Wünsche gestickt und eingerahmt an die Wand gehängt oder ein Kissen wurde verziert. Manchmal auch Gardinen oder Bettwäsche. Gestickte Moral auf  Spruchtüchern. Sie sprachen von Tradition, Rollenzuschreibungen und Illusionen. Was gibt es da zu lesen? „Was Mütterlein mir einst beschert, Halt‘ ich in diesem Schranke wert, Soll glatt und fein geordnet sein, Wie’s einstens hielt mein Mütterlein.“ Aber auch kriegsbeginnende Trennungssprüche wie z.B. „Abschied des Reservisten“,„Bist du Amboß, sei geduldig, Bist du Hammer, schlage zu.“ Manchmal sind sie subversiv wie: „So sanft wie ein Lämmlein wünsche ich mir mein Männlein“ oder „Ohne Glück und Gunst ist Kunst umsunst!“.

Hier steht „ I watch You“. Aber wen denn? Die Fliege im Wohnzimmer? Die Freunde, die durchs Wohnzimmer zum Kühlschrank gehen? Oder „Train Me“. Das ist schon etwas anderes. Die Stickerei soll für immer auf dem Stoff bleiben, das Dauerblinken nehmen wir in Kauf, aber mehr als das, ist nicht zu verantworten. „ I follow you“. Nun ja, soll sie doch, sie hängt an der Wand. Ihre Geschwister, die freien derweil sind gefährlich. Die Drohung steht.

Bildergalerie:

„ I am Beautiful“. Ja auch das ist eine treffende Bemerkung. Sie sehen tatsächlich unendlich harmlos aus. Wie die Twirlie Propeller Spielzeuge. Bunte Streben auf einem Ring, sie werden mit der Hand an einem Faden aufgezogen, dann losgelassen und siehe da, sie fliegen mehrere Meter. So genau sehen sie aus, nur Dronen sind Wölfe im Schafspelz. Vorsicht ist geboten. Und so geht es weiter: I kill you, I serve you, Trust ME, I am your Plaything“. Alles Lügen und wir können es nicht glauben, weil die Darstellung ein wenig altbacken und harmlos ist. Denn auch diese Kunst ist eine Täuschung. Wer nicht genau hinschaut, sieht Stickbilder. Wer bei Dronen nicht genau hinschaut, sieht kleine Flugkörper, so klein, dass sie nichts auszurichten scheinen. Auch nicht als Überwachungsobjekt, nicht als Kriegsgeschoss oder Späher.

Ars Electronica 2017: Mariendom: LightScale II von Uwe Rieger

Der Mariendom in Linz, Österreichs größter Kirchenbau, in dem gut 20.000 Menschen Platz finden, wird umgebaut. Das Gebäude ist neben den Bauabsperrungen leer. Das allein ist sensationell, denn die Größe und Höhe des Raumes kann sich vollständig entfalten. Hier wird LightScale II von Uwe Rieger gezeigt.

Das Werk braucht Luft. Es misst 20 Meter Länge und ist in Form einer Reuse aufgebaut. Die Karbonkonstruktion ist nicht federleicht, aber leicht. Unerwartet einfach lässt sie sich  im Raum bewegen. Sie ist aus Karbon gefertigt und auf einem Ein-Punkt Träger asymmetrisch aufgestellt. Für die Balance werden seitlich zwei Schwimmer, in diesem Fall Gewichte ausgelegt. Damit lässt sich die Reuse nicht nur in der Horizontalen, sondern auch Vertikalen verschieben. Sie kann auch im 45 Grad Winkel schaukeln. Die Reuse ist mit grüner Gaze umspannt. Im Innenbereich ist die Gaze locker in der Diagonalen ausgelegt. Sie bilden einen durchscheinenden Körper. Ultraschall- Sensoren an der Bodenträgerkonstruktion leiten Daten an ein Motion-Tracking –System. Mit Unity werden Soundfiles als auch Projektionen aktiviert. Es sind Meeresgeräusche und Walgesangähnliche Töne. Auf die Netze werden Unterwasserformen projiziert. Es sind Blasen, Quallen ähnliche Gebilde, Algen manchmal Geometrien. Sie schweben mit der gleichen Bewegung der Reuse im Netzraum. Der Besucher bewegt die Reuse und damit werden neben dem default Sound- und Bildteppich zusätzlich Sounds und Bilder aktiviert. Es ist eine meditative Installation. Sie beeindruckend durch Größe und Leichtigkeit.

Bildergalerie:

Die Semiotik des Materials, Netz, Reuse, Karbon verweisen auf die Schwerelosigkeit des Meeres. Die analoge Bewegung, das langsame Schweben und die leicht zu bewegende Reuse, die dann wiederum mit einer dem Meereswiderstand angemessenen Bewegung ein wenig schwerfällig Positionsveränderungen nachgeht sind der Vorstellung von der Bewegung unter Wasser angemessen. Das Gefühl im Meer zu sein wird erzeugt. Die schwarmhaften Projektionen verbunden mit den Wassergeräuschen und Walgesängen schließen den Eindruck. Es ist poetisch, leicht und meditativ. Hier will sich der Besucher aufhalten. Es wird nicht langweilig, die Geräusche und Bilder werden nicht aufdringlich, ein vollendetes Werk.

Reusen treiben im Meer . Die Fische, von Wind und Wellengang zum Ufer getrieben, schwimmen auf dem Rückweg ins Meer an den Leitnetzen entlang in die Reusen, aus denen sie nicht mehr entweichen können, weil die einzelnen Teile trichterförmig ineinander greifen. Im Frühjahr, nachdem kein Eisgang mehr zu erwarten ist, werden die Reusen eingesetzt und bleiben den ganzen Sommer über im Meer. Sie werden alle 3 Tage geleert.

Uwe Rieger Light Scale Ars Electronica

Uwe Rieger ist Associate Professor am arc/sec Lab for Digital Spatial Operations an der School of Architecture and Planning in Auckland.

LightScale II